Montag: Die „Süddeutsche Zeitung“ bestätigt meinen Nachsendeantrag nach Bremen und macht dabei einen entscheidenden Fehler: „Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Urlaub fern der Heimat“, heißt es in dem Schreiben. Fern der Heimat? Bremen ist meine Heimat! Hätte die „SZ“ ein funktionierendes CRM-System, wüsste sie, dass ich aus der Hansestadt komme. Schließlich habe ich dort schon als Schüler die „Süddeutsche“ bezogen. Andererseits bin ich auch froh, dass die Zeitung offensichtlich nicht allzu viel persönliche Daten über mich gespeichert hat.

Dienstag: Zugegeben, die Auktionsplattform Ebay ist ob der mäßigen Geschäftsentwicklung der letzten Zeit nicht mehr die Erfolgsgeschichte, die sie einmal war. Doch wenn es darum geht, gebrauchte Spielsachen zu finden, ist die Website immer noch unschlagbar. Wo sonst kann man so schnell und für so wenig Geld Ernie- und Bert-Puppen ersteigern? Ich verschenke diese an Kinder von Freunden und Verwandten, damit die Sprösslinge meinen Namen schnell lernen. So geschehen bei meiner Nichte: Deren Vater staunte nicht schlecht, als sie morgens lauthals den Namen ihres 600 Kilometer entfernten Onkels rief. Des Rätsels Lösung: Die Stoffpuppe Bert war aus dem Bett gefallen und sollte schnellstmöglich zurückgebracht werden. Was lernt der Marketer daraus? Richtig: Man kann mit der Markenbildung nicht früh genug anfangen!

Mittwoch: Ein negatives Beispiel für die Einführung einer Marke liefert die erst vor einem halben Jahr gegründete Online-Marketing-Messe DMEX: Da hat sich die Branche gerade an den neuen Namen gewöhnt, schon hängt die Messe Köln das mysteriöse Kürzel „co“ hintendran. Was soll das heißen? Hat Pepsico die DMEX gekauft? Nein! Die Veranstalter wollen damit unterstreichen, dass das Event auch einen Kongressteil hat. Der wahre Grund ist aber vermutlich die Namensähnlichkeit mit dem Männersender DMAX. Aber wusste man das nicht schon vorher? Und was kommt als Nächstes? Ein weiteres „co“, um den neuen Standort Köln (Cologne) zu betonen?

Donnerstag: Eigentlich – so dachte ich zumindest – sollte das vor Monaten bei Ebay ersteigerte Produktbündel von neun Ernies und sechs Berts lange Zeit reichen. Doch da hatte ich die Rechnung ohne meine Kolleginnen gemacht, bei denen meine Erzählungen von den Ebay-Auktionen neue Begehrlichkeiten weckten. O-Ton: „Ich will auch einen Ernie!“ In der Folge fragte eine Kollegin wenige Tage später erstaunt: „Warum stehen hier eigentlich überall Ernies?“ Wie gut, dass der Paketbote heute eine neue Ladung gebracht hat.

Freitag: Das Problem bei gebrauchten Stoffpuppen: Man weiß nicht, wer sie schon vorher alles in der Hand gehabt hat. Also, ab in die Waschmaschine damit! So bietet sich mir abends zur Primetime ein seltenes Schauspiel, das im wahrsten Sinne des Wortes jeder Reality- und Promi-Show das Wasser reichen kann: Ich verfolge hautnah, wie acht Ernies und elf Berts bei 60 Grad gegen das tosende Spülwasser ankämpfen, wacker dem Schleudergang trotzen und am Ende mit einem Lächeln auf den Lippen aus der Maschine kommen. Das soll Stefan Raab erst einmal nachmachen!

Samstag: Ich schaue mir auf Premiere das Bundesligaspiel Bremen gegen Frankfurt an. Dabei stelle ich schnell fest, dass den Programm-Machern der Kauf der Übertragungsrechte offensichtlich wichtiger ist als die aktuelle Partie. Schließlich wiederholt der Moderator gebetsmühlenartig, dass sich der Bezahlsender die Übertragungsrechte bis 2013 gesichert hat. Zudem verkündet der Kanal stolz oben links im Bild: „Live – Bundesliga bis 2013“.

