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Auszug aus: „Hamburger Abendblatt“, 12.3.1995:

Millionen-Skandal aufgedeckt: Die STABI hat gar keine Bücher!

Hamburg – Die Hamburger Polizei ist an der Hamburger Universität einem Betrug auf die Schliche gekommen, dessen Schaden in die Millionen geht. Die Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek (STABI), die jährlich von über hundertausenden Lesern aus Hamburg und dem Umland der Hansestadt frequentiert wird, hat – wie sich jetzt herausstellte – gar keinen Verleihbestand.

Auf den Hinweis einer Studentin hin durchsuchte die Polizei gestern die Magazine der STABI und fand dort fast nur leere Regale vor. Lediglich ein paar Dutzend veralteter
Physik-, Informatik- und Biologie-Bücher konnten die Beamten sicherstellen.

Ausgeklüngeltes Verhinderungssystem

Bei ihren weiteren Ermittlungen, in deren Zuge auch die Verwaltungsräume durchsucht wurden, stieß man auf ein ausgeklüngeltes System, die die Bibliotheksbenutzer daran hinderte, ihre Bücher wie gewünscht zu bestellen. Diese Verhinderungstaktik fing laut Polizeisprecher Peter Goboleit schon damit an, dass die Literaturrecherche dadurch erschwert wurde, dass man die längst überfällige Umstellung auf Computer lange Zeit verschleppte. So mussten die Studenten ihre Buchsignaturen mühsam aus Schlagwortkatalogen und Mikrofichen heraussuchen. Wenn der Benutzer dann die Signaturen nach langer Wartezeit vor den Bestell-Computern erfolgreich eingegeben hatte, musste er je nach Signatur entweder ein paar Stunden oder über einen Tag auf die begehrte Literatur warten.

Danach erfuhr er dann, dass das Buch nicht im Lager zu finden sei oder gerade umgestellt werde, weshalb man es nach zwei Tagen noch einmal versuchen möge. Nach einer erneuten Bestellung erhielt so mancher STABI-Benutzer aufschlussreiche Buchtitel wie „Das Leben der bolivianischen Liebesschnecke“ oder „Computertomographie gestern und heute“, die man gar nicht bestellt hatte und daher auch sofort wieder abgab.

Noch tragischer waren die Mißerfolge bei der Buchbestellung, wenn das Buch angeblich bereits ausgeliehen war: Man mußte es dann per Computer vormerken lassen und bekam dann Wochen oder Monate später eine Postkarte, auf der lediglich die Signatur eingetragen, d.h. der Leser wusste in der Regel gar nicht, was er vor Ewigkeiten mal hatte lesen wollen. Nachdem er auf diese Bestellkarte Wertmarken im Werte von 1,50 Mark geklebt hatte, bekam er dann ebenfalls ungewünschte Bücher in die Hand gedrückt. „Kein Wunder“, so Goboleit, „daß viele Studenten aufgrund dieser Widrigkeiten auf weitere Bestellungsversuche verzichteten und auf die Bibliotheken der Fachbereiche, Institute und der Bundeswehr-Universität auswichen.

Ein Bibliotheksangestellter, der kurz nach der Durchsuchung festgenommen worden war, hat bereits gestanden, mehrere Blockieraktionen organisiert zu haben, um die Geduld der Besucher zusätzlich zu zermürben. Er heuerte schwungweise Schüler an, deren Aufgabe darin bestand, sich entweder in die Warteschlagen vor den Bestell-Computern einzureihen und deren Benutzung durch möglichst ungeschickte Benutzung so lange wie möglich zu blockieren oder die ohnehin raren Kleiderschränke in Beschlag zu nehmen. Nach der Verhaftung dieser „kleinen Nummer“ fahndet die Polizei laut Goboleit jetzt nach fünf Hauptverdächtigen, deren Namen er aber noch nicht nennen wollte.

