Der Autor

 

Bert Rösch arbeitet als Wirtschaftsredakteur in Frankfurt. Der 44-Jährige berichtet für die Fachzeitschrift TextilWirtschaft über die Themen E-Commerce, IT und Logistik in der Modebranche. Davor arbeitete der studierte Historiker bei den Marketing- und Medienfachtiteln HORIZONT, ONEtoONE und text intern.

Weitere journalistische Erfahrungen sammelte der gebürtige Bremer in den Online-Redaktionen von AOL, Cityweb (WAZ/Axel Springer), GO ON (Axel Springer) und T1 New Media Bertelsmann. Somit hat er fast alle Bereiche der Internetwirtschaft von innen und außen kennengelernt, weshalb er sich gerne als 360-Grad-Online-Journalist bezeichnet.

In seinem Blog Medienkracher.de schreibt der Wahl-Frankfurter über Skurrilitäten aus Print, TV und Internet und erzählt Anekdoten aus seinem Leben als Modewirtschaftsredakteur. Zusätzliche Informationen zum Werdegang von Bert Rösch gibt es auf seiner Xing-Seite. Arbeitsproben finden Sie hier

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Damals, als es in Deutschland nur drei Fernsehsender gab,bezeichnete man den Flimmerkasten noch ehrfürchtig als „das Lagerfeuer derNation“. Schließlich versammelten sich jeden Abend Millionen von Menschen –mangels Alternativen – vor ein und demselben Fernsehprogramm, über das sie sich am nächsten Tag in der Schule, in der Uni oder am Arbeitsplatz trefflich unterhalten konnten. Als hätten sie gemeinsam etwas unternommen.

Doch seit der Inflation der privaten Fernsehkanäle und spätestens seit dem Siegeszug des Internets wird die Lagerfeuerrunde immer kleiner. Nur noch selten gelingt es einer Fernsehsendung, ein ähnlich großes Publikum zu erreichen wie es in den goldenen Zeiten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gang und gäbe war. Die Samstagabend-Show „Wetten, dass..“ gehörte bis vor kurzem noch zu den wenigen Ausnahmen. Doch das dürfte mit dem Abgang von Thomas Gottschalk bald der Vergangenheit angehören. Sonstige Gassenhauerwie „Tatort“ werden dank neuer Techniken häufig zeitversetzt geguckt.Herkömmliche Video-Rekorder und deutlich einfacher zu bedienende Festplattenrekorder sowie zahlreiche Mediatheken im Internet machen es möglich.

„Ist das Spiel bei Dir auch schon vorbei?“
Was bleibt sind Fußball-Live-Übertragungen. Schließlich ergibt es wenig Sinn, ein Spiel zeitversetzt zu gucken, wenn Nachbarn Tore und Großchancen gut hörbarmit Jubel- oder Schmerzensschreien begleiten oder Autokorsos das Ergebnisverkünden. So dachte ich jedenfalls, bis ich eines Abends einen HORIZONT-Kollegen anrief, um mich live mit ihm über das Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft zu unterhalten, dass wir eigentlich zusammen in der Kneipe gucken wollten. Doch nach wenigen Minuten mussten wir feststellen, dass wir unterschiedliche Spiele sahen. Brandheiß fiel mir ein, dass ich vor ein paar Minuten meinen Festplattenrekorder angehalten hatte, um eine Szene ein zweites Mal zu sehen. Sofort spulte ich vor. Vergeblich. Diesmal war mein Kollege neun Sekunden in Verzug, da er das Spiel über eine Internetverbindung sah, ich dagegen über Kabel.

„Gut“, dachte ich mir. „Dann kann ich ja nach dem Spieleinen Witz reißen, den ich schon seit langem einsetzen wollte: Ich rief den Fußballfreund zehn Minuten nach Spielschluss an und fragte in Anspielung auf die Langsamkeit seiner TV-Übertragung: „Und? Ist das Spiel bei Dir inzwischen auchvorbei?“ Statt des erwarteten Lachers hörte ich zu meinem Erstaunen das Wort Nein. Der Grund: Der Kollege hatte das Spiel wegen eines Telefonats angehalten und war somit noch zehn Minuten hinterher. Ach, wie schön waren doch die 80er!

