Der MDR hat den TW-Redakteur Bert Rösch zum Thema Retouren im Modehandel befragt. Den Beitrag können Sie sich hier anhören. In der ARD-Mediathek ist er nicht mehr abrufbar, weil die Beiträge nur eine Woche lang bereitgestellt werden dürfen.

 

 

„Guckst Du eigentlich noch fern“, frage ich die neue Praktikantin, um die Medienberichte zu verifizieren, wonach sich die Digital Natives Bewegtbilder fast nur noch im Internet und so gut wie gar nicht mehr auf der guten alten Glotze ansehen. „Kaum“, antwortet die 21-Jährige. „Eigentlich nur Nachrichten und ‚Switch’.“ „Moment mal“, schießt es mir durch den Kopf. Wenn die junge Dame die Wahrheit sagt, dann kennt sie ja gar nicht Originalsendungen, die das „Switch“-Team regelmäßig aufs Korn nimmt. Somit assoziiert sie mit den Namen Günther Jauch, Sonya Kraus, Stefan Raab und Markus Lanz nur die überzeichneten Doppelgänger auf Pro Sieben.

Als alter Humanist kommt mir natürlich sofort das „Höhlengleichnis“ des griechischen Philosophen Platon in den Sinn. In der Geschichte sind mehrere Menschen von Kindheit an in einer Höhle eingeschlossen, wo sie nur Schattenbilder sehen können. In der Folge sind die Schatten für sie die wahre Welt. Obwohl ich ein Vielseher bin, ist es mir schon mehrfach passiert, dass ich erst die Parodie in „Switch“ und dann das Original gesehen habe. Und musste immer wieder erschrocken feststellen, dass die Fälschung verdammt nah am Original dran war.

Kopien sind teilweise besser als das Original

Okay, die Handlung ist in „Switch“ im Sinne einer Satire natürlich herrlich überzogen. Aber Gestik, Mimik und Sprache sind fast identisch. Nach Ansicht des Magazins „Der Spiegel“ sind die Kopien teilweise sogar besser als die echten Moderatoren. Zu Recht: Als vor einigen Monaten „Switch“-Comedian und Stefan-Raab-Imitator Max Giermann die Show „Stefan Raab“ anmoderierte (Foto), brauchten die Zuschauer mehrere Minuten um festzustellen, dass der echte Stefan Raab noch hinter der Bühne war. Und Stefan Raab selbst gibt zu, dass er sich manchmal dabei ertappt, wie er seinen Doppelgänger imitiert. Was ist da noch Realität, was Fiktion?

Aber vielleicht sollten wir nicht zu laut über dieses Problem nachdenken. Sonst kommen die anderen Fernsehsender womöglich auf die Idee, eigene TV-Parodie-Formate zu entwickeln. Mit dem perfiden Hintergedanken, Schauspieler auszubilden, die irgendwann besser sind als die Originale. So können diese schrittweise ersetzt werden und die Sender die Millionen-Gagen von Thomas Gottschalk & Co einsparen.

Den älteren Zuschauern mag diese Täuschung vielleicht auffallen. Aber spätestens nach dem nächsten Mittagsschlaf haben sie es wieder vergessen, zumindest das Stammpublikum von ARD und ZDF. Und die jungen Leute merken es erst gar nicht. Schließlich gucken sie nur Nachrichten sowie Switch & Co.

 

 

 

 

 

Ist Grau das neue Blond?

Zwölf Uhr Mittag: Zwei Dutzend Teens und Twens stehen im Restaurant einer großen deutschen Warenhauskette für den berühmten Senioren-Teller Schlange. Sie tragen beigefarbene und graue Windjacken. Darunter wahlweise bunt bestickte Blusen und Falteneröcke oder schwarze Strickjacken – so wie ihr Idol Helmut Kohl bei den legendären Verhandlungen mit Michael Gorbatschow im Kaukasus.

Viele tragen Strümpfe in Sandalen. Ihre Haare sind wahlweise grau oder weiß gefärbt. Nach dem Essen liefern sich einige der jungen alten Herren spannende Rollatoren-Rennen. Erschöpft machen sie danach ihren wohlverdienten Mittagsschlaf. Am Nachmittag schauen sie Telenovas auf ARD und ZDF, ihren Lieblingssendern, neben den Shopping-Kanälen QVC und HSE24.

Aufstand der Alten?

Nein, das ist keine Neuverfilmung der ZDF-Dokumentation „2030 – Aufstand der Alten“, bei der aus Geldmangel junge Studenten die Generation 67 plus verkörpern. Es ist vielmehr das logische Ergebnis, wenn man die aktuellen modischen Entwicklungen zu Ende denkt und auf Deutschland überträgt. In Großbritannien färben sich neuerdings die Trendsetter, teilweise auch Filmstars und Models, die Haare grau oder weiß, sodass sie von weitem aussehen wie ihre Großeltern. „Graue Haare sind das neue Blond“, schreibt etwa das Frauenportal Brigitte.de.

Damit setzt sich der Trend fort, den Kleidungsgeschmack der älteren Generation zu übernehmen. Schon seit Jahren sind auf Fashion Shows Models zu sehen, die Socken in Sandalen tragen. Das war lange Zeit eine absolutes No Go in der Mode. Ebenfalls in vogue sind bereits Cardigans, Hosenträger, Fliegen sowie Flicken auf den Ärmeln.

