„Was fällt Dir ein, Fan von ‚werben & verkaufen‘ zu werden?“, schrieb mir der Ressortleiter von HORIZONT.net, Marco Saal, sinngemäß vor ein paar Monaten erbost. Ich hatte zuvor auf Facebook den Nachrichten-Feed der Marketingfachzeitschrift „werben & verkaufen“ abonniert. Dazu musste ich den etwas unglücklich formulierten Button „Werde Fan“ anklicken, sodass Minuten später in meiner persönlichen Status-Zeile die Meldung „Bert ist jetzt Fan von werben & verkaufen“ erschien.
Inzwischen hat Facebook den „Fan“-Button durch die unverfängliche Formulierung „Gefällt mir“ ersetzt. Doch das Problem bleibt. Denn wenn ein Unternehmen seine Facebook-Page mit Hilfe eines Tools des populären Social Networks auf seiner Startseite bewirbt, erscheint innerhalb des Plug-ins immer noch die fragwürdige Bezeichnung „Fan“.

Und nun wird es lustig: In meinem Fall war es noch durchaus legitim, in einem – wie auch immer gearteten Ausmaß – „Fan“ von „w&v“ zu sein. Schließlich arbeite ich nicht mehr für „HORIZONT“, sodass die Zeitung nicht mehr auf eine konsequente Loyalität oder gar auf eine Konkurrenzausschlussklausel pochen kann. Und wie gesagt: Im Grunde hatte ich nur Presseschau betrieben. Wenn also bereits mein geringfügiger Verstoß so viel Aufregung verursacht: Wie wird Herr Saal reagieren, wenn er liest, dass „HORIZONT“-Redakteur und Ober-.Blogger Olaf Kolbrück, der wegen seiner Social-Media-Expertise eigentlich ein großes Aushängeschild der Zeitung ist, neuerdings als Markenbotschafter von „w&v“ agiert?

Sie haben richtig gelesen: Olaf wirb für die Konkurrenz! Schließlich erscheint sein Konterfei samt Vorname – dank des besagten Plug-in von Facebook – unter dem Satz „werben & verkaufen hat 7.861 Fans“.

Wer die genauen Hintergründe nicht kennt, könnte jetzt in Spekulationen verfallen: Hat „HORIZONT“ etwa – wenige Tage nach dem historischen Agentenaustausch von Russland und den USA – seinen eigenen großen Spionageskandal? Schließlich wissen wir spätestens seit dem Hollywood-Film „Der Fan“ mit Robert de Niro was Fans für ihre Idole machen: schlicht alles! „Facebookgate am Main“, würde eine bekannte Hamburger Boulevard-Zeitung in großen Buchstaben titeln – wenn sie der Vorfall interessierte. Aber dazu ist „HORIZONT“ zum Glück nicht bedeutend genug, jedenfalls nicht in der breiten Masse…

 

Jeder kennt das Phänomen: Sobald man einen Fahrstuhl betritt, verstummen sofort alle Gespräche, und es herrscht ein betretenes Schweigen. Beim Warten auf den Fahrstuhl ist dagegen Small Talk angesagt. Auch wenn es gerade nichts Gescheites zu erzählen gibt. So geschehen neulich im Deutschen Fachverlag, als ich einen ehemaligen Kollegen von „HORIZONT“ traf, der hauptsächlich über Internetthemen schreibt. Da mir gerade kein Small-Talk-fähiges Online-Thema einfiel, sprach ich den Redakteur auf sein lilafarbemes Hemd an. „Lila ist inzwischen wieder out! Beerenfarben sind jetzt angesagt!“

Der Kollege schaute mich erstaunt an. Auch ich kam ins Grübeln: „Moment mal! Habe ich das gerade gesagt?! Seid wann sind mir Modetrends wichtig? Ich trage doch selbst Hemden jahrelang auf, auch wenn die Farbe nicht mehr in ist! Bin ich etwa durch meine neue Umgebung unbewusst zum Fashion Victim mutiert? Und sollte ich meinen Ausspruch nicht schnell relativieren und betonen, dass ich das Ganze nur ironisch gemeint habe?“

Doch zu spät. Rasant hatte sich die Kunde vom neuen Mode-Bert in der „HORIZONT“-Redaktion verbreitet, so dass mir in der nächsten Kaffeepause ein „HORIZONT“-Redakteur lächelnd auf die Schulter klopfte und sagte: „Na? Ich habe gehört: Lila ist out!“ Leugnen war zwecklos. Ich hatte meinen Ruf weg. Was kommt als Nächstes? Wird man mich schon bald dabei erwischen, wie ich Löcher in meine neue Jeans schnippel, um diese mit ätzenden Säuren versehe, um einen Used Look zu kreieren?

 

Die Tatsache, dass die Zeitschrift, für die ich arbeite, nicht nur über nackte Geschäftszahlen sowie Fusionen und Übernahmen schreibt, sondern auch über Modetrends, übt eine enorme Anziehungskraft auf Modestudenten (Modedesign etc.) aus. Ich nenne sie liebevoll „Fashion Victims“. Sie bewerben sich scharenweise bei dem Blatt und weisen häufig mehr Modewissen auf als ich.

Das führt mitunter zu bizarren Situationen. Zum Beispiel, als ich eine Praktikantin beauftragte, eine Meldung über den Tod des britischen Musik- und Mode-Managers Malcom McLaren zu schreiben. Dieser war Zeit seines Leben mit der Designern Vivien Westwood verheiratet, was auf der Gegenseite sofort einen Schrei der Entzückung auslöste: „Ooooooooooooooh, die macht sooooo tolle Sachen!“ Da dies für die Meldung unerheblich war und mich – ehrlich gesagt – auch nicht sonderlich interessierte, antwortete ich nur unwirsch: „Schreib einfach die Meldung! Und produziere nicht wieder so viele Nebensätze und Passivformen!“

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