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„Was fällt Dir ein, Fan von ‚werben & verkaufen‘ zu werden?“, schrieb mir der Ressortleiter von HORIZONT.net, Marco Saal, sinngemäß vor ein paar Monaten erbost. Ich hatte zuvor auf Facebook den Nachrichten-Feed der Marketingfachzeitschrift „werben & verkaufen“ abonniert. Dazu musste ich den etwas unglücklich formulierten Button „Werde Fan“ anklicken, sodass Minuten später in meiner persönlichen Status-Zeile die Meldung „Bert ist jetzt Fan von werben & verkaufen“ erschien.
Inzwischen hat Facebook den „Fan“-Button durch die unverfängliche Formulierung „Gefällt mir“ ersetzt. Doch das Problem bleibt. Denn wenn ein Unternehmen seine Facebook-Page mit Hilfe eines Tools des populären Social Networks auf seiner Startseite bewirbt, erscheint innerhalb des Plug-ins immer noch die fragwürdige Bezeichnung „Fan“.

Und nun wird es lustig: In meinem Fall war es noch durchaus legitim, in einem – wie auch immer gearteten Ausmaß – „Fan“ von „w&v“ zu sein. Schließlich arbeite ich nicht mehr für „HORIZONT“, sodass die Zeitung nicht mehr auf eine konsequente Loyalität oder gar auf eine Konkurrenzausschlussklausel pochen kann. Und wie gesagt: Im Grunde hatte ich nur Presseschau betrieben. Wenn also bereits mein geringfügiger Verstoß so viel Aufregung verursacht: Wie wird Herr Saal reagieren, wenn er liest, dass „HORIZONT“-Redakteur und Ober-.Blogger Olaf Kolbrück, der wegen seiner Social-Media-Expertise eigentlich ein großes Aushängeschild der Zeitung ist, neuerdings als Markenbotschafter von „w&v“ agiert?

Sie haben richtig gelesen: Olaf wirb für die Konkurrenz! Schließlich erscheint sein Konterfei samt Vorname – dank des besagten Plug-in von Facebook – unter dem Satz „werben & verkaufen hat 7.861 Fans“.

Wer die genauen Hintergründe nicht kennt, könnte jetzt in Spekulationen verfallen: Hat „HORIZONT“ etwa – wenige Tage nach dem historischen Agentenaustausch von Russland und den USA – seinen eigenen großen Spionageskandal? Schließlich wissen wir spätestens seit dem Hollywood-Film „Der Fan“ mit Robert de Niro was Fans für ihre Idole machen: schlicht alles! „Facebookgate am Main“, würde eine bekannte Hamburger Boulevard-Zeitung in großen Buchstaben titeln – wenn sie der Vorfall interessierte. Aber dazu ist „HORIZONT“ zum Glück nicht bedeutend genug, jedenfalls nicht in der breiten Masse…

 

Jeder kennt das Phänomen: Sobald man einen Fahrstuhl betritt, verstummen sofort alle Gespräche, und es herrscht ein betretenes Schweigen. Beim Warten auf den Fahrstuhl ist dagegen Small Talk angesagt. Auch wenn es gerade nichts Gescheites zu erzählen gibt. So geschehen neulich im Deutschen Fachverlag, als ich einen ehemaligen Kollegen von „HORIZONT“ traf, der hauptsächlich über Internetthemen schreibt. Da mir gerade kein Small-Talk-fähiges Online-Thema einfiel, sprach ich den Redakteur auf sein lilafarbemes Hemd an. „Lila ist inzwischen wieder out! Beerenfarben sind jetzt angesagt!“