Die Angestellten schöpften keinen Verdacht

Den STABI-Angestellten an der Buchausgabe will nichts aufgefallen sein: „Sicherlich haben wir uns manchmal darüber gewundert, daß so viele Studenten naturwissenschaftlich interessiert sind, aber wir haben die Bücher immer ordnungsgemäß ausgegeben“, verteidigt sich die langjährige Bibliothekarin Ute S. Sie konnte ja auch nicht wissen, daß die gelegentlich korrekt ausgehändigten Bücher aus den Lesesälen stammten. Dieser Bestand wurde von Zeit zu Zeit angerührt, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, daß gar kein Verleihbestand vorhanden war. Als aber die Lücken in den Lesesälen zu gross wurden, entschloss sich die STABI-Verwaltung, einen Großteil der Bücher mit x- und y-Signaturen zu versehen. Deren Ausleihzeit beträgt nämlich nur noch zwei anstatt vier Wochen.

Der Bücher-Schwindel war aufgeflogen, als die Lehramtsstudentin Julia A. nach Wochen vergeblicher Bücherbestellung „die Nase gestrichen voll“ hatte und sich deshalb persönlich bei der STABI-Verwaltung beschweren wollte. Auf dem Weg dorthin stieß sie zufällig auf eine unverschlossene Tür mit der Aufschrift „Magazin“. In den Räumen dahinter machte sie den erstaunlichen Fund und alarmierte sofort die Polizei.

Ungeklärt ist nach wie vor, wohin die Gelder, die eigentlich für die Beschaffung der Bücher bestimmt waren, geflossen sind, und wie dieser Betrug so lange geheim gehalten werden konnte. Die Polizei vermutet, dass hohe Schmiergelder an Aufsichtsbeamte und Bibliotheksangestellte geflossen sind.

Der Verleihbetrieb wurde bis zur endgültigen Klärung des Falles geschlossen. Der Lesesaal kann aber weiterhin genutzt werden. In der nächsten Woche will die Bildungsbehörde darüber entscheiden, ob die Magazine mit neuen Büchern aufgefüllt oder die STABI offiziell in eine Präsenzbibliothek umgewandelt wird.

 
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Es war an einem schwülen Samstag-Abend in der U1, Haltestelle Buckhorn. In der U-Bahn stießen rund fünfzehn Partygäste aufeinander, die sich nicht kannten, insofern nur eins gemeinsam hatten, nämlich gerade auf der Fete gewesen zu sein. Worüber sollte man da reden? Über die Gastgeberin zu plaudern, war nicht so ergiebig: „Und woher kennst Du Almut?“ Von der Uni. Aha, ich auch.“ Betretendes Schweigen.

Auf einmal sehe ich in Augen meines Gegenübers etwas aufblitzen. Ihm schien eine verteufelt kommunikationsfördernde Frage eingefallen zu sein: „Wo mußt Du hin?“ – „Nach Kiwittsmoor“. „Oh, da fährst Du bestimmt über Barmbek!“ „Ne, ne, ich steige Ohlsdorf um, ich könnte aber auch den Bus nehmen und…“ Sogleich entfachte sich eine rege Diskussion über Fahrtverbindungen und Umsteigemöglichkeiten, lediglich unterbrochen durch vereinzelt eingeworfene Anekdoten: „Neulich, da bin ich Berliner Tor umgestiegen und habe die U2 verpaßt und mußte 19 Minuten warten, da es schon nach 23 Uhr war.“ „Nein! Mir ist schon etwas viel Schlimmeres passiert…“ Und schon jagte eine HVV-Anekdote die andere.

„Ich könnte aber auch“, sagte ein bebrillter Mitfahrer, um die Sache spannender zu machen, „mit der U 3 bis Schlump fahren und dann den Bus bis Dammtor nehmen, aber manchmal klappt das mit der Verbindung nicht.“

Gerade wollte ich einwerfen, daß man sich die ganze Diskutiererei im Grunde sparen könnte, wenn man das Computerprogramm „Metro“ benutzte, doch mein Einwand wird durch die lange Blonde neben mir übertönt, die gerade eine Geschichte über einen verpaßten Anschluß im Jahre sowieso zum Besten gibt.

Plötzlich schallt aus dem Lautsprecher die Ansage „Hauptbahnhof, Umsteigemöglichkeiten zur U- und S-Bahn“. Auf einmal rennen alle wild aufgeschreckt durcheinander. Man müsse unbedingt noch die U1, U2, S2, S31… kriegen.

