Juni 2010

Während meines Urlaubs in der Türkei treffe ich eine Direktorin einer slowenischen Online-Marketing-Agentur. Ihr Name: Barbara. Doch damit nicht genug: Es ist noch eine Barbara vor Ort, und auch sie kommt aus Ljubljana. Wir haben also zwei Barbaras. „Nein“, belehrt mich Barbara Nummer zwei. „Im Slowenischen heißt es ‚Barbari'“, sagt sie und fügt zur meiner bereits bestehenden Verwirrung noch eine weitere hinzu: „Und wenn es mehr als zwei Barbaras sind“, sagen wir Slowenen ‚Barbare‘.

Ganz abgesehen davon, dass in vorliegenden Fall durch Multiplizierung aus einem schönen weiblichen Vornamen eine Assoziation mit etwas Grausamem, nämlich dem Wort „Barbar“ wird: Warum in Gottes Namen braucht man ein Wort für drei Barbaras und mehr? Gibt es etwa in Slowenien regelmäßig Treffen von Frauen, die zufällig alle Barbara heißen und die bei der Begrüßung mit dem richtigen Anrede (Liebe Barbare!“) angesprochen werden wollen?

Barbara II weiß leider keine Antwort. Daher schiebe ich eine zweite Frage nach: „Wie lauten die Pluralformen von Bert?“ Die Lösung folgt prompt: „Zwei Berta, drei Berti“. Berta? Ändert sich etwa das Geschlecht, wenn zwei Berts aufeinander treffen? Und welche Gemeinheit steckt hinter dem Plural Berti? Viele Freunde, Arbeitskollegen und Familienmitglieder nennen mich so seit Jahren! War das etwa stets eine Anspielung auf mein Gewicht? Dass ich mit meinen einst 107 Kilos gut und gerne zwei magersüchtige Berts – Verzeihung: Berta – aufgewogen hätte, muss ich zähneknirschend zugeben. Aber drei Berts und mehr? Das nehme ich als Beleidigung auf! Wirklich unerhört!

 

Januar 2010

Zugegeben: Nicht alles, was auf Medienkongressen erzählt wird, stellt sich im Nachhinein als richtig heraus. Doch in der Regel sind die Aussagen oder Prognosen so geschickt gewählt oder formuliert, dass sie eine Halbwertzeit von mehreren Monaten haben. Nicht so beim 2. Deutschen Medienkongress von HORIZONT am 19. und 20. Januar in Frankfurt. Dort überdauerte eine Kernaussage eines so genannten Impulsreferats nicht einmal die darauf folgende Pause.

Aber der Reihe nach: Der Chef eines Radiodienstleisters will anhand zweier plastischer Beispiele die Inflation der Medienkanäle illustrieren: „Wie viele verschiedene Kaffees gab es vor 40 Jahren?“, fragt er in die Runde. „Richtig: EINEN, und nur EINE Größe.“ Heute seien es dank amerikanischer Großketten über hundert. Das Gleiche passierte im Fernsehbereich, in dem aus einst zwei Sendern (ARD und ZDF) mehrere Hundert geworden sind.

Vergleichbares sei bei den Werbekanälen geschehen, die vor ein paar Jahrzenten nur aus Zeitungen und Zeitschriften sowie dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen bestanden hätten. Inzwischen gebe es Dutzende von Kanälen: vom Privatfernsehen über Handy bis hin zu verschiedenen Social-Media-Kanälen wie YouTube, Twitter und Facebook.

So weit, so gut. Die Fernseh-These kann ich als bekennender TV-Junkie nur bestätigen, ebenso die Aussagen über die Inflation der Werbekanäle – wozu bin ich schließlich seit fast neun Jahren Medien- und Marketingredakteur?

Doch wie sieht es beim Thema Kaffee aus? Ich mache in der nächsten Pause die Probe aufs Exempel und fange ganz bescheiden an: Ich bestelle weder einen „Strawberries & Cream Frappuccino® Blended Cream“, noch einen „Sumatra Lake Toba“, sondern ganz simpel einen Capuccino. „Hamwa nicht“, heißt es auf der anderen Seite der Theke. „Wir haben nur Kaffee!“, sagt die Bedienung. „Okay, haben Sie wenigstens einen großen Kaffee?“, frage ich, um dem Kellner und dem Referenten eine zweite Chance zu geben. „Nein! Nur DIESE Tassen!“, sagt er und zeigt dabei auf ganz gewöhnliche weiße Tassen.

