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Auf meinem Bahnbonus-Konto haben sich 3500 Punkte angesammelt. Damit sie nicht verfallen, stöbere ich nach Prämien. Ich entscheide mich gegen sinnfreie bzw. unnütze Angebote wie „Reise-Ordnungsset“, „Brottasche sand-weiß“, „Linien-Laser“ und eine Armbanduhr mit DB-Logo. Und wähle sechs Upgrade-Gutscheine für die erste Klasse. Da werde ich bestimmt von vorne bis hinten verwöhnt – vom kostenlosen Kaffee über die Nackenmassage bis hin zur Pediküre.

Doch die Bahnwirklichkeig sieht anders aus: Zunächst suche ich als gelernter Printredakteur nach Tageszeitungen. Vergeblich. Okay, am zweiten Weihnachtstag erscheinen keine Zeitungen. Aber ist es denn wirklich zu viel verlangt, ein paar Exemplare vom Vortag auf Halde zu legen? Die Bahnkioske sind doch auch voll mit Sonntags- und Wochenendausgaben diverser Titel.

Danach strömt leckere Kaffeegeruch durch den Waggon. Da der Bahnangestellte, der ein Tablett mit verschiedenen Kaffeesorten unterwegs ist, keine Geldbörse dabei hat, gehe ich davon aus, dass die Getränke kostenlos sind. Zumindest eines pro Person. So wie im Flugzeug. Doch als der Bahner dem Nachbarn 3,80 Euro abknöpft, werde ich eines Bessere belehrt.

„Egal“, denke ich, „dafür gibt es Bahn-TV“. Doch wider Erwarten sind in keinem Erste-Klasse-Waggons Bildschirme in den Vordersitzen installiert. Nolens volens grade ich mich selbst herunter – vom audivisuellen zum reinen Hörvergnügen. „Doch wo zum Teufel sind die Buchsen für die Kopfhörer? Sie sind doch sonst immer in den Armlehnen versteckt! Selbst in der zweiten Klasse!“

„Na gut. Mal schauen, wie gut die WLAN-Verbindung ist.“ Doch obwohl der Zug auf einer ausgewiesenen WLAN-Strecke fährt, findet mein iPhone kein Signal. „Das funktioniert hier nicht“, belehrt mich der Schaffner. Und wenn wir es hätten, würde es 4 Euro die Stunde kosten. Auch in der ersten Klasse.“ Ja, Herrschaftszeiten! Gibt es denn hier überhaupt irgendwas umsonst? Die Frage verhallt in den Weiten des nur zu einem Viertel gefüllten Waggons.

Zumindest habe ich hier schön viel Platz und muss mich nicht mit anderen Reisenden um Sitzplätze prügeln. Schadenfroh suche ich einen Waggon der zweiten Klasse auf und muss erschreckt feststellen, dass dieser gar nicht überfüllt ist. Enttäuscht lehne ich mich in meinem Sessel zurück, über dessen komfortable Breite ich mich vor meiner Diät bestimmt noch gefreut hätte.

Kurz vor der Ankunft in Frankfurt macht der Schaffner uns ein Friedensangebot. Insbesondere der jungen Dame vor mir, die sich zuvor lautstark darüber beschwert hatte, dass es im Zug kein Internet gibt. „In London hat das jeder Bus!“ Der Bahnmitarbeiter reicht jedem Gast ein kleines Täfelchen Schokolade. Ich lasse mir das Incentive genussvoll auf der Zunge zergehen. „Wie gut, dass ich erste Klasse gebucht habe!“ Aber mal im Ernst: Das nächste Mal fahre ich wieder zweiter Klasse. Da weiß ich wenigstens, was ich nicht habe.

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