Hoffnung für Renter-Paradies Karstadt

Sollte sich der Trend zur Altherren- und Altweibermode hierzulande weiter festsetzen, wäre das vielleicht die Rettung für die schlingernde Warenhauskette Karstadt, die offenbar wieder in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Schließlich will das Unternehmen seine Rechnung künftig einen Monat später bezahlen als sonst, was die meisten Lieferanten gar nicht witzig finden. Zusätzlich herrscht Medienberichten zufolge – abseits der frisch sanierten Vorzeige-Weltstadthäuser – ein großer Investitionsstau. Und wenn im Herbst der Sanierungstarifvertrag ausläuft, muss Karstadt 50 Millionen Euro mehr Löhne und Gehälter zahlen.

Sollten nun die jungen Leute das als Disney-Land der Rentner verschriene Warenhaus auf einmal hipp finden, könnten sich die Probleme binnen weniger Monate in Luft auflösen. Ob Karstadt-Chef Andrew Jennings das wohl weiß? Sollte er jedenfalls. Schließlich kommt er aus Großbritannien, dem Mutterland des „Aus alt mach cool“-Trends.

 
„Jetzt wird in Europa Deutsch gesprochen“, sagte Unionsfraktionschef Volker Kauder 2001 im Rahmen der Euro-Rettungsmaßnahmen der deutschen Bundesregierung und löste damit eine Welle der Empörung aus. Die ARD hat diese umstrittene Äußerung offenbar wörtlich genommen. Schließlich sprechen in den Zweiteiler „Russisch Roulette“ fast alle Russen die deutsche Sprache oder verstehen sie zumindest. So sehr, dass sich in einer Szene groteskerweise ein russischer Oligarch und eine russische Polizeikommissar auf Deutsch unterhalten. Zwar hört man das für die Russen typische rollende R, aber die Grammatik ist tadellos. In einer anderen Szene bestellt ein Chefredakteur in einem St. Petersburger Restaurant ganz selbstverständlich „eine heiße Schokolade“.

Katharina Böhm und Heinz Hönig. Foto: ARD

Zugegeben: Lange Dialoge auf Russisch mit Untertiteln können für den Zuschauer auf Dauer ermüdend sein. Aber es macht die Sendung auch authentischer. Der Mehrteiler „Im Angesicht des Verbrechen“, übrigens auch von der ARD, hatte ganze Szene in der slawischen Sprache gedreht, ohne dass dabei die Spannung verloren ging. Und dass in dem preisgekrönten Krimi viele Russen Deutsch sprachen, war durchaus logisch. Schließlich lebten sie in Berlin.

Zudem dürfte es nicht zu viel verlangt sein, wenn sich das Publikum ab und zu russische Kurzeinlagen anhören muss. Zum Beispiel Übersetzungen der im Film deutsch gesprochenen Sätze „Haben Sie meinen Sohn gesehen?“ oder „Sie ist auch Journalistin!“.

Das Publikum der ARD mag zwar – ob ihres hohen Durchschnittsalters – teilweise schon etwas senil sein. Aber blöd ist es bestimmt nicht. Jedenfalls nicht so blöd, dass es denkt, dass der Russlandfeldzug und die Belagerung des damaligen Leningrads und heutigen St. Petersburg erfolgreich war und in der Folge alle St. Petersburger Deutsch sprechen oder verstehen. Wie sagte doch die Comedy-Legende Otto Walkes so schön „Wozu bezahle ich eigentlich keine Fernsehgebühren?!“

Foto: Katharina Böhm und Heinz Hönig (ARD)

 

Januar 2010

Zugegeben: Nicht alles, was auf Medienkongressen erzählt wird, stellt sich im Nachhinein als richtig heraus. Doch in der Regel sind die Aussagen oder Prognosen so geschickt gewählt oder formuliert, dass sie eine Halbwertzeit von mehreren Monaten haben. Nicht so beim 2. Deutschen Medienkongress von HORIZONT am 19. und 20. Januar in Frankfurt. Dort überdauerte eine Kernaussage eines so genannten Impulsreferats nicht einmal die darauf folgende Pause.

Aber der Reihe nach: Der Chef eines Radiodienstleisters will anhand zweier plastischer Beispiele die Inflation der Medienkanäle illustrieren: „Wie viele verschiedene Kaffees gab es vor 40 Jahren?“, fragt er in die Runde. „Richtig: EINEN, und nur EINE Größe.“ Heute seien es dank amerikanischer Großketten über hundert. Das Gleiche passierte im Fernsehbereich, in dem aus einst zwei Sendern (ARD und ZDF) mehrere Hundert geworden sind.

Vergleichbares sei bei den Werbekanälen geschehen, die vor ein paar Jahrzenten nur aus Zeitungen und Zeitschriften sowie dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen bestanden hätten. Inzwischen gebe es Dutzende von Kanälen: vom Privatfernsehen über Handy bis hin zu verschiedenen Social-Media-Kanälen wie YouTube, Twitter und Facebook.

So weit, so gut. Die Fernseh-These kann ich als bekennender TV-Junkie nur bestätigen, ebenso die Aussagen über die Inflation der Werbekanäle – wozu bin ich schließlich seit fast neun Jahren Medien- und Marketingredakteur?

Doch wie sieht es beim Thema Kaffee aus? Ich mache in der nächsten Pause die Probe aufs Exempel und fange ganz bescheiden an: Ich bestelle weder einen „Strawberries & Cream Frappuccino® Blended Cream“, noch einen „Sumatra Lake Toba“, sondern ganz simpel einen Capuccino. „Hamwa nicht“, heißt es auf der anderen Seite der Theke. „Wir haben nur Kaffee!“, sagt die Bedienung. „Okay, haben Sie wenigstens einen großen Kaffee?“, frage ich, um dem Kellner und dem Referenten eine zweite Chance zu geben. „Nein! Nur DIESE Tassen!“, sagt er und zeigt dabei auf ganz gewöhnliche weiße Tassen.

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