Der Kollege schaute mich erstaunt an. Auch ich kam ins Grübeln: „Moment mal! Habe ich das gerade gesagt?! Seid wann sind mir Modetrends wichtig? Ich trage doch selbst Hemden jahrelang auf, auch wenn die Farbe nicht mehr in ist! Bin ich etwa durch meine neue Umgebung unbewusst zum Fashion Victim mutiert? Und sollte ich meinen Ausspruch nicht schnell relativieren und betonen, dass ich das Ganze nur ironisch gemeint habe?“

Doch zu spät. Rasant hatte sich die Kunde vom neuen Mode-Bert in der „HORIZONT“-Redaktion verbreitet, so dass mir in der nächsten Kaffeepause ein „HORIZONT“-Redakteur lächelnd auf die Schulter klopfte und sagte: „Na? Ich habe gehört: Lila ist out!“ Leugnen war zwecklos. Ich hatte meinen Ruf weg. Was kommt als Nächstes? Wird man mich schon bald dabei erwischen, wie ich Löcher in meine neue Jeans schnippel, um diese mit ätzenden Säuren versehe, um einen Used Look zu kreieren?

 

Januar 2010

Zugegeben: Nicht alles, was auf Medienkongressen erzählt wird, stellt sich im Nachhinein als richtig heraus. Doch in der Regel sind die Aussagen oder Prognosen so geschickt gewählt oder formuliert, dass sie eine Halbwertzeit von mehreren Monaten haben. Nicht so beim 2. Deutschen Medienkongress von HORIZONT am 19. und 20. Januar in Frankfurt. Dort überdauerte eine Kernaussage eines so genannten Impulsreferats nicht einmal die darauf folgende Pause.

Aber der Reihe nach: Der Chef eines Radiodienstleisters will anhand zweier plastischer Beispiele die Inflation der Medienkanäle illustrieren: „Wie viele verschiedene Kaffees gab es vor 40 Jahren?“, fragt er in die Runde. „Richtig: EINEN, und nur EINE Größe.“ Heute seien es dank amerikanischer Großketten über hundert. Das Gleiche passierte im Fernsehbereich, in dem aus einst zwei Sendern (ARD und ZDF) mehrere Hundert geworden sind.

Vergleichbares sei bei den Werbekanälen geschehen, die vor ein paar Jahrzenten nur aus Zeitungen und Zeitschriften sowie dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen bestanden hätten. Inzwischen gebe es Dutzende von Kanälen: vom Privatfernsehen über Handy bis hin zu verschiedenen Social-Media-Kanälen wie YouTube, Twitter und Facebook.

So weit, so gut. Die Fernseh-These kann ich als bekennender TV-Junkie nur bestätigen, ebenso die Aussagen über die Inflation der Werbekanäle – wozu bin ich schließlich seit fast neun Jahren Medien- und Marketingredakteur?

Doch wie sieht es beim Thema Kaffee aus? Ich mache in der nächsten Pause die Probe aufs Exempel und fange ganz bescheiden an: Ich bestelle weder einen „Strawberries & Cream Frappuccino® Blended Cream“, noch einen „Sumatra Lake Toba“, sondern ganz simpel einen Capuccino. „Hamwa nicht“, heißt es auf der anderen Seite der Theke. „Wir haben nur Kaffee!“, sagt die Bedienung. „Okay, haben Sie wenigstens einen großen Kaffee?“, frage ich, um dem Kellner und dem Referenten eine zweite Chance zu geben. „Nein! Nur DIESE Tassen!“, sagt er und zeigt dabei auf ganz gewöhnliche weiße Tassen.

 

September 2010

Auf meiner Abschiedsfeier bei HORIZONT bekomme ich die Gelegenheit, die beiden großen Vorteile meines Wechsels zu einer Modewirtschaftsfachzeitung hervorzuheben: Zunächst einmal kann ich davon ausgehen, dass meine Schwester künftig meine Artikel liest. Nicht nur, weil sie – wie fast alle Frauen – ein Fashion Victim ist, sondern auch, weil sie selbst viele Jahre im Textileinzelhandel gearbeitet hat. Entsprechen begeistert nahm sie die Nachricht von meinem neuen Job auf und bat mich, mir ab und zu Ausgaben der TW zukommen zu lassen.

