Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2. September
Zeit Online 2009
„Hamburger Morgenpost“ vom 24.04.2001
Medienkracher – Kurioses aus der Kommunikation
In diesem privaten Weblog schreibt der Ex-Medienjournalist Bert Rösch über Skurrilitäten aus Print, TV und Internet und erzählt Anekdoten aus seinem Leben als Online-Wirtschaftsredakteur.
Damals, als es in Deutschland nur drei Fernsehsender gab,bezeichnete man den Flimmerkasten noch ehrfürchtig als „das Lagerfeuer derNation“. Schließlich versammelten sich jeden Abend Millionen von Menschen –mangels Alternativen – vor ein und demselben Fernsehprogramm, über das sie sich am nächsten Tag in der Schule, in der Uni oder am Arbeitsplatz trefflich unterhalten konnten. Als hätten sie gemeinsam etwas unternommen.
Doch seit der Inflation der privaten Fernsehkanäle und spätestens seit dem Siegeszug des Internets wird die Lagerfeuerrunde immer kleiner. Nur noch selten gelingt es einer Fernsehsendung, ein ähnlich großes Publikum zu erreichen wie es in den goldenen Zeiten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gang und gäbe war. Die Samstagabend-Show „Wetten, dass..“ gehörte bis vor kurzem noch zu den wenigen Ausnahmen. Doch das dürfte mit dem Abgang von Thomas Gottschalk bald der Vergangenheit angehören. Sonstige Gassenhauerwie „Tatort“ werden dank neuer Techniken häufig zeitversetzt geguckt.Herkömmliche Video-Rekorder und deutlich einfacher zu bedienende Festplattenrekorder sowie zahlreiche Mediatheken im Internet machen es möglich.
„Gut“, dachte ich mir. „Dann kann ich ja nach dem Spieleinen Witz reißen, den ich schon seit langem einsetzen wollte: Ich rief den Fußballfreund zehn Minuten nach Spielschluss an und fragte in Anspielung auf die Langsamkeit seiner TV-Übertragung: „Und? Ist das Spiel bei Dir inzwischen auchvorbei?“ Statt des erwarteten Lachers hörte ich zu meinem Erstaunen das Wort Nein. Der Grund: Der Kollege hatte das Spiel wegen eines Telefonats angehalten und war somit noch zehn Minuten hinterher. Ach, wie schön waren doch die 80er!
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Die Inflation der Kanäle und Kaffees
Jeder kennt das Phänomen: Sobald man einen Fahrstuhl betritt, verstummen sofort alle Gespräche, und es herrscht ein betretenes Schweigen. Beim Warten auf den Fahrstuhl ist dagegen Small Talk angesagt. Auch wenn es gerade nichts Gescheites zu erzählen gibt. So geschehen neulich im Deutschen Fachverlag, als ich einen ehemaligen Kollegen von „HORIZONT“ traf, der hauptsächlich über Internetthemen schreibt. Da mir gerade kein Small-Talk-fähiges Online-Thema einfiel, sprach ich den Redakteur auf sein lilafarbemes Hemd an. „Lila ist inzwischen wieder out! Beerenfarben sind jetzt angesagt!“
Der Kollege schaute mich erstaunt an. Auch ich kam ins Grübeln: „Moment mal! Habe ich das gerade gesagt?! Seid wann sind mir Modetrends wichtig? Ich trage doch selbst Hemden jahrelang auf, auch wenn die Farbe nicht mehr in ist! Bin ich etwa durch meine neue Umgebung unbewusst zum Fashion Victim mutiert? Und sollte ich meinen Ausspruch nicht schnell relativieren und betonen, dass ich das Ganze nur ironisch gemeint habe?“
Doch zu spät. Rasant hatte sich die Kunde vom neuen Mode-Bert in der „HORIZONT“-Redaktion verbreitet, so dass mir in der nächsten Kaffeepause ein „HORIZONT“-Redakteur lächelnd auf die Schulter klopfte und sagte: „Na? Ich habe gehört: Lila ist out!“ Leugnen war zwecklos. Ich hatte meinen Ruf weg. Was kommt als Nächstes? Wird man mich schon bald dabei erwischen, wie ich Löcher in meine neue Jeans schnippel, um diese mit ätzenden Säuren versehe, um einen Used Look zu kreieren?
Januar 2010
Zugegeben: Nicht alles, was auf Medienkongressen erzählt wird, stellt sich im Nachhinein als richtig heraus. Doch in der Regel sind die Aussagen oder Prognosen so geschickt gewählt oder formuliert, dass sie eine Halbwertzeit von mehreren Monaten haben. Nicht so beim 2. Deutschen Medienkongress von HORIZONT am 19. und 20. Januar in Frankfurt. Dort überdauerte eine Kernaussage eines so genannten Impulsreferats nicht einmal die darauf folgende Pause.
Aber der Reihe nach: Der Chef eines Radiodienstleisters will anhand zweier plastischer Beispiele die Inflation der Medienkanäle illustrieren: „Wie viele verschiedene Kaffees gab es vor 40 Jahren?“, fragt er in die Runde. „Richtig: EINEN, und nur EINE Größe.“ Heute seien es dank amerikanischer Großketten über hundert. Das Gleiche passierte im Fernsehbereich, in dem aus einst zwei Sendern (ARD und ZDF) mehrere Hundert geworden sind.
