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„Eins, zwei, drei! Im Sauseschritt
Läuft die Zeit; wir laufen mit“
(Wilhelm Busch)

Zeitbewußt wie ich nun mal bin, wollte ich mir eigentlich nur die geistigen Ergüsse der humanistischen Redner in Form von geschliffenen Vorträgen anläßlich der diesjährigen Abiturfeier anhören. Doch da hatte ich die Rechnung ohne die Buffet-Organisator gemacht: „Hey, du“! „Ich?!“ „Ja, genau du!“ Und ehe ich mich versehe werde ich dazu verdonnert, Tische für das Buffet herbeizutragen, damit die Abiturienten für den Sprung ins nackte Leben besser gerüstet sind.

Während ich nun dementsprechend motiviert mit einem auf ähnliche Weise rekrutierten Zeitgenossen den ersten Tisch an der Festhalle vorbeischleppe, vernehme ich wie der Redner auf geschickte und rhetorisch perfekte Weise direkt und ohne große Umschweife auf die Probleme und Nöte unserer Tage zu sprechen kommt: „Vor 2500 Jahren, als die Römer….“ Ich hatte also wahrlich genug Zeit, die lukullische Mahlzeit anzurichten. Wenige Tische später werde ich Ohrenzeuge, wie der Redner über sich hinaus wächst und das gespannte Publikum in einem historischen Wahnsinnsakt in die Zeit der Germanenkämpfe zurückversetzt. „Auf in den Kampf!“, rufe ich euphorisch, „alle Tische an die Buffetfront!“

Während der Redner mit verblüffender Selbstverständlichkeit auf scheinbar übermenschliche Weise zwei Jahrhunderte überspringt, gelingt es mir nur unter Aufwendung all meiner sterblichen Kräfte, einem plötzlich herannahenden Tisch mit einem Riesensatz auszuweichen.

Gnadenlos wird der Eilgang durch die Jahrhunderte beschleunigt, während ich wie von der Tarantel gestochen (siehe 1345 v. Chr.) zu einer Tür renne, die gerade mit einem gewaltigen Knall zuzuschlagen droht. „Nur keinen Lärm machen“, beschwört mich der Mitschüler von der anderen Seite des Tisches, „das könnte unseren Historiker um Jahre zurückwerfen!“ Wie wahr! Und da ich die Zeitgeschichte nicht durcheinanderbringen will, entschließe ich mich, auf leisen Sohlen durch den Korridor der Geschichte schreiten, vorbei an historischen Schlachtfeldern, ritterlichen Burgen, königlichen Schlössern und verbeulten Cola-Dosen. Ich begegne Griechen, Hebräern, Römern, Hunnen, Finnen, Spinnen, Germanen, Germanisten, Ehemaligen und anderen bereits Totgeglaubten.

Doch die Zeit drängt: „Nur noch 200 Jahre!“, ruft mir die aufpeitschende Masse zu. Die Lage wird immer dramatischer. Der Countdown läuft. Mit der „Welle“ im Nacken laufe ich zur letzten Höchstform auf. Noch 150 Jahre, noch 100, noch 50, 25, 10, 9, 8…. . Ein tosender Applaus kündigt das Ende der Geschichte bzw. des Vortrages an. „Puh! Gerade noch rechtzeitig geschafft.“ Mir fällt nicht nur ein Stein der Erleichterung sondern meinem Mithelfer auch ein Tisch des Schmerzes auf den Fuß. Egal, Hauptsache pünktlich! Doch ich kann mir nicht helfen. Ich werde das ungute Gefühl nicht los, daß ich um Jahrhunderte zu spät gekommen bin.

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