Das waren ganz neue Töne. Denn wenn ich ihr in der Vergangenheit Ausgaben der von mir mitproduzierten Fachzeitungen text intern, ONEtoONE und HORIZONT mitbrachte, fragte sie mich jedes Mal entgeistert: „Muss ich das jetzt etwa lesen?!“

Ein weiterer Vorteil meines Wechsels ist schon fast ein Kontinuum: In der Vergangenheit hatte ich nolens volens (New-Economy-Crash, Medienkrise I und II) regelmäßig nach spätestens zwei Jahren meinen Job gewechselt. Bis auf eine Ausnahme: Bei ONEtoONE fand nach zwei Jahren ein kompletter Austausch meiner Redaktionskollegen statt. Der große Vorteil: Ich konnte jeweils mein Portfolio an Witzen und Sprüchen, das spätestens nach zwei Jahren zur Neige geht, wieder neu ausrollen.

So auch jetzt bei der TW. Ein HORIZONT-Kollege bezweifelt das allerdings: „Das Potenzial ist längst noch nicht ausgeschöpft!“ Ein ehemalige ONEtoONE-Kollegin sieht das Ähnlich. Denn ihren Schätzungen zufolge sind 40 Prozent meines Gehirns für Witze reserviert. Das ist natürlich absoluter Quatsch. Es sind mindestens 60 Prozent!

Die zweite Reaktion auf meine Rede: Eine Schuh-Shopping-süchtige Kollegin gab mir einen nicht ganz uneigennützigen Tipp auf den Weg: „Wenn man Dich fragt, welche Schuhgröße Deine Schwester hat: Sie hat 37!“ und deutete dabei auf ihre High-Heels. Als ob ein Modemarketing-Redakteur Produktproben bekommen würde! Demselben Irrtum erlag auch eine Hamburger Freundin: Als sie erfuhr, dass ich zur Berlin Fashion Week fahre, schrieb sie in meinem Facebook-Gästebuch: „Bring mir ein hübsches Louis-Vuitton-Kleid mit!“

 

August 2010

Etwa fünf Wochen, bevor ich meine Stelle bei einer Zeitschrift für Modewirtschaft antrete, treffe ich drei Redakteurinnen meines künftigen Arbeitgebers. Sie laden mich zum Essen ein und geben mir wertvolle Tipps für den Neuanfang. Freudig erzähle ich anschließend einer Noch-Kollegin bei HORIZONT von dieser erfreulichen Begegnung.

Doch anstatt zu fragen, wie die künftigen Kolleginen denn so seien und wie das Treffen verlaufen sei, fragt sie nur völlig ungläubig: „Was?! Die haben was gegesssen?!!“ So viel zum Thema Klischees innerhalb des Verlags! Was mögen wohl umgekehrt die TW-Redakteure über uns HORIZONT-Redakteure denken? Dass wir zum Einschlafen Radio-Werbe-Jingles hören? Oder vorher unseren Kindern oder Nichten/Neffen doppelseitige Autoanzeigen als Gute-Nacht-Geschichte vorlesen? Ich bin gespannt!

 

Mittwochmorgen: Ich fahre zur Online-Marketing-Messe OMD, die vermutlich zum letzten Mal in dieser Größe stattfindet. Schließlich gibt es ab 2009 die Konkurrenzmesse DMEX, zu der sich schon mehrere Verbände bekannt haben (siehe Seite 34). Dieser Zweikampf ist natürlich Gesprächsstoff Nummer 1 in den Messehallen. Dabei ist das interessante Phänomen zu beobachten, dass sich – abgesehen von den großen Online-Vermarktern – kaum ein Aussteller zu der einen oder anderen Messe bekennen will. Alle wollen erst einmal abwarten, wie sich die anderen Aussteller entscheiden. Das heißt: Jeder pokert bis zum spätmöglichsten Zeitpunkt und läuft dabei Gefahr, am Ende keinen Platz mehr zu bekommen.