Nachdem sich die U-Bahn-Türen mit einem lauten Rumps wieder geschlossen hatten, blieben nur meine Sitznachbarin, die sich noch schnell ein paar Routen-Tips notierte, und ich allein im Wagen zurück. „Sag mal, wer war das eigentlich alles?“ Entgeistert schaut sie mich an: „Keine Ahnung“. Wir mußten feststellen, daß wir nach 20 Minuten Fahrt nicht den blassesten Schimmer hatten, wer all diese netten jungen Leute waren und was sie so machen, wenn sie nicht gerade HVV fahren. Doch eines ist gewiß: Sollten wir sie irgendwann einmal besuchen wollen, wissen wir genau, wie wir dorthin kommen!

 
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Nachdem Jan Vlamynck über AEGEE-HH-L eine kurze Schilderung des ersten AEGEE-Agé-Stammtisches geschickt hat, möchte ich noch einen kurzen Erfahrungsbericht aus der Sicht eines Noch-nicht-Ehemaligen liefern. Falls ich in einzelnen Punkten etwas übertrieben habe, möge man mir das bitte verzeihen.

Ich betrete die Kneipe „September“ und werde sogleich vom AEGEE-Agé-Vorsitzenden empfangen, der mir auch sofort einen Mitgliedsantrag unter die Nase hält. Da mich die Masse erwartungsvoll anschaut und ich denke, daß Kontakte zu den Ehemaligen nicht schaden können, fülle ich das Formular pflichtbeflissen aus. Der Vorsitzende nimmt das Blatt entgegen und streicht mit einem tadelnden Blick beim Eintrittsdatum in AEGEE die 95 weg und setzt dafür ein 85 ein. Man sei hier ja nicht schließlich bei AEGEE-Youth läßt er mich mit einem altväterlichen Lächeln wissen.

Ich frage einen Ehemaligen, was sein erster Event gewesen sei, worauf er erwidert, daß es die Agora im Herbst 1985 in Leipzig gewesen sei. Darauf mischt sich ein anderer ein und sagt: „Ne, die Agora war nicht in Leipzig sondern in Prag“. Genüßlich lehne ich mich zurück. Die beiden sind erstmal aus dem Rennen, da sie fortan damit beschäftigt sind, Fakten auszudiskutieren. Darauf werde ich Zeuge eines angeregten Anekdoten-Austauschs:

Veteran 1: „Ach, was seid Ihr doch verwöhnt! Wir hatten damals noch kein E-Mail. Die Kommunikation mit den anderen Antennen lief nur über Fax. Das war immer ein Riesenaufwand, zu der Person zu fahren, die das Faxgerät zu Hause hatte.“
Veteran 2: „Oh, Ihr Glücklichen! Ihr hattet ein Fax? Wir mussten alles telefonisch regeln.“
Veteran 3: „Ihr hattet Telefon?“
Veteran 1: „Und Infopost war damals auch nicht. Dafür hatten wir kein Geld. Wir haben die Newsletter noch persönlich zugestellt. Auch wenn der Schnee meterhoch lag. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich mir dabei Erfrierungen dritten Grades zugezogen habe.“
Darauf werfe ich spöttisch ein: „Und getrunken habt Ihr wahrscheinlich nur Frostschutzmittel?“
Veteran 1: „Du lässt mich ja nicht ausreden!“
Veteran 2: „Außerdem hatten wir damals kein Büro, nicht einmal einen Raum in der Uni. Wir haben uns immer in einer zugigen Ecke vor dem Phil-Turm getroffen. Unsere Notizen haben wir dann mit klammen Fingern auf den Rückseiten von Fehlkopien des Kopierladens Uni-Copy gemacht. Unser einziger Sponsor übrigens.“
Veteran 3: „Wann war denn das?“
Veteran 2: „Laß mich überlegen. Neunzehnhundert…, äh…jetzt fällt es mir wieder ein: 1985 oder 86 muß das gewesen sein.“
Veteran 4: „Vor oder nach Christus?“
Veteran 5: „Ach, was hätte ich darum gegeben, ein Büro zu haben! Nur um sich zwischen den Infotisch-Schichten ein bißchen aufzuwärmen. Wir durften nämlich nur draußen Infotische aufstellen und das auch nur im Winter, weil wir als Studentenorganisation nicht anerkannt waren. Europa war damals nämlich noch verfehmt.“
Veteran 4: „Aber die heutige Generation weiß so etwas gar nicht zu schätzen. Die nehmen das als völlig selbstverständlich hin.“

