Das Medienecho war groß, als die Otto Group im vergangenen Jahr ankündigte, pensionierte Versandhandelsmanager zu reaktivieren. Die Heimkehrer sollen hauptsächlich als Berater eingesetzt werden, insbesondere in der IT. Personalchefin Sandra Widmaier wurde in der Folge tagelang in zahlreichen Zeitungen zitiert. Die „Bild“-Zeitung räumte für die Rentnerrückruf-Aktion sogar ihre Titelseite frei.

Otto Group-Personalchefin Sandra Widmaier

16 Monate später beschleicht den geneigten Beobachter der Verdacht, dass das Ganze nicht viel mehr als eine – wenn auch durchaus gelungene – PR-Aktion war. Denn wie Widmaier auf Anfrage mitteilte, hatte der Handelskonzern in diesem Jahr 20 so genannte Senior Experts im Einsatz. 20?! Bei einer Gesamtbelegschaft von fast 54.000 Mitarbeitern bewegt sich der Anteil im homöopathischen Bereich. Da ist aber auch egal. Die Story war einfach zu gut. So gut, dass die Otto Group monatelang weniger mit imageschädigenden Begriffen wie „Stellenabbau“ und „Universalversand in der Krise“ in Verbindung gebracht wurde. Sondern vielmehr mit Kino- und TV-Klassikern wie „Space Cowboys“ und „Der große Bellheim“. In den Streifen werden Rentner reaktiviert, um in Zeiten der Not Heldenhaftes zu vollbringen. Die einen müssen die Erde vor einem abstürzenden Satellit, die anderen einen Warenhauskonzern vor dem Ruin retten.

Wir sind daher gespannt, ob es den 20 opferbereiten Distanzhandels-Haudegen, den Dirty Twenty, gelingt, den kriselnden Handelskonzern endgültig in das von Twentysomething-Managern geprägte E-Commerce-Zeitalter zu führen. Zwei Fortsetzungen sollten mindestens drin sein.

 
Octocopter von Amazon

Octocopter von Amazon

Die Nachricht schlug wie eine Bombe ein. Oder besser gesagt wie eine Drohnenbombe. Denn um genau um diese unbemannten Flugkörper ging es in einem Fernsehinterview, das Amazon-Chef Jeff Bezos dem US-Sender CBS Anfang Dezember gab. Der E-Commerce-Pionier will in vier bis fünf Jahren den Service Prime Air starten. Dieser bietet Amazon-Kunden die Möglichkeit, sich ihre Bestellungen von kleinen achtmotorigen Drohnen liefern zu lassen. Sie müssen dazu allerdings im Umkreis von 16 km eines Amazon-Logistikzentrums wohnen. Und die Sendung darf nicht schwerer als 2,5 Kilogramm sein.

Das klingt erst einmal toll. Das Problem ist nur, dass noch viele Fragen offen sind. Zum Beispiel, ob die unter chronischen Terrorangst leidende US-Flugsicherheitsbehörde diese Transportart genehmigt. Und wie verhindert man, dass unter den arabischstämnugen US- Bürgern eine Massenpanik ausbricht, wenn sich ein sogenannter Octocopter nähert. Schließlich haben ihre Verwandten und Bekannten in der Heimat bislang eher negative Erfahrungen mit Drohnen gemacht. TV-Serien wie „Homeland“ und „24“ nähren diese Befürchtungen kontinuierlich.

