Bert Rösch

Bert Rösch (41) ist Medien- und Modewirtschaftsredakteur in Frankfurt und berichtet für eine Fachzeitschrift über die Themen E-Commerce, Logistik und IT in der Modebranche. Davor arbeitete der studierte Historiker bei den Marketing-Fachtiteln "HORIZONT" und "ONEtoONE". Sein Volontariat absolvierte er beim Medienbranchendienst "text intern". Zusätzliche Infos und Satiren gibt es auf der Website BertRoesch.de

 
 

Montag: Die „Süddeutsche Zeitung“ bestätigt meinen Nachsendeantrag nach Bremen und macht dabei einen entscheidenden Fehler: „Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Urlaub fern der Heimat“, heißt es in dem Schreiben. Fern der Heimat? Bremen ist meine Heimat! Hätte die „SZ“ ein funktionierendes CRM-System, wüsste sie, dass ich aus der Hansestadt komme. Schließlich habe ich dort schon als Schüler die „Süddeutsche“ bezogen. Andererseits bin ich auch froh, dass die Zeitung offensichtlich nicht allzu viel persönliche Daten über mich gespeichert hat.

Dienstag: Zugegeben, die Auktionsplattform Ebay ist ob der mäßigen Geschäftsentwicklung der letzten Zeit nicht mehr die Erfolgsgeschichte, die sie einmal war. Doch wenn es darum geht, gebrauchte Spielsachen zu finden, ist die Website immer noch unschlagbar. Wo sonst kann man so schnell und für so wenig Geld Ernie- und Bert-Puppen ersteigern? Ich verschenke diese an Kinder von Freunden und Verwandten, damit die Sprösslinge meinen Namen schnell lernen. So geschehen bei meiner Nichte: Deren Vater staunte nicht schlecht, als sie morgens lauthals den Namen ihres 600 Kilometer entfernten Onkels rief. Des Rätsels Lösung: Die Stoffpuppe Bert war aus dem Bett gefallen und sollte schnellstmöglich zurückgebracht werden. Was lernt der Marketer daraus? Richtig: Man kann mit der Markenbildung nicht früh genug anfangen!

Mittwoch: Ein negatives Beispiel für die Einführung einer Marke liefert die erst vor einem halben Jahr gegründete Online-Marketing-Messe DMEX: Da hat sich die Branche gerade an den neuen Namen gewöhnt, schon hängt die Messe Köln das mysteriöse Kürzel „co“ hintendran. Was soll das heißen? Hat Pepsico die DMEX gekauft? Nein! Die Veranstalter wollen damit unterstreichen, dass das Event auch einen Kongressteil hat. Der wahre Grund ist aber vermutlich die Namensähnlichkeit mit dem Männersender DMAX. Aber wusste man das nicht schon vorher? Und was kommt als Nächstes? Ein weiteres „co“, um den neuen Standort Köln (Cologne) zu betonen?

Donnerstag: Eigentlich – so dachte ich zumindest – sollte das vor Monaten bei Ebay ersteigerte Produktbündel von neun Ernies und sechs Berts lange Zeit reichen. Doch da hatte ich die Rechnung ohne meine Kolleginnen gemacht, bei denen meine Erzählungen von den Ebay-Auktionen neue Begehrlichkeiten weckten. O-Ton: „Ich will auch einen Ernie!“ In der Folge fragte eine Kollegin wenige Tage später erstaunt: „Warum stehen hier eigentlich überall Ernies?“ Wie gut, dass der Paketbote heute eine neue Ladung gebracht hat.

Freitag: Das Problem bei gebrauchten Stoffpuppen: Man weiß nicht, wer sie schon vorher alles in der Hand gehabt hat. Also, ab in die Waschmaschine damit! So bietet sich mir abends zur Primetime ein seltenes Schauspiel, das im wahrsten Sinne des Wortes jeder Reality- und Promi-Show das Wasser reichen kann: Ich verfolge hautnah, wie acht Ernies und elf Berts bei 60 Grad gegen das tosende Spülwasser ankämpfen, wacker dem Schleudergang trotzen und am Ende mit einem Lächeln auf den Lippen aus der Maschine kommen. Das soll Stefan Raab erst einmal nachmachen!

Samstag: Ich schaue mir auf Premiere das Bundesligaspiel Bremen gegen Frankfurt an. Dabei stelle ich schnell fest, dass den Programm-Machern der Kauf der Übertragungsrechte offensichtlich wichtiger ist als die aktuelle Partie. Schließlich wiederholt der Moderator gebetsmühlenartig, dass sich der Bezahlsender die Übertragungsrechte bis 2013 gesichert hat. Zudem verkündet der Kanal stolz oben links im Bild: „Live – Bundesliga bis 2013“.