Schließlich hat man mich vollends davon überzeugt, dass früher alles besser und heroischer gewesen ist, und ich ziehe daher meinen geordneten Rückzug an. Beim Rausgehen höre ich vom weitem noch einen Veteranen verzweifelt rufen: „Und die Agora war doch in München!“ Ich schwinge mich auf mein Fahrrad, dass ich 1996 nach dem Presidents‘ Meeting in Timisoara gekauft habe. Oder war es doch 1994?

Nachdem ich gegangen war, ereignete sich folgendes:
Veteran 6: Die Vorständler von heute sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.
Veteran 7: Und die Antennen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren….
Veteran 8: Und die Frauen bei AEGEE sind auch nicht mehr das….
Plötzlich betritt eine blonde üppige Vorständlerin die Kneipe und setzt sich dazu. Darauf betretende Stille.
Veteran 6: Aber die Antennen sind wirklich nicht mehr das, was sie mal waren.

 
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„Eins, zwei, drei! Im Sauseschritt
Läuft die Zeit; wir laufen mit“
(Wilhelm Busch)

Zeitbewußt wie ich nun mal bin, wollte ich mir eigentlich nur die geistigen Ergüsse der humanistischen Redner in Form von geschliffenen Vorträgen anläßlich der diesjährigen Abiturfeier anhören. Doch da hatte ich die Rechnung ohne die Buffet-Organisator gemacht: „Hey, du“! „Ich?!“ „Ja, genau du!“ Und ehe ich mich versehe werde ich dazu verdonnert, Tische für das Buffet herbeizutragen, damit die Abiturienten für den Sprung ins nackte Leben besser gerüstet sind.

Während ich nun dementsprechend motiviert mit einem auf ähnliche Weise rekrutierten Zeitgenossen den ersten Tisch an der Festhalle vorbeischleppe, vernehme ich wie der Redner auf geschickte und rhetorisch perfekte Weise direkt und ohne große Umschweife auf die Probleme und Nöte unserer Tage zu sprechen kommt: „Vor 2500 Jahren, als die Römer….“ Ich hatte also wahrlich genug Zeit, die lukullische Mahlzeit anzurichten. Wenige Tische später werde ich Ohrenzeuge, wie der Redner über sich hinaus wächst und das gespannte Publikum in einem historischen Wahnsinnsakt in die Zeit der Germanenkämpfe zurückversetzt. „Auf in den Kampf!“, rufe ich euphorisch, „alle Tische an die Buffetfront!“

Während der Redner mit verblüffender Selbstverständlichkeit auf scheinbar übermenschliche Weise zwei Jahrhunderte überspringt, gelingt es mir nur unter Aufwendung all meiner sterblichen Kräfte, einem plötzlich herannahenden Tisch mit einem Riesensatz auszuweichen.

Gnadenlos wird der Eilgang durch die Jahrhunderte beschleunigt, während ich wie von der Tarantel gestochen (siehe 1345 v. Chr.) zu einer Tür renne, die gerade mit einem gewaltigen Knall zuzuschlagen droht. „Nur keinen Lärm machen“, beschwört mich der Mitschüler von der anderen Seite des Tisches, „das könnte unseren Historiker um Jahre zurückwerfen!“ Wie wahr! Und da ich die Zeitgeschichte nicht durcheinanderbringen will, entschließe ich mich, auf leisen Sohlen durch den Korridor der Geschichte schreiten, vorbei an historischen Schlachtfeldern, ritterlichen Burgen, königlichen Schlössern und verbeulten Cola-Dosen. Ich begegne Griechen, Hebräern, Römern, Hunnen, Finnen, Spinnen, Germanen, Germanisten, Ehemaligen und anderen bereits Totgeglaubten.