 

September 2010

Auf meiner Abschiedsfeier bei HORIZONT bekomme ich die Gelegenheit, die beiden großen Vorteile meines Wechsels zu einer Modewirtschaftsfachzeitung hervorzuheben: Zunächst einmal kann ich davon ausgehen, dass meine Schwester künftig meine Artikel liest. Nicht nur, weil sie – wie fast alle Frauen – ein Fashion Victim ist, sondern auch, weil sie selbst viele Jahre im Textileinzelhandel gearbeitet hat. Entsprechen begeistert nahm sie die Nachricht von meinem neuen Job auf und bat mich, mir ab und zu Ausgaben der TW zukommen zu lassen.

Das waren ganz neue Töne. Denn wenn ich ihr in der Vergangenheit Ausgaben der von mir mitproduzierten Fachzeitungen text intern, ONEtoONE und HORIZONT mitbrachte, fragte sie mich jedes Mal entgeistert: „Muss ich das jetzt etwa lesen?!“

Ein weiterer Vorteil meines Wechsels ist schon fast ein Kontinuum: In der Vergangenheit hatte ich nolens volens (New-Economy-Crash, Medienkrise I und II) regelmäßig nach spätestens zwei Jahren meinen Job gewechselt. Bis auf eine Ausnahme: Bei ONEtoONE fand nach zwei Jahren ein kompletter Austausch meiner Redaktionskollegen statt. Der große Vorteil: Ich konnte jeweils mein Portfolio an Witzen und Sprüchen, das spätestens nach zwei Jahren zur Neige geht, wieder neu ausrollen.

So auch jetzt bei der TW. Ein HORIZONT-Kollege bezweifelt das allerdings: „Das Potenzial ist längst noch nicht ausgeschöpft!“ Ein ehemalige ONEtoONE-Kollegin sieht das Ähnlich. Denn ihren Schätzungen zufolge sind 40 Prozent meines Gehirns für Witze reserviert. Das ist natürlich absoluter Quatsch. Es sind mindestens 60 Prozent!

Die zweite Reaktion auf meine Rede: Eine Schuh-Shopping-süchtige Kollegin gab mir einen nicht ganz uneigennützigen Tipp auf den Weg: „Wenn man Dich fragt, welche Schuhgröße Deine Schwester hat: Sie hat 37!“ und deutete dabei auf ihre High-Heels. Als ob ein Modemarketing-Redakteur Produktproben bekommen würde! Demselben Irrtum erlag auch eine Hamburger Freundin: Als sie erfuhr, dass ich zur Berlin Fashion Week fahre, schrieb sie in meinem Facebook-Gästebuch: „Bring mir ein hübsches Louis-Vuitton-Kleid mit!“

 

August 2010

Etwa fünf Wochen, bevor ich meine Stelle bei einer Zeitschrift für Modewirtschaft antrete, treffe ich drei Redakteurinnen meines künftigen Arbeitgebers. Sie laden mich zum Essen ein und geben mir wertvolle Tipps für den Neuanfang. Freudig erzähle ich anschließend einer Noch-Kollegin bei HORIZONT von dieser erfreulichen Begegnung.

Doch anstatt zu fragen, wie die künftigen Kolleginen denn so seien und wie das Treffen verlaufen sei, fragt sie nur völlig ungläubig: „Was?! Die haben was gegesssen?!!“ So viel zum Thema Klischees innerhalb des Verlags! Was mögen wohl umgekehrt die TW-Redakteure über uns HORIZONT-Redakteure denken? Dass wir zum Einschlafen Radio-Werbe-Jingles hören? Oder vorher unseren Kindern oder Nichten/Neffen doppelseitige Autoanzeigen als Gute-Nacht-Geschichte vorlesen? Ich bin gespannt!

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