Sonntag: Meine Ernie-und-Bert-Armee ist inzwischen trocken hinter den Ohren und wartet nun auf den Transport in ihre neue – meine alte – Heimat. BERT RÖSCH

 

 

DFB-Trikots

Die neuen Trikots der DFB-Elf sorgen bei den Fans für viel Unmut.

Dass die Große Koalition die Rentenkassen plündert, um sich bei ihrer Stammklientel, den Rentnern für ihre Stimme zu bedanken? Geschenkt! Dass der Mittelstand infolge hoher Sozialabgaben und Steuer-Ungerechtigkeiten wie kalte Progression kontinuierlich ausblutet, während die Wohlhabenden immer weniger Steuern zahlen oder ihr Geld am Finanzamt vorbei ins Ausland schmuggeln? Ist halt so. Das Infrastruktur und Bildungssystem immer weiter verfallen? Ja, mei …

Wenn man die Massen wirklich auf die Barrikaden bringen will, dann muss man schon das Allerheiligste der Deutschen in Frage stellen: die Fußball-Nationalmannschaft. Dieses Sakrileg begeht man bereits dann, wenn man fast 70 Jahre nach der Auflösung Preußens die preußische Flaggenfarbe Schwarz weitestgehend aus dem Outfit der DFB-Elf verbannt. Denn nachdem der Sportartikelhersteller Adidas den ganz in Weiß gehaltenen neuen Auftritt von Jogis Jungs (weißes Trikot, weiße Hose) präsentiert hatte, fegte ein gewaltiger Shit Storm durch das Internet. „Grauenvoll!“, „Dislike, Dislike, Dislike“, „Mit solchen Trikots wird das wieder nix“, hieß es beispielsweise auf der Facebook-Seite des DFB. Oder: „Die Farben sind schwarz und weiß! Und wenn man schon so einen hässlichen Balken auf das Trikot macht, dann bitte in den Nationalfarben und keine rosarote Mischung!“

Dummerweise trug die Antwort von Adidas-Designer Jürgen Rank nicht gerade zur Deeskalation bei. Ganz im Gegenteil: Indem er die wütenden Fans relativ unverhohlen als Langweiler und notorische Zweifler bezeichnete, goss der Kreative zusätzlich Öl ins Feuer: „Es ist ein mutiges und junges Design. Und spätestens, wenn man die Spieler als Team aus dem Tunnel kommen sieht, wird man verstehen: Dieses Design ist nicht für Langweiler und Zweifler. Es ist für Leute, die all ihre Energie einsetzen wollen, um etwas zu bewegen. Nicht jeder muss das neue Design toll finden. Es ist für Fans mit viel Leidenschaft gedacht.“ Die vielfach kritisierten weißen Hosen symbolisieren seiner Ansicht nach „Klasse, Eleganz und Leidenschaft.“

Wie ungeschickt ist das denn? Es sei denn, der traditionell regierungsnahe DFB und sein treuer Ausstatter Adidas wollen gar nicht, dass sich die Lage entspannt. Denn solange die Fußballfans gegen ein simples Thema Sturm laufen, bei dem es im wahrsten Sinne des Wortes nur Schwarz oder Weiß gibt, haben sie gar keine Zeit, sich über komplizierte Themen wie Steuer-und Rentenreform aufzuregen.

Jürgen Rank

Goss zusätzlich Öl ins Feuer: Adidas-Designer Jürgen Rank

Für zusätzliche Verwirrung sorgte folgende Aussage: „Die rote Brustgrafik soll dem Team Flügel verleihen und die Leichtigkeit die Spieler inspirieren.“ Flügel verleihen?! Heißt das, dass der österreichische Aufputschgetränkehersteller Red Bull neuer Hauptsponsor der Nationalmannschaft wird? Und wie sollen die Kicker den meist rollenden Ball treffen, wenn sie ständig durch die Luft fliegen? Da bekommt der Begriff hängende Spitze eine ganze andere Bedeutung.

 

bert2016klein2Aufgewachsen bin ich in Bremen, aber geboren bin ich als Witze-Erzähler. Eine Kollegin sagte mal, dass 40 Prozent meines Gehirns für Witze reserviert wären. Das ist natürlich glatt gelogen. Es sind mindestens 60 Prozent!

Und das Schöne ist: Ich kann die Witze und Sprüche tagtäglich testen, da ich ständig neue Kollegen bekomme. Am besten sind Praktikanten. Zum einen, weil sie die Witze garantiert noch nicht von mir gehört haben. Zum anderen, weil sie in der Regel noch nicht geboren waren, als meine Witze erfunden wurden. Überhaupt besteht der große Vorteil meiner Witze darin, dass sie nicht alt werden können. Weil sie schon alt sind! Haha!