Mittwochnachmittag:Die OMD hat neben digitalen auch Modetrends zu bieten: Mehrere Online-Manager tragen trotz einer Innentemperatur von mindestens 26 Grad einen Wollschal zum Anzug. Plan.net-Geschäftsführer Michael Frank erklärt die ungewöhnliche Kombination mit der langen Schlange an der Garderobe. Die Motive von Alexander Felsenberg sind dagegen nicht bekannt. Vielleicht ist der Cheforganisator der OMD ob der Tatsache verschnupft, dass auf der Messe bereits eine Liste der Unternehmen kursiert, die im nächsten Jahr auf der DMEX ausstellen werden. Und das obwohl OMD und DMEX eigentlich Waffenruhe bis Messeende vereinbart hatten.

Mittwochabend: Auf der OMD-Party gibt es für die Performance-Marketer nur ein Thema: Den überraschenden Rückzug von Miva aus Kontinentaleuropa. In der Folge wurden die bereits gelieferten Messestände erst gar nicht aufgebaut, und das Miva-Team musste unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren. Bis auf Deutschlandchef Wolfhard Fröhlich, dem die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben stand. Außer ihm waren relativ wenige Topmanager in die Rheinterrassen gekommen. Offensichtlich ist die New Economy alt geworden und pflegt am Messeabend statt ihrer Kontakte lieber die geschundenen Füße. Oder das Netset feierte auf der parallel in einem Außenzelt stattfindenden Axel-Springer-Party.

Leider konnte ich diese These nicht überprüfen, da mir ein Türsteher den Weg versperrte. „Gehören Sie zu Axel Springer?“, fragte der ausgewachsene Kleiderschrank freundlich, aber bestimmt. Auf so eine Idee kann auch nur der ehrwürdige Springer-Verlag kommen: Innerhalb einer großen Branchenparty eine eigene exklusive Feier mit Einlasskontrolle zu machen. Wenn doch wenigstens RTL-Comedian Kaya Yanar Türsteher gewesen und im perfekten Döner-Deutsch „Du kommst hier nicht rein“ gesagt hätte. Das wäre immerhin noch lustig und einer Medienparty angemessen gewesen.

Donnerstag: Ich suche auf dem Messestand von Horizont meine Unterlagen zusammen und finde dabei einen Schal. Das angesteckte Namensschild verrät seinen Besitzer: Alexander Felsenberg. Der Messe-Manager hat offenbar eine Spontanheilung erlebt. Vermutlich, weil am Nachmittag die Aussteller im Sales-Office der OMD Schlange standen, um sich Plätze fürs nächste Jahr zu sichern.

Freitag: Der Seminarveranstalter The Conference Group hat ein Konzept für einen Dialogmarketing-Kongress erarbeitet und fragt mich um meinen Rat. Er lautet: Wer über Dialogmarketing schreibt, sollte die Autokorrekturfunktion bei Word ausschalten. Das Microsoft-Programm macht nämlich ungefragt aus dem Namen „Weng“ das Adverb „wenig“, was den Präsidenten des Deutschen Dialogmarketing Verbands (DDV) Dieter Weng wenig freuen dürfte. Ein Wunder, dass sich der Name „Dieter Wenig“ noch in keine offizielle DDV- Broschüre eingeschlichen hat. Der Verband sollte seinen Mitgliedern und Partnern ein Plug-in zur Verfügung stellen, das diesen Automechanismus unterbindet. BERT RÖSCH
Aus: HORIZONT 39 vom 25.09.2008, Seite 012

 

Mittwochvormittag: Ich melde mich beim Social Network MeinVZ an, dem StudiVZ-Ableger für Berufstätige. Doch mein Elan wird jäh gebremst, als ich in meiner Status-Zeile lese: „Du hast keine Freunde in Frankfurt“, heißt es dort erbarmungslos. Woher will MeinVZ das wissen? Und wer gibt der Community das Recht, den Begriff „Freund“ auf MeinVZ-Mitglieder zu begrenzen? Ähnlich erstaunlich ist der Button „Freundschaft beenden“. Wir erinnern uns: Als Naddel vor sieben Jahren ihre Beziehung mit Schlagerproduzent Ralph Siegel per SMS beendete, ging noch ein Sturm der Entrüstung durch die Medien. Dass dafür heute ein Doppelklick reicht, scheint dagegen niemanden zu stören.