Vergleichbares sei bei den Werbekanälen geschehen, die vor ein paar Jahrzenten nur aus Zeitungen und Zeitschriften sowie dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen bestanden hätten. Inzwischen gebe es Dutzende von Kanälen: vom Privatfernsehen über Handy bis hin zu verschiedenen Social-Media-Kanälen wie YouTube, Twitter und Facebook.
So weit, so gut. Die Fernseh-These kann ich als bekennender TV-Junkie nur bestätigen, ebenso die Aussagen über die Inflation der Werbekanäle – wozu bin ich schließlich seit fast neun Jahren Medien- und Marketingredakteur?
Doch wie sieht es beim Thema Kaffee aus? Ich mache in der nächsten Pause die Probe aufs Exempel und fange ganz bescheiden an: Ich bestelle weder einen „Strawberries & Cream Frappuccino® Blended Cream“, noch einen „Sumatra Lake Toba“, sondern ganz simpel einen Capuccino. „Hamwa nicht“, heißt es auf der anderen Seite der Theke. „Wir haben nur Kaffee!“, sagt die Bedienung. „Okay, haben Sie wenigstens einen großen Kaffee?“, frage ich, um dem Kellner und dem Referenten eine zweite Chance zu geben. „Nein! Nur DIESE Tassen!“, sagt er und zeigt dabei auf ganz gewöhnliche weiße Tassen.
September 2010
Auf meiner Abschiedsfeier bei HORIZONT bekomme ich die Gelegenheit, die beiden großen Vorteile meines Wechsels zu einer Modewirtschaftsfachzeitung hervorzuheben: Zunächst einmal kann ich davon ausgehen, dass meine Schwester künftig meine Artikel liest. Nicht nur, weil sie – wie fast alle Frauen – ein Fashion Victim ist, sondern auch, weil sie selbst viele Jahre im Textileinzelhandel gearbeitet hat. Entsprechen begeistert nahm sie die Nachricht von meinem neuen Job auf und bat mich, mir ab und zu Ausgaben der TW zukommen zu lassen.
Das waren ganz neue Töne. Denn wenn ich ihr in der Vergangenheit Ausgaben der von mir mitproduzierten Fachzeitungen text intern, ONEtoONE und HORIZONT mitbrachte, fragte sie mich jedes Mal entgeistert: „Muss ich das jetzt etwa lesen?!“
Ein weiterer Vorteil meines Wechsels ist schon fast ein Kontinuum: In der Vergangenheit hatte ich nolens volens (New-Economy-Crash, Medienkrise I und II) regelmäßig nach spätestens zwei Jahren meinen Job gewechselt. Bis auf eine Ausnahme: Bei ONEtoONE fand nach zwei Jahren ein kompletter Austausch meiner Redaktionskollegen statt. Der große Vorteil: Ich konnte jeweils mein Portfolio an Witzen und Sprüchen, das spätestens nach zwei Jahren zur Neige geht, wieder neu ausrollen.
So auch jetzt bei der TW. Ein HORIZONT-Kollege bezweifelt das allerdings: „Das Potenzial ist längst noch nicht ausgeschöpft!“ Ein ehemalige ONEtoONE-Kollegin sieht das Ähnlich. Denn ihren Schätzungen zufolge sind 40 Prozent meines Gehirns für Witze reserviert. Das ist natürlich absoluter Quatsch. Es sind mindestens 60 Prozent!
Die zweite Reaktion auf meine Rede: Eine Schuh-Shopping-süchtige Kollegin gab mir einen nicht ganz uneigennützigen Tipp auf den Weg: „Wenn man Dich fragt, welche Schuhgröße Deine Schwester hat: Sie hat 37!“ und deutete dabei auf ihre High-Heels. Als ob ein Modemarketing-Redakteur Produktproben bekommen würde! Demselben Irrtum erlag auch eine Hamburger Freundin: Als sie erfuhr, dass ich zur Berlin Fashion Week fahre, schrieb sie in meinem Facebook-Gästebuch: „Bring mir ein hübsches Louis-Vuitton-Kleid mit!“
August 2010
Etwa fünf Wochen, bevor ich meine Stelle bei einer Zeitschrift für Modewirtschaft antrete, treffe ich drei Redakteurinnen meines künftigen Arbeitgebers. Sie laden mich zum Essen ein und geben mir wertvolle Tipps für den Neuanfang. Freudig erzähle ich anschließend einer Noch-Kollegin bei HORIZONT von dieser erfreulichen Begegnung.
Doch anstatt zu fragen, wie die künftigen Kolleginen denn so seien und wie das Treffen verlaufen sei, fragt sie nur völlig ungläubig: „Was?! Die haben was gegesssen?!!“ So viel zum Thema Klischees innerhalb des Verlags! Was mögen wohl umgekehrt die TW-Redakteure über uns HORIZONT-Redakteure denken? Dass wir zum Einschlafen Radio-Werbe-Jingles hören? Oder vorher unseren Kindern oder Nichten/Neffen doppelseitige Autoanzeigen als Gute-Nacht-Geschichte vorlesen? Ich bin gespannt!