Doch die Zeit drängt: „Nur noch 200 Jahre!“, ruft mir die aufpeitschende Masse zu. Die Lage wird immer dramatischer. Der Countdown läuft. Mit der „Welle“ im Nacken laufe ich zur letzten Höchstform auf. Noch 150 Jahre, noch 100, noch 50, 25, 10, 9, 8…. . Ein tosender Applaus kündigt das Ende der Geschichte bzw. des Vortrages an. „Puh! Gerade noch rechtzeitig geschafft.“ Mir fällt nicht nur ein Stein der Erleichterung sondern meinem Mithelfer auch ein Tisch des Schmerzes auf den Fuß. Egal, Hauptsache pünktlich! Doch ich kann mir nicht helfen. Ich werde das ungute Gefühl nicht los, daß ich um Jahrhunderte zu spät gekommen bin.

 
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„An die Schüler wird appelliert, die für individuelle Arbeiten notwendige Ruhe zu akzeptieren.“

So steht es jedenfalls geschrieben auf einem unscheinbaren grauen Papier, das im Aushang des Aufenthaltsraumes unserer Schule hängt. „Papier ist geduldig“, denke ich mir und lasse mich laut vernehmlich auf einen knarrenden Stuhl fallen, während meine Tasche mit einem satten Knall auf der Tischplatte landet.

„Wat los hier“, rufe ich in die weite Stille hinein, womit ich unbewußt eine Kettenreaktion ungeahnten Ausmaßes auslöse, denn plötzlich ist der ganze Raum mit wechselnd an- und abschwellenden Zischlauten erfüllt. Mit hektischen Gestiken macht man mir deutlich, daß ich mich ruhig zu verhalten habe. Man wolle arbeiten. Aber was kann man in einem Aufenthaltsraum machen, außer – wie der Name schon sagt – sich aufzuhalten und sich zu unterhalten?
Ah! Da fällt mir ein, daß ich Mutterns Schulbrot ja noch gar nicht gegessen habe. Das dürfte doch weit unterhalb der Schmerzensgrenze liegen, denke ich mir. Doch unglücklicherweise habe ich gerade heute nur Knäckebrot mit. Und da ich nur ungern mit meiner Rente spiele, stecke ich die Brottüte wieder vorsichtig in meine Tasche zurück, von zwölf skeptischen Augenpaaren aufmerksam beobachtet.

Während ich meinen Nachbarn auf Anfrage über meine Wochenendpläne aufkläre, ist ein stark erkältetes Mädchen voll damit ausgelastet, die Fenster, die in regelmäßigen Intervallen von zwei Open-Air-Fans geöffnet werden, in panikartiger Manier wieder zu schließen. Nun kommt Stimmung auf: Aus allen Ecken hagelt es Argumente zum Thema Frischluft pro und contra, wobei sich binnen Minuten zwei feindlich gesinnte Lager entwickeln.

„Stören wir Dich etwa?

Doch dann wird diese Debatte plötzlich durch einen markerschütternden Schrei unterbrochen: „Ruuuuuhe!“ Alle Augen richten sich auf ein sonst recht unscheinbares Mädchen, dessen Gesicht vor Wut besorgniserregend rot angelaufen ist. „Ruhe! Ich will arbeiten!“ „Stören wir dich etwa?“, frage ich das arme Ding, das am ganzen Körper zittert. „Das mußt du uns wirklich sagen!“ beteuert ein Zeitgenosse aus der hintersten Reihe. „Das können wir doch wirklich nicht wissen!“ „Was? Stören wir dich bei der Arbeit?“ Mein Nachbar zu meiner Linken scheint endlich aufgewacht zu sein: „Sag das doch gefälligst! Also wirklich, Utilie. Wenn wir dich stören….“

Flugs hat sich ein Halbkreis überaus hilfsbereiter Mitschüler gebildet, die sich besorgt und scheinbar interessiert danach erkundigen, was sie denn da gerade Schönes lese und ob es spannend sei und von wem es sei. Aber zu spät: Die gewissenhafte Schülerin hat das Papier bereits auf Golfballgröße zusammengeknüllt und aus dem Fenster, das zufällig gerade offen war, geworfen. Nur den Konstrukteuren der Fenster ist es zu verdanken, daß unsere Mitschülerin nicht aus demselben gesprungen ist, da die Frischluftzuführklappen nur halb zu öffnen sind.