Sonntag: Meine Ernie-und-Bert-Armee ist inzwischen trocken hinter den Ohren und wartet nun auf den Transport in ihre neue – meine alte – Heimat. BERT RÖSCH

 

Mittwochvormittag: Ich melde mich beim Social Network MeinVZ an, dem StudiVZ-Ableger für Berufstätige. Doch mein Elan wird jäh gebremst, als ich in meiner Status-Zeile lese: „Du hast keine Freunde in Frankfurt“, heißt es dort erbarmungslos. Woher will MeinVZ das wissen? Und wer gibt der Community das Recht, den Begriff „Freund“ auf MeinVZ-Mitglieder zu begrenzen? Ähnlich erstaunlich ist der Button „Freundschaft beenden“. Wir erinnern uns: Als Naddel vor sieben Jahren ihre Beziehung mit Schlagerproduzent Ralph Siegel per SMS beendete, ging noch ein Sturm der Entrüstung durch die Medien. Dass dafür heute ein Doppelklick reicht, scheint dagegen niemanden zu stören.

Da lobe ich mir doch das Business-Netzwerk Xing, wo ohne Emotionen und Verwechslungsgefahr von „Kontakten“ die Rede ist. Und davon habe ich mittlerweile 999 Stück. Um den tausendsten Kontakt gebührend zu zelebrieren, nutze ich erstmals die Statusfunktion und schreibe: „Bert Rösch freut sich auf seinen tausendsten Kontakt.“ Außerdem verschicke ich Kontaktanfragen mit dem verführerischen Inhalt: „Wollen Sie mein tausendster Kontakt sein?“ Ohne Erfolg. Stattdessen erdreistet sich ein bestehender Kontakt, sich aus meiner Liste zu löschen. Wenn ich den erwische!

Mittwochmittag: Redaktionskonferenz. Normalerweise reine Routine. Doch diesmal zieht sich die Veranstaltung endlos hin – allen knurrenden, da auf 12 Uhr konditionierten Mägen zum Trotz. Grund ist eine Debatte um das Format „Tagebuch, dessen Inhalte nicht immer auf Gefallen stoßen. Wenige Stunden später erfahre ich, dass ich auserkoren wurde, das nächste „Tagebuch zu schreiben. „Na toll!“, denke ich mir. „Ausgerechnet jetzt, wo alle Augen auf dieses Format schauen.“ Doch am Ende überwiegt der Reiz, erstmals eine Leserreichweite von 100 Prozent zu erzielen, zumindest unter den Horizont-Redakteuren.

Donnerstag: Ich treffe mich mit den Pixelpark-Managern Horst Wagner und Dirk Kedrowitsch, um über die Anfänge der Online-Agenturszene Mitte der 90er Jahre zu reden. Der Grund: Ich schreibe für das Special „25 Jahre Horizont“ einen Fachbeitrag über die Geschichte der Interactive-Agenturen in Deutschland, und dafür sind Stimmen von Zeitzeugen unerlässlich. Meine Hoffnung wird nicht enttäuscht. Ich erfahre interessante Details über die Zeit, als sich Twentysomethings aufschwangen, die Wirtschaft zu revolutionieren, und dabei vielerorts gründlich auf die Nase fielen. Pixelpark ausgenommen. Die Berliner sind heute noch am Markt.

Nach dem Gespräch kann ich es kaum erwarten, nachhause zu fahren, um dort die Lektüre der New-Economy-Chronik „Wie wir waren“ fortzusetzen. In dem Buch berichtet Autor Constantin Gillies beispielsweise über Venture Capitals, die verzweifelt „Ihr verbrennt nicht genug Geld!“ schreien. Das waren noch Zeiten! Nur komisch, dass ich damals von all diesen Skurrilitäten nichts mitgenommen habe, obwohl ich doch zum sogenannten Net-Set gehörte. Vermutlich lag es daran, dass ich nicht für hippe Start-ups, sondern für konservative Unternehmen wie Axel Springer und Bertelsmann arbeitete, wo sich die Kostenexzesse auf Freipizzen bei Wochenendarbeit beschränkten.

Freitag: Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, dass Bob Woodward für 100 Dollar im Monat arbeitet, womit er Redakteuren in aller Welt einen Bärendienst leistet. Denn, wenn dieser Starreporter („Watergate“) nur einen Hunni bekommt, was soll dann ein normalsterblicher Journalist verdienen? Ich bete, dass möglichst wenige Verleger diese Meldung gelesen haben.

Montag: Der Xing-Zähler bleibt wieder bei 999 stehen. Die psychologische Hemmschwelle scheint doch zu groß zu sein. Vielleicht sollte ich ein Incentive anbieten … BERT RÖSCH

Aus: HORIZONT 33 vom 14.08.2008, Seite 012

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