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Nicolas Berggruen

Designierter Europaretter: Nicolas Berggruen

Bei seinem zurzeit bekanntesten Investment, dem maroden Warenhauskonzern Karstadt, glänzte Nicolas Berggruen bislang nur mit Taten- und Einfallslosigkeit. Doch wenn es um die Rettung der Krisenländer in Südeuropa geht, sprudelt der Kunstsammler geradezu vor Ideen, zusammengefasst in dem Buch „Klug regieren“, das der Investor im Juni zum allgemeinen Erstaunen veröffentlichte. Die Botschafter war klar: Wer Südeuropa und somit die gesamte EU rettet, hat nun wirklich keine Zeit für das überholte Warenhauskonzept und Rentnerparadies Karstadt. Fürwahr: Sollte es dem Deutsch-Amerikaner wirklich gelingen, die Pleite-Griechen, Spanier und Italiener wieder kreditwürdig zu machen, dann werden ihm Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter die aller Voraussicht nach gescheiterte Karstadt-Rettung sicherlich großzügig verzeihen.

Viel wahrscheinlicher ist aber leider, dass Berggruen sein Karstadt-Konzept als Blaupause für Südeuropa nutzt. Das heißt: Er kauft die bankrotten Staaten für je einen Euro auf, lässt sich monatelang als Retter feiern, um dann völlig überraschend überall Flagship-Stores von britischen Modemarken zu eröffnen, die im Süden des Kontinents kein Mensch kennt. Woran die Flagschiffhäuser wenig ändern, da sie weder angekündigt noch beworben werden.

Dann passiert zwei Jahre lang gar nichts. Bis auf das immer wieder, fast gebetsmühlenhaft vorgebrachte Versprechen, irgendwann mal hohe Milliardenbeträge in die am Boden liegende Wirtschaft der Krisenländer zu investieren. Dann verkauft er die Kronjuwelen, unter anderem die wenigen profitablen Sportvereine und die Weltstädte Paris, Madrid, Rom und Athen sowie Norditalien, das nach seinem neuen Eigner benannt wird: Berlusconien. Ein kleiner Teil des Verkaufserlöses fließt u.a. in die Sanierung der griechischen Innenstädte. Der Großteil des Geldes kommt aber über Umwege den verkauften Sportvereine zugute, an denen Berggruen weiterhin beteiligt bleibt. Gute Fußballspieler von Weltformat sind halt teuer.

 

 
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Jeans-Bleichungen

Die gesundheitsgefährdende Sandstrahltechnik sorgt für den gewünschten Used-Look

Es gibt Modetrends, die partout nicht totzukriegen sind, unter anderem Miniröcke und Animal Prints, insbesondere Leoparden- und Tiger-Looks. Zu Recht. Schließlich haben beide Styles nach wie vor ihren Charme, sowohl für den Besitzer als auch für den Betrachter. Ganz anders sieht es bei einem Trend aus, der in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erstmals auftauchte und Ende der Nuller Jahre sein Comeback feierte, das rätselhafterweise immer noch anhält. Und das, obwohl die Argumentation für diesen Style äußerst löchrig ist. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Rede ist von Used Denim-Jeans, die sich dadurch auszeichnen, dass sie von Beginn an sehr abgenutzt wirken, zum Beispiel weil der Hersteller sie mit Löchern und Bleichungen versehen hat. Man muss sich das mal vor Augen halten: Da bezahlen Kunden einen Aufschlag von bis zu 100 Euro dafür, dass ihnen Billiglöhner in Fernost ihre Jeans kaputt machen – und vielfach ihre eigene Gesundheit mit dazu. Zum Beispiel, wenn sie die in Europa verbotene Sandstrahltechnik anwenden. Der dadurch freiwerdende Feinstaub ruiniert langfristig die Lungen der Arbeiter. Ebenfalls nicht ganz ungefährlich sind die ätzenden Chemikalien, die dafür sorgen, dass die Hose so aussieht, als sei sie schon jahrelang getragen worden.

Das ganze unter der Prämisse, dass jede Jeans dadurch eine ganz individuelle ist. Als ob sich der Betrachter merken würde, an welchen Stellen die Hosen des Kollegen oder
Freundes Löcher und Bleichungen haben. Mal ganz ehrlich: Hätten es eingestickte Initialen oder selbst gewählte Aufdrucke nicht auch getan?

Völlig absurd wird die Sache, wenn man sich vorstellt, welche Situationen sich dadurch in den Haushalten der asiatischen Textilarbeiter ergeben: „Wie war dein Tag, Schatz?“ „Ach, okay. Ich habe heute 100 Jeans eines deutschen Jeans-Labels kaputt gemacht.“ „Und? Haben die dich gefeuert?“ „Nein! Ganz im Gegenteil: Ich habe eine Prämie bekommen, weil 100 die neue Tagesbestleistung war.“ „Ja, ne, ist klar, Rashid.“ Geh mal lieber nach draußen und flicke das Dach unserer Wellblechhütte! Oder hast du die Löcher auch selbst gemacht, weil das in Europa gerade cool ist?“

 
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Der etwas andere Jahresausblick von Bert Rösch in der TextilWirtschaft 52/2012

Bei der Recherche zum Virtual Dressing probierte die TextilWirtschaft-Redaktion im Januar einen Körper-Scanner. Aufgrund eines Blitzeinschlags in das Gerät wurde eine Schülerpraktikantin 30 Jahre in die Zukunft transportiert. Sie brauchte ein Jahr, um in die Gegenwart zurückzukehren. In der Zeit hat sie natürlich fleißig alles notiert, was im Jahre 2032 in der Modebranche passiert ist. Eine Auswahl:

18. Januar 2032
Karl-Heinz Müller eröffnet in den Abfertigungshallen des stillgelegten Hauptstadt-Flughafens Willy Brandschutz die erste von sechs Bread & Butter-Messen des Jahres. Die Eröffnungsrede hält Wirtschaftsminister RöslerBot, der erste Politik-Androide Deutschlands, benannt nach dem ehemaligen Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler, der Anfang der Zehnerjahre von der Opposition gerne als „Sprachroboter“ verspottet wurde.

 20. Januar
Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin löst turnusgemäß Dmitri Medwedew als Präsident ab. Bei der Inauguration trägt er einen Anzug des Labels Gazprom by Gucci.

5. Februar
In der texanischen Wüste öffnet das bislang größte Einkaufszentrum der Welt seine Pforten. Ankermieter aus dem Modebereich sind Ebay Fashion und Google Streetwear. Der Gebäudekomplex hat eine Verkaufsfläche von zwei Million Quadratmetern. Das entspricht 300 Fußballfeldern. Damit ist das Großprojekt – neben Fifa-Präsident Rainer Calmund – das einzige von Menschenhand geschaffene Werk, das vom Weltraum aus zu sehen ist. In der nächsten Baustufe soll ein internationaler Flughafen in die Mall integriert werden. Die Stromversorgung wird über einen eigenen Kernfusionsreaktor gewährleistet.

28. Februar
Der Modefilialist C & A stellt am Düsseldorfer Nordseestrand seine aktuelle Bademode-Kollektion vor.

29. März
Harald Glööckler präsentiert auf Deutschlands größtem Teleshopping-Kanal, dem ZDF, seine Couture-Kollektion für die Saison Frühjahr/Herbst.

20. April
Der schwedische Filialist H & M eröffnet in Pjöngjang seinen ersten nordkoreanischen