Eine bedrückende Stille macht sich breit. Minutenlang sieht man nur verlegen in die Luft starrende Artgenossen, die bei zufälligem Blickkontakt verschreckt zusammenzucken. In diese idyllische Stille hinein schnaubt die verschnupfte Schülerin plötzlich ohrenbetäubend in ein Taschentuch, worauf sie unweigerlich zusammenfährt, da sie von einem Dutzend Augenpaare strafend durchbohrt wird, so daß ihr vor Schreck fast der Schnotten erstarrt.

Es gongt. Gleichzeitig brüllt mein Nachbar euphorisch „Pause!“, läßt alles stehen und liegen und rennt wie von Sinnen bzw. wie jeder normale Schüler in einer derartigen Situation davon und ward vorerst einmal nicht wieder gesehen. Wir gucken uns verstört an. „Pause? Der hat doch zwei Stunden lang Pause!“ Kurze Zeit später kommt er zurück und entschuldigt sein Verhalten verlegen damit, daß bei ihm so etwas wie ein vererbter Naturtrieb vorliege, der durch Ertönen des Gonges ausgelöst wurde. Vergeblich versuche ich mir vorzustellen, wie vor Tausenden von Jahren einer seiner Ur-Ur-Vorfahren wie von einer Tarantel gestochen aus einer Höhle gerannt ist, da es gegongt hat….

Langeweile macht sich wieder breit. Während mein Nachbar sich zu helfen weiß, indem er in seinem Riechkolben herumstochert und die zu Tage gebrachten Bodenschätze der Größe nach ordnet, startet mein Gegenüber ein flottes Linealsolo, untermalt mit spontanen Scratching-Einlagen auf diversen Samsonites und vereinzelten Aaah-Schreien unserer eifrigen Mitschülerin. Ich versuche, sie zu belehren, daß man dazu nicht „Aaah“ sondern „Aciiid“ ruft, doch diese Belehrung kommt mir nicht durch die Kehle, da selbige durch die Eremitin hermetisch abgeriegelt wird. Ich schwöre bei meinem Pfadfinderehrenwort, so etwas Böses nie, nie wieder zu tun und verlasse unaufhaltsam den Aufenthaltsraum. Gott schütze uns vor Freistunden!

 
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„Heute“, so hatte ich mir ganz fest vorgenommen, „gehst du mal wieder in die Kirche, schließlich ist es doch deine Konfirmation.“ Trotzdem kostete es mich viele Überwindung, denn ich gehe nur noch lustlos zur Messe, seitdem die neumodischen Pfarrer keine Opfertiere mehr auf dem Altar schlachten.

Pünktlich zur 10 Uhr-Vorstellung betrete ich das Gotteshaus und muß mit Entsetzen feststellen, daß die Veranstaltung fast ausverkauft ist – als ob es Freibier gäbe. Damit liege ich nicht ganz falsch, denn durch das Belauschen fremder Gespräche erfahre ich, daß heute im Rahmen des Abendmahls (und das am Morgen!) umsonst Wein gereicht wird. Durch meinen geschulten Blick erkenne ich sofort in den Reihen vor und hinter mir altbekannte Trinkergesichter aus ganz Bremen, die sich diese Gelegenheit natürlich nicht entgehen lassen.

Ich wähle einen strategisch günstigen Platz im Parkett, 1. Reihe inmitten mehrerer Jahresabonnenten im Alter 70 bis scheintot. Für mehrere Minuten kann man den Pastor nur schemenhaft erkennen, da die Kirche in ein wahres Blitzlichtgewitter begeistertet Hobbyfotografen getaucht wird. Dann aber kann endlich die Vorstellung beginnen. Enttäuscht muß ich feststellen, daß keine Vorgruppe eingeladen wurde. Statt dessen fängt der Pastor an zu predigen: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden…“ und die anderen zehn Gebote (oder waren es nur neun?).