Da lobe ich mir doch das Business-Netzwerk Xing, wo ohne Emotionen und Verwechslungsgefahr von „Kontakten“ die Rede ist. Und davon habe ich mittlerweile 999 Stück. Um den tausendsten Kontakt gebührend zu zelebrieren, nutze ich erstmals die Statusfunktion und schreibe: „Bert Rösch freut sich auf seinen tausendsten Kontakt.“ Außerdem verschicke ich Kontaktanfragen mit dem verführerischen Inhalt: „Wollen Sie mein tausendster Kontakt sein?“ Ohne Erfolg. Stattdessen erdreistet sich ein bestehender Kontakt, sich aus meiner Liste zu löschen. Wenn ich den erwische!

Mittwochmittag: Redaktionskonferenz. Normalerweise reine Routine. Doch diesmal zieht sich die Veranstaltung endlos hin – allen knurrenden, da auf 12 Uhr konditionierten Mägen zum Trotz. Grund ist eine Debatte um das Format „Tagebuch, dessen Inhalte nicht immer auf Gefallen stoßen. Wenige Stunden später erfahre ich, dass ich auserkoren wurde, das nächste „Tagebuch zu schreiben. „Na toll!“, denke ich mir. „Ausgerechnet jetzt, wo alle Augen auf dieses Format schauen.“ Doch am Ende überwiegt der Reiz, erstmals eine Leserreichweite von 100 Prozent zu erzielen, zumindest unter den Horizont-Redakteuren.

Donnerstag: Ich treffe mich mit den Pixelpark-Managern Horst Wagner und Dirk Kedrowitsch, um über die Anfänge der Online-Agenturszene Mitte der 90er Jahre zu reden. Der Grund: Ich schreibe für das Special „25 Jahre Horizont“ einen Fachbeitrag über die Geschichte der Interactive-Agenturen in Deutschland, und dafür sind Stimmen von Zeitzeugen unerlässlich. Meine Hoffnung wird nicht enttäuscht. Ich erfahre interessante Details über die Zeit, als sich Twentysomethings aufschwangen, die Wirtschaft zu revolutionieren, und dabei vielerorts gründlich auf die Nase fielen. Pixelpark ausgenommen. Die Berliner sind heute noch am Markt.

Nach dem Gespräch kann ich es kaum erwarten, nachhause zu fahren, um dort die Lektüre der New-Economy-Chronik „Wie wir waren“ fortzusetzen. In dem Buch berichtet Autor Constantin Gillies beispielsweise über Venture Capitals, die verzweifelt „Ihr verbrennt nicht genug Geld!“ schreien. Das waren noch Zeiten! Nur komisch, dass ich damals von all diesen Skurrilitäten nichts mitgenommen habe, obwohl ich doch zum sogenannten Net-Set gehörte. Vermutlich lag es daran, dass ich nicht für hippe Start-ups, sondern für konservative Unternehmen wie Axel Springer und Bertelsmann arbeitete, wo sich die Kostenexzesse auf Freipizzen bei Wochenendarbeit beschränkten.

Freitag: Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, dass Bob Woodward für 100 Dollar im Monat arbeitet, womit er Redakteuren in aller Welt einen Bärendienst leistet. Denn, wenn dieser Starreporter („Watergate“) nur einen Hunni bekommt, was soll dann ein normalsterblicher Journalist verdienen? Ich bete, dass möglichst wenige Verleger diese Meldung gelesen haben.

Montag: Der Xing-Zähler bleibt wieder bei 999 stehen. Die psychologische Hemmschwelle scheint doch zu groß zu sein. Vielleicht sollte ich ein Incentive anbieten … BERT RÖSCH

Aus: HORIZONT 33 vom 14.08.2008, Seite 012

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