Und: Wie bitte klingelt eine Drohne an der Haustür des Kunden? Oder macht sie es wie viele ihrer Kollegen aus Fleisch und Blut – und steckt einfach nur eine Abholkarte in den Briefkasten? Außerdem: Wie reagiert eine Drohne, wenn der Besteller eines Modeartikels bei der Übergabe des Pakets aus alter Gewohnheit vor Glück schreit? Spielt die Drohne dann einen noch schrilleren Schrei-Sound ab? Oder stürzt sie vor Schreck ab? Woher weiß die Drohne, ob der Kunde zu Hause ist? Fragt er vor dem Start einen großen Bruder im All, der über eine Wärmekamera verfügt? Und was macht eine Drohne, wenn sie von einer nur mit einem Morgenmantel bekleidete grüne Witwe  – ebenfalls aus alter Gewohnheit – auf einen Kaffee hereingebeten wird? Folgt sie der Einladung oder schlägt sie der einsamen Frau ein technisches Gerät aus dem Amazon-Sortiment vor? Nach dem Motto: „Kundinnen, die …., haben … gekauft.“ Kurzum: Die Octocopter-Entwickler müssen noch viel Programmierarbeit leisten. Ein Vorteil lässt sich aber nicht wegdiskutieren: Drohnen können – anders als ihre menschlichen Kollegen in Bad Hersfeld und Leipzig – nicht streiken. Jedenfalls nicht bewusst, sondern lediglich bei technischen Mängeln.

Octocopter von Amazon

Schwebt über dem Verkehr: Die Paketdrohne von Amazon

Übrigens: Nach dem Bezos-Interview wurde bekannt, dass auch DHL und UPS am Thema Paketzustellung per Drohne arbeiten. Das heißt: Es zeichnet sich hierzulande ein Kampf um die Lufthoheit in der Paketzustellung ab. Es ist nur zu hoffen, dass das Verteidigungsministerium nicht am DHL-Projekt beteiligt ist. Sonst wird das nämlich nichts.

 

 

Kontaktloses Bezahlen mit PayPass von MasterCard

Kontaktloses Bezahlen mit PayPass von MasterCard

Im August überraschte Karstadt mit der Ankündigung, in allen Filialen kontaktloses Bezahlen von Visa einzuführen. Das führte in Branchenkreisen zu Stirnrunzeln. Hat der finanziell angeschlagene Warenhauskonzern, dessen Umsätze stetig fallen und dessen Häuser vielerorts kontinuierlich verfallen, keine anderen Sorgen? Und wie muss man sich das bitte vorstellen? Das Stammkundin Oma Else aus ihrem beigefarbenen Anorak ein brandneues Samsung Galaxy IV-Handy kramt und den eingebauten NFC-Chip elegant am Lesegerät vorbeizieht?

Doch auf den zweiten Blick ergibt diese Maßnahme durchaus einen Sinn. Schließlich ist sie die konsequente Fortführung der konzerninternen Strategie, den Kontakt zur Umwelt auf ein Minimum zu reduzieren. Bestes Beispiel ist die nahezu kontaktlose Beratung durch das Verkaufspersonal. Nach den zahllosen Entlassungsrunden braucht man schon detektivisches Gespür, um die wenigen verbliebenen Verkäufer auf den Flächen zu finden. Das ist insofern fatal, als deutschen Warenhausverkäufern – meist zu Unrecht – ehe nachgesagt wird, dass sie sich wie Kakerlaken verhalten, wenn das Licht angeht.

Und wenn die Medienberichte stimmen, wonach sich das Management trotz erwiesener Erfolglosigkeit in den vergangenen Jahren hohe Boni ausgezahlt hat, während die Mitarbeiter Lohnkürzungen hinnehmen mussten, dann kann man davon ausgehen, dass auch die Führung den Kontakt verloren hat, und zwar zur Basis.

 

 

Nicolas Berggruen

Designierter Europaretter: Nicolas Berggruen

Bei seinem zurzeit bekanntesten Investment, dem maroden Warenhauskonzern Karstadt, glänzte Nicolas Berggruen bislang nur mit Taten- und Einfallslosigkeit. Doch wenn es um die Rettung der Krisenländer in Südeuropa geht, sprudelt der Kunstsammler geradezu vor Ideen, zusammengefasst in dem Buch „Klug regieren“, das der Investor im Juni zum allgemeinen Erstaunen veröffentlichte. Die Botschafter war klar: Wer Südeuropa und somit die gesamte EU rettet, hat nun wirklich keine Zeit für das überholte Warenhauskonzept und Rentnerparadies Karstadt. Fürwahr: Sollte es dem Deutsch-Amerikaner wirklich gelingen, die Pleite-Griechen, Spanier und Italiener wieder kreditwürdig zu machen, dann werden ihm Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter die aller Voraussicht nach gescheiterte Karstadt-Rettung sicherlich großzügig verzeihen.