Ich mache es mir gemütlich, doch da werde ich plötzlich durch die einsetzende Orgelmusik aus dem Halbschlaf gerissen. Wir Konfirmanden müssen uns erheben, um unseren Segen zu empfangen. Der wahre (Geld-)Segen folgt erst später. Unbemerkt versuchen wir, uns nach vorne zu schleichen, doch da werden wir gnadenlos von einer erneuten Welle von Blitzlichtern erfaßt. Überall sehe ich, wie Omas und Opas vergeblich versuchen, sich durch wilde, an den Wahnsinn grenzende Gestiken bei ihren Enkeln bemerkbar zu machen.

Nach der Prozedur können wir uns endlich wieder setzen. Da sehe ich auf einmal, wie sich eine Frau vor mir eine Zigarette anzündet! Vor Schreck fällt mir doch glatt die Bierflasche aus der Hand. Schließlich weiß ich aus dem Konfirmandenunterricht, wie man sich in der Kirche zu verhalten hat: Es ist nicht angebracht, nach jedem Beitrag seine Begeisterung durch lautes Klatschen kundzutun und Transparente zu enthüllen. Dieses sollte man sich – wie auch die Zugaberufe – bis zum Schluß der Vorstellung aufbewahren. Außerdem gilt es als Gotteslästerung, gegen den Rhythmus zu schunkeln.

Auf einmal fängt mein Nachbar ganz furchtbar an zu schnarchen. Das ist nun wirklich zu viel! Geistesgegenwärtig ersticke ich die Grunztöne mit einem mitgebrachten Kopfkissen, wobei mir fast meine Steppecke runterfällt. Dabei habe ich anscheinend zu viel Lärm gemacht, denn unversehens trifft mich ein strafender Blick des Pastors und ich erstarre zur Salzstange. Dem Gebot der Nächstenliebe folgend biete ich meinem Nachbarn meine delikaten Kartoffelchips an, die dieser unverschämterweise ablehnt. Durch Handzeichen macht er mir deutlich, daß er mit Popcorn bis zum Jüngsten Gericht eingedeckt ist.

Gott, ist das langweilig! Vergeblich versuche ich auf das zweite Programm umzuschalten, doch meine Fernbedienung wurde hinterhältigerweise durch ein Gesangbuch ersetzt, welches ich nun gekonnt aber letztendlich in Richtung Pastor schleudere. Schließlich versuche ich mitzusingen, doch mein Playback versagt. Schmerzlich vermisse ich nun die nette Frau, die so oft mit dem typischen Langnese-Lächeln fragt: „Möchte jemand ein Eis?“ Doch alles hat ein Ende, nur…: Durch laute Orgelmusik, die auch den letzten Schläfer aus dem Tiefschlaf holt, wird die Messe beendet und ich trete wieder ins himmlische Sonnenlicht nach draußen.

 
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„Bist du denn auch schon 18?“ Verschreckt zucke ich zusammen. Verdammt, ich hatte doch so unauffällig wie nur irgendwie möglich versucht, unbemerkt am Spielothek- Tresen zu schleichen. Doch nach einer kurzen Weile der Blutdrucknormalisierung bin ich in der Lage, der Sittenwächterin selbstbewußt und couragiert zu antworten: „Äh, ja…ich habe..äh, das ist so….Natürlich bin ich 18!“

Irgend etwas muß ich falsch gemacht haben, denn ich vernehme prompt die barsche Aufforderung „Deinen Ausweis, bitte!“ Natürlich bin ich noch keine 18 und ehe ich mich versehe, kann ich die neuzeitliche Spielhölle nur noch von außen bewundern. Ich schwöre mir, mich eines Tages zu rächen.

„Du bist ja wirklich schon 18!“

Endlich ist der große Augenblick da: Nachdem ich die inquisatorische Frage vernommen habe, schnippe ich lässig und mit einem eiskalten Gesichtsausdruck, wie es Sylvester Stallone mit seiner Gesichtslähmung nicht besser hätte machen können, meinen maschinenlesbaren Personalausweis knapp an der Kaffeetasse vorbei auf die Theke. Der Karte kann man – vorausgesetzt man ist im stolzen Besitz eines des öfteren den Gefrierpunkt überschreitenden IQs – entnehmen, daß ich tags zuvor das 18. Lebensjahr vollendet habe, also sozusagen oder auch volljährig bin. „Stimmt“, kommt es trocken von der anderen Seite der Theke, „du bist wirklich schon 18. Aber noch nicht lange!“

