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Auszug aus: „Hamburger Abendblatt“, 12.3.1995:

Millionen-Skandal aufgedeckt: Die STABI hat gar keine Bücher!

Hamburg – Die Hamburger Polizei ist an der Hamburger Universität einem Betrug auf die Schliche gekommen, dessen Schaden in die Millionen geht. Die Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek (STABI), die jährlich von über hundertausenden Lesern aus Hamburg und dem Umland der Hansestadt frequentiert wird, hat – wie sich jetzt herausstellte – gar keinen Verleihbestand.

Auf den Hinweis einer Studentin hin durchsuchte die Polizei gestern die Magazine der STABI und fand dort fast nur leere Regale vor. Lediglich ein paar Dutzend veralteter
Physik-, Informatik- und Biologie-Bücher konnten die Beamten sicherstellen.

Ausgeklüngeltes Verhinderungssystem

Bei ihren weiteren Ermittlungen, in deren Zuge auch die Verwaltungsräume durchsucht wurden, stieß man auf ein ausgeklüngeltes System, die die Bibliotheksbenutzer daran hinderte, ihre Bücher wie gewünscht zu bestellen. Diese Verhinderungstaktik fing laut Polizeisprecher Peter Goboleit schon damit an, dass die Literaturrecherche dadurch erschwert wurde, dass man die längst überfällige Umstellung auf Computer lange Zeit verschleppte. So mussten die Studenten ihre Buchsignaturen mühsam aus Schlagwortkatalogen und Mikrofichen heraussuchen. Wenn der Benutzer dann die Signaturen nach langer Wartezeit vor den Bestell-Computern erfolgreich eingegeben hatte, musste er je nach Signatur entweder ein paar Stunden oder über einen Tag auf die begehrte Literatur warten.

Danach erfuhr er dann, dass das Buch nicht im Lager zu finden sei oder gerade umgestellt werde, weshalb man es nach zwei Tagen noch einmal versuchen möge. Nach einer erneuten Bestellung erhielt so mancher STABI-Benutzer aufschlussreiche Buchtitel wie „Das Leben der bolivianischen Liebesschnecke“ oder „Computertomographie gestern und heute“, die man gar nicht bestellt hatte und daher auch sofort wieder abgab.

Noch tragischer waren die Mißerfolge bei der Buchbestellung, wenn das Buch angeblich bereits ausgeliehen war: Man mußte es dann per Computer vormerken lassen und bekam dann Wochen oder Monate später eine Postkarte, auf der lediglich die Signatur eingetragen, d.h. der Leser wusste in der Regel gar nicht, was er vor Ewigkeiten mal hatte lesen wollen. Nachdem er auf diese Bestellkarte Wertmarken im Werte von 1,50 Mark geklebt hatte, bekam er dann ebenfalls ungewünschte Bücher in die Hand gedrückt. „Kein Wunder“, so Goboleit, „daß viele Studenten aufgrund dieser Widrigkeiten auf weitere Bestellungsversuche verzichteten und auf die Bibliotheken der Fachbereiche, Institute und der Bundeswehr-Universität auswichen.

Ein Bibliotheksangestellter, der kurz nach der Durchsuchung festgenommen worden war, hat bereits gestanden, mehrere Blockieraktionen organisiert zu haben, um die Geduld der Besucher zusätzlich zu zermürben. Er heuerte schwungweise Schüler an, deren Aufgabe darin bestand, sich entweder in die Warteschlagen vor den Bestell-Computern einzureihen und deren Benutzung durch möglichst ungeschickte Benutzung so lange wie möglich zu blockieren oder die ohnehin raren Kleiderschränke in Beschlag zu nehmen. Nach der Verhaftung dieser „kleinen Nummer“ fahndet die Polizei laut Goboleit jetzt nach fünf Hauptverdächtigen, deren Namen er aber noch nicht nennen wollte.

Die Angestellten schöpften keinen Verdacht

Den STABI-Angestellten an der Buchausgabe will nichts aufgefallen sein: „Sicherlich haben wir uns manchmal darüber gewundert, daß so viele Studenten naturwissenschaftlich interessiert sind, aber wir haben die Bücher immer ordnungsgemäß ausgegeben“, verteidigt sich die langjährige Bibliothekarin Ute S. Sie konnte ja auch nicht wissen, daß die gelegentlich korrekt ausgehändigten Bücher aus den Lesesälen stammten. Dieser Bestand wurde von Zeit zu Zeit angerührt, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, daß gar kein Verleihbestand vorhanden war. Als aber die Lücken in den Lesesälen zu gross wurden, entschloss sich die STABI-Verwaltung, einen Großteil der Bücher mit x- und y-Signaturen zu versehen. Deren Ausleihzeit beträgt nämlich nur noch zwei anstatt vier Wochen.

Der Bücher-Schwindel war aufgeflogen, als die Lehramtsstudentin Julia A. nach Wochen vergeblicher Bücherbestellung „die Nase gestrichen voll“ hatte und sich deshalb persönlich bei der STABI-Verwaltung beschweren wollte. Auf dem Weg dorthin stieß sie zufällig auf eine unverschlossene Tür mit der Aufschrift „Magazin“. In den Räumen dahinter machte sie den erstaunlichen Fund und alarmierte sofort die Polizei.

Ungeklärt ist nach wie vor, wohin die Gelder, die eigentlich für die Beschaffung der Bücher bestimmt waren, geflossen sind, und wie dieser Betrug so lange geheim gehalten werden konnte. Die Polizei vermutet, dass hohe Schmiergelder an Aufsichtsbeamte und Bibliotheksangestellte geflossen sind.

Der Verleihbetrieb wurde bis zur endgültigen Klärung des Falles geschlossen. Der Lesesaal kann aber weiterhin genutzt werden. In der nächsten Woche will die Bildungsbehörde darüber entscheiden, ob die Magazine mit neuen Büchern aufgefüllt oder die STABI offiziell in eine Präsenzbibliothek umgewandelt wird.

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