Viel wahrscheinlicher ist aber leider, dass Berggruen sein Karstadt-Konzept als Blaupause für Südeuropa nutzt. Das heißt: Er kauft die bankrotten Staaten für je einen Euro auf, lässt sich monatelang als Retter feiern, um dann völlig überraschend überall Flagship-Stores von britischen Modemarken zu eröffnen, die im Süden des Kontinents kein Mensch kennt. Woran die Flagschiffhäuser wenig ändern, da sie weder angekündigt noch beworben werden.

Dann passiert zwei Jahre lang gar nichts. Bis auf das immer wieder, fast gebetsmühlenhaft vorgebrachte Versprechen, irgendwann mal hohe Milliardenbeträge in die am Boden liegende Wirtschaft der Krisenländer zu investieren. Dann verkauft er die Kronjuwelen, unter anderem die wenigen profitablen Sportvereine und die Weltstädte Paris, Madrid, Rom und Athen sowie Norditalien, das nach seinem neuen Eigner benannt wird: Berlusconien. Ein kleiner Teil des Verkaufserlöses fließt u.a. in die Sanierung der griechischen Innenstädte. Der Großteil des Geldes kommt aber über Umwege den verkauften Sportvereine zugute, an denen Berggruen weiterhin beteiligt bleibt. Gute Fußballspieler von Weltformat sind halt teuer.

 

 
Jeans-Bleichungen

Die gesundheitsgefährdende Sandstrahltechnik sorgt für den gewünschten Used-Look

Es gibt Modetrends, die partout nicht totzukriegen sind, unter anderem Miniröcke und Animal Prints, insbesondere Leoparden- und Tiger-Looks. Zu Recht. Schließlich haben beide Styles nach wie vor ihren Charme, sowohl für den Besitzer als auch für den Betrachter. Ganz anders sieht es bei einem Trend aus, der in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erstmals auftauchte und Ende der Nuller Jahre sein Comeback feierte, das rätselhafterweise immer noch anhält. Und das, obwohl die Argumentation für diesen Style äußerst löchrig ist. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Rede ist von Used Denim-Jeans, die sich dadurch auszeichnen, dass sie von Beginn an sehr abgenutzt wirken, zum Beispiel weil der Hersteller sie mit Löchern und Bleichungen versehen hat. Man muss sich das mal vor Augen halten: Da bezahlen Kunden einen Aufschlag von bis zu 100 Euro dafür, dass ihnen Billiglöhner in Fernost ihre Jeans kaputt machen – und vielfach ihre eigene Gesundheit mit dazu. Zum Beispiel, wenn sie die in Europa verbotene Sandstrahltechnik anwenden. Der dadurch freiwerdende Feinstaub ruiniert langfristig die Lungen der Arbeiter. Ebenfalls nicht ganz ungefährlich sind die ätzenden Chemikalien, die dafür sorgen, dass die Hose so aussieht, als sei sie schon jahrelang getragen worden.

Das ganze unter der Prämisse, dass jede Jeans dadurch eine ganz individuelle ist. Als ob sich der Betrachter merken würde, an welchen Stellen die Hosen des Kollegen oder
Freundes Löcher und Bleichungen haben. Mal ganz ehrlich: Hätten es eingestickte Initialen oder selbst gewählte Aufdrucke nicht auch getan?

Völlig absurd wird die Sache, wenn man sich vorstellt, welche Situationen sich dadurch in den Haushalten der asiatischen Textilarbeiter ergeben: „Wie war dein Tag, Schatz?“ „Ach, okay. Ich habe heute 100 Jeans eines deutschen Jeans-Labels kaputt gemacht.“ „Und? Haben die dich gefeuert?“ „Nein! Ganz im Gegenteil: Ich habe eine Prämie bekommen, weil 100 die neue Tagesbestleistung war.“ „Ja, ne, ist klar, Rashid.“ Geh mal lieber nach draußen und flicke das Dach unserer Wellblechhütte! Oder hast du die Löcher auch selbst gemacht, weil das in Europa gerade cool ist?“

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