Na und? Mit einer volljährig anmutenden Gelassenheit nehme ich souverän meine Karte zurück, wobei ich meine überschäumende Freude nur mit Mühe verbergen kann. Endlich bin ich ins heilige Spielerparadies vorgedrungen!
Doch schlagartig werde ich auf den Spielo-Boden der Tatsachen zurückgeholt, denn neben mir verlangt plötzlich eine Schülerin, die gerade mal über die Theke gucken kann und von der ich genau weiß, daß sie erst seit kurzem 16 ist und somit gerade mal in der Öffentlichkeit rauchen darf, mit einer erschreckenden Selbstverständlichkeit „Eine Tasse Kaffee, bitte“ ruft.

Fassungslos starre ich auf meine Identitätskarte, die auf einmal für mich nicht mehr wert ist, als einer der Erdnußflips, die sich der junge Hüpfer aus dem Korb an der Theke nimmt und gen Spielautomat hoppelt. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie komme ich mir ziemlich verarscht vor!

Der Spielo-Schock war kein Einzelfall

Wie war das doch gleich? Mit 18 wird alles anders? Mit 18 fängt das Leben erst richtig an? Mit 18 ist man erst ein richtiger Mensch? Ich komme so langsam aber sicher ins Grübeln, denn der Spielo-Schock stellt leider keinen Einzelfall dar:

Mit 18 – so heißt es im Schulgesetzbuch, darf man in der Schule seine Entschuldigungen selbst schreiben. Doch wenn man bedenkt, daß sich heutzutage schon Neunklässlerinnen ihre Entschuldigungen selbst ausstellen und die eigenen Entschuldigungen sowieso keiner glaubt, auch wenn man mal nicht Übelkeit oder Schnupfen als Grund fürs Fehlen angibt, wird die voreilige Euphorie doch arg gebremst.

Mit 18 – so heißt es im Jugendschutzgesetz, darf man sich nach 24 Uhr in Diskotheken aufhalten, wo man sich aber in Wirklichkeit sowieso vor Mitternacht gar nicht hinwagt, da man Angst hat, auf die Köpfe der in Schulausflugstärke versammelten Unterstufler zu treten, die auch nach der vorgeschriebenen Zeit nicht im geringsten daran denken, zu Mami und Papi nach Hause zu fahren.

Mit 18 darf man seinen Führerschein machen – oder es wenigstens versuchen. Juhu, endlich Autofahren! Nie wieder im Regen nachts mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren! Denkste! Nachdem die Ersparnisse, die bis zur Grundschulzeit zurückreichen, aufgebraucht sind, und die einst so kleine und unscheinbare Fahrschule dank der freundlichen Unterstützung des Fahrschülers zu einem konkurrenzfähigen Großunternehmen aufgestiegen ist, und man schließlich freudestrahlend mit dem rosa Lappen nach Hause komme, winkt der leibliche Vater nur verächtlich ab: Natürlich sei man alt genug, nur das Auto halt leider noch nicht.

Mit 18 wird man in Kinovorstellungen ab 18 gelassen, um dort inmitten von popcornessenden Teenagern die Filme zu sehen, die man bereits mit 10 auf Papas Videorecorder geguckt hat, als Mami und Papi auf Ibiza waren.

Außerdem ist es volljährigen Bürgern erlaubt, Sex-Shops zu besuchen, um dort die lederne Peitsche zu kaufen, die sich die 12jährige Schwester schon immer gewünscht hat. Und wer glaubt, mit 18 bereits alles erreicht zu haben, täuscht sich ebenfalls ganz gewaltig: Erst mit 25 darf man seinen Ödipus-Komplex überwinden und seine Mutter adoptieren und mit 40 wird man erst zur Kandidatur zum Bundespräsidenten zugelassen. Roman Herzog kann also auch weiterhin ruhig schlafen.

Was bleibt ist neben meinem Personalausweis lediglich die alte Weisheit, mal wieder ein Jahr älter geworden zu sein.

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