Vermutlich wurde mir der Schalk in die Wiege gelegt, als meine Eltern entschieden, mich Bert zu nennen. Da musste ich zwangsweise ein großes Maß an Selbstironie entwickeln! Ich muss meine Eltern aber in Schutz nehmen. Sie wussten nicht, was sie taten. Denn als ich auf die Welt kam, gab es die Sesamstraße noch nicht in Deutschland. Sie feierte erst drei Jahre später, 1973, ihre Deutschlandpremiere. Das heißt: Ich war zuerst da! Meine Eltern dachten beim Namen Bert noch an Bert Brecht und nicht an Bert aus der Sesamstraße.

Naja, so wirklich gelitten habe ich unter dem Namen – ehrlich gesagt – nur während der Kindergarten- und der Bundeswehr-Zeit. Davor, dazwischen und danach sind meine Mitmenschen mit meinem Namen mehr oder weniger reif umgegangen. Trotzdem bekomme ich die Frage: „Wo hast Du Ernie gelassen?“ einfach nicht aus meinem Kopf.

Inzwischen gehe ich offensiv mit der Ungnade meiner Geburt um: Immer wenn Freunde oder Verwandte Nachwuchs bekommen, erhält dieser Ernie- und Bert-Puppen geschenkt. So lernen sie sehr früh meinen Namen und freuen sich immer unbändig, wenn sie mich – nach der Beförderung zum Kleinkind (ab einem Jahr) und dem Erlangen des Sprachvermögens – das erste Mal sehen. „Du bist Bert?!“, fragen sie stets ungläubig. Einmal rief ich eine Freundin an. Ihr Freund war am Telefon und rief laut: „Uta! Bert ist am Telefon!“ Ihr Sohn konnte es gar nicht fassen. „Was? Bert ist am Telefon?“ Und wollte mich natürlich unbedingt sprechen. Und ein Kollege erntete großes Erstaunen, als er seinem Sohn erzählte, dass er am nächsten Tag mit Bert nach Düsseldorf fahren würde. Natürlich wurde der Spross für seine Begeisterung mit einem Stoff-Bert belohnt.

2016-08-04-17-59-56Ein weiteres Kuriosum meines Lebens ist, dass ich – obwohl ich Geschichte und Politik studiert habe – als Moderedakteur arbeite. Ich tröste mich damit, dass bestimmt gerade vor dem Weißen Haus ein Reporter steht, der eigentlich unbedingt Modejournalist werden wollte. Schließlich muss das Universum immer ausgeglichen sein.

Zudem ist das Leben in der Modewelt für jemanden wie mich stets ein reicher Fundus an Kuriositäten: Als mein Wechsel von der Marketingfachzeitung HORIZONT zum B-to-B-Titel TextilWirtschaft feststand, luden mich drei künftige Kolleginnen zum Essen ein. Von dem Erlebnis erzählte ich sofort stolz einer Horizont-Kollegin. Doch anstatt etwas zu sagen wie „Super! Erzähl doch mal! Sind die nett?“ erntete ich ungläubiges Staunen: „Was?! Die haben was gegessen?! Ich dachte immer, die drücken sich nur an der Salatbar ‚rum.“

Und als ich nach dem Wechsel einer neuen Kollegin erzählte, dass ich gerade eine Diät mache, klagte sie leicht genervt: „Ach, irgendwie macht hier jeder immer mehr oder weniger eine Diät.“ Ich selbst mache übrigens gleich zwei Diäten. Schließlich wird man von einer allein nicht satt. Und mein Lieblingssport zum Abnehmen ist Gewichtheben. Immer, wenn ich aufstehe …

To be continued

Alle Rechte dieser Story sind natürlich vorbehalten – einschließlich Übersetzung und Verfilmung.

 

„Die Konzerne haben ihre Hemmungen verloren“, sagt Bert Rösch von der Fachzeitschrift Textilwirtschaft. „Vor allem haben sie erkannt, dass es ohne das Internet als Werbeplattform nicht mehr geht.“ Zeitungsanzeigen und Beilagenwerbung funktionieren bei der jungen Zielgruppe nicht mehr so wie früher. Selbst Fernsehwerbung erreicht nicht mehr genug potenzielle Kunden.

Aus: Mode und soziale Netzwerke: Mein Freund, die Marke

 
 
 

HORIZONT-Expertentalk: Dr. Florian Jodl, Männermodechef von Zalando, im Gespräch mit Bert Rösch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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TextilWirtschaft Szene in TW 18/2016 (unten rechts)

 

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