In den ersten Monaten meiner Tätigkeit als Modewirtschaftsredakteur gab mir mein Ressortleiter den Auftrag, im Rahmen eines Termins in Berlin den dortigen Modehandel zu inspizieren. Insbesondere die vielen Shopping-Center. Nur so könnte ich ein Gefühl für die Branche bekommen. Gesagt, getan. Ich klappere an einem Nachmittaga drei Shopping-Center und zwei Haupteinkaufsstraßen ab. Als ich anschließend einer Freundin erzähle, dass mir nach all der Lauferei die Füße weh taten, schaute sie mich nur entgeistert an und sagte: „Du warst den ganzen Nachmittag shoppen und wirst dafür auch noch bezahlt?! Unglaublich!“

 

Jeder kennt das Phänomen: Sobald man einen Fahrstuhl betritt, verstummen sofort alle Gespräche, und es herrscht ein betretenes Schweigen. Beim Warten auf den Fahrstuhl ist dagegen Small Talk angesagt. Auch wenn es gerade nichts Gescheites zu erzählen gibt. So geschehen neulich im Deutschen Fachverlag, als ich einen ehemaligen Kollegen von „HORIZONT“ traf, der hauptsächlich über Internetthemen schreibt. Da mir gerade kein Small-Talk-fähiges Online-Thema einfiel, sprach ich den Redakteur auf sein lilafarbemes Hemd an. „Lila ist inzwischen wieder out! Beerenfarben sind jetzt angesagt!“

Der Kollege schaute mich erstaunt an. Auch ich kam ins Grübeln: „Moment mal! Habe ich das gerade gesagt?! Seid wann sind mir Modetrends wichtig? Ich trage doch selbst Hemden jahrelang auf, auch wenn die Farbe nicht mehr in ist! Bin ich etwa durch meine neue Umgebung unbewusst zum Fashion Victim mutiert? Und sollte ich meinen Ausspruch nicht schnell relativieren und betonen, dass ich das Ganze nur ironisch gemeint habe?“

Doch zu spät. Rasant hatte sich die Kunde vom neuen Mode-Bert in der „HORIZONT“-Redaktion verbreitet, so dass mir in der nächsten Kaffeepause ein „HORIZONT“-Redakteur lächelnd auf die Schulter klopfte und sagte: „Na? Ich habe gehört: Lila ist out!“ Leugnen war zwecklos. Ich hatte meinen Ruf weg. Was kommt als Nächstes? Wird man mich schon bald dabei erwischen, wie ich Löcher in meine neue Jeans schnippel, um diese mit ätzenden Säuren versehe, um einen Used Look zu kreieren?

 

Die Tatsache, dass die Zeitschrift, für die ich arbeite, nicht nur über nackte Geschäftszahlen sowie Fusionen und Übernahmen schreibt, sondern auch über Modetrends, übt eine enorme Anziehungskraft auf Modestudenten (Modedesign etc.) aus. Ich nenne sie liebevoll „Fashion Victims“. Sie bewerben sich scharenweise bei dem Blatt und weisen häufig mehr Modewissen auf als ich.

Das führt mitunter zu bizarren Situationen. Zum Beispiel, als ich eine Praktikantin beauftragte, eine Meldung über den Tod des britischen Musik- und Mode-Managers Malcom McLaren zu schreiben. Dieser war Zeit seines Leben mit der Designern Vivien Westwood verheiratet, was auf der Gegenseite sofort einen Schrei der Entzückung auslöste: „Ooooooooooooooh, die macht sooooo tolle Sachen!“ Da dies für die Meldung unerheblich war und mich – ehrlich gesagt – auch nicht sonderlich interessierte, antwortete ich nur unwirsch: „Schreib einfach die Meldung! Und produziere nicht wieder so viele Nebensätze und Passivformen!“

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