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„Bist du denn auch schon 18?“ Verschreckt zucke ich zusammen. Verdammt, ich hatte doch so unauffällig wie nur irgendwie möglich versucht, unbemerkt am Spielothek- Tresen zu schleichen. Doch nach einer kurzen Weile der Blutdrucknormalisierung bin ich in der Lage, der Sittenwächterin selbstbewußt und couragiert zu antworten: „Äh, ja…ich habe..äh, das ist so….Natürlich bin ich 18!“

Irgend etwas muß ich falsch gemacht haben, denn ich vernehme prompt die barsche Aufforderung „Deinen Ausweis, bitte!“ Natürlich bin ich noch keine 18 und ehe ich mich versehe, kann ich die neuzeitliche Spielhölle nur noch von außen bewundern. Ich schwöre mir, mich eines Tages zu rächen.

„Du bist ja wirklich schon 18!“

Endlich ist der große Augenblick da: Nachdem ich die inquisatorische Frage vernommen habe, schnippe ich lässig und mit einem eiskalten Gesichtsausdruck, wie es Sylvester Stallone mit seiner Gesichtslähmung nicht besser hätte machen können, meinen maschinenlesbaren Personalausweis knapp an der Kaffeetasse vorbei auf die Theke. Der Karte kann man – vorausgesetzt man ist im stolzen Besitz eines des öfteren den Gefrierpunkt überschreitenden IQs – entnehmen, daß ich tags zuvor das 18. Lebensjahr vollendet habe, also sozusagen oder auch volljährig bin. „Stimmt“, kommt es trocken von der anderen Seite der Theke, „du bist wirklich schon 18. Aber noch nicht lange!“

Na und? Mit einer volljährig anmutenden Gelassenheit nehme ich souverän meine Karte zurück, wobei ich meine überschäumende Freude nur mit Mühe verbergen kann. Endlich bin ich ins heilige Spielerparadies vorgedrungen!
Doch schlagartig werde ich auf den Spielo-Boden der Tatsachen zurückgeholt, denn neben mir verlangt plötzlich eine Schülerin, die gerade mal über die Theke gucken kann und von der ich genau weiß, daß sie erst seit kurzem 16 ist und somit gerade mal in der Öffentlichkeit rauchen darf, mit einer erschreckenden Selbstverständlichkeit „Eine Tasse Kaffee, bitte“ ruft.

Fassungslos starre ich auf meine Identitätskarte, die auf einmal für mich nicht mehr wert ist, als einer der Erdnußflips, die sich der junge Hüpfer aus dem Korb an der Theke nimmt und gen Spielautomat hoppelt. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie komme ich mir ziemlich verarscht vor!

Der Spielo-Schock war kein Einzelfall

Wie war das doch gleich? Mit 18 wird alles anders? Mit 18 fängt das Leben erst richtig an? Mit 18 ist man erst ein richtiger Mensch? Ich komme so langsam aber sicher ins Grübeln, denn der Spielo-Schock stellt leider keinen Einzelfall dar:

Mit 18 – so heißt es im Schulgesetzbuch, darf man in der Schule seine Entschuldigungen selbst schreiben. Doch wenn man bedenkt, daß sich heutzutage schon Neunklässlerinnen ihre Entschuldigungen selbst ausstellen und die eigenen Entschuldigungen sowieso keiner glaubt, auch wenn man mal nicht Übelkeit oder Schnupfen als Grund fürs Fehlen angibt, wird die voreilige Euphorie doch arg gebremst.

Mit 18 – so heißt es im Jugendschutzgesetz, darf man sich nach 24 Uhr in Diskotheken aufhalten, wo man sich aber in Wirklichkeit sowieso vor Mitternacht gar nicht hinwagt, da man Angst hat, auf die Köpfe der in Schulausflugstärke versammelten Unterstufler zu treten, die auch nach der vorgeschriebenen Zeit nicht im geringsten daran denken, zu Mami und Papi nach Hause zu fahren.

Mit 18 darf man seinen Führerschein machen – oder es wenigstens versuchen. Juhu, endlich Autofahren! Nie wieder im Regen nachts mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren! Denkste! Nachdem die Ersparnisse, die bis zur Grundschulzeit zurückreichen, aufgebraucht sind, und die einst so kleine und unscheinbare Fahrschule dank der freundlichen Unterstützung des Fahrschülers zu einem konkurrenzfähigen Großunternehmen aufgestiegen ist, und man schließlich freudestrahlend mit dem rosa Lappen nach Hause komme, winkt der leibliche Vater nur verächtlich ab: Natürlich sei man alt genug, nur das Auto halt leider noch nicht.

Mit 18 wird man in Kinovorstellungen ab 18 gelassen, um dort inmitten von popcornessenden Teenagern die Filme zu sehen, die man bereits mit 10 auf Papas Videorecorder geguckt hat, als Mami und Papi auf Ibiza waren.

Außerdem ist es volljährigen Bürgern erlaubt, Sex-Shops zu besuchen, um dort die lederne Peitsche zu kaufen, die sich die 12jährige Schwester schon immer gewünscht hat. Und wer glaubt, mit 18 bereits alles erreicht zu haben, täuscht sich ebenfalls ganz gewaltig: Erst mit 25 darf man seinen Ödipus-Komplex überwinden und seine Mutter adoptieren und mit 40 wird man erst zur Kandidatur zum Bundespräsidenten zugelassen. Roman Herzog kann also auch weiterhin ruhig schlafen.

Was bleibt ist neben meinem Personalausweis lediglich die alte Weisheit, mal wieder ein Jahr älter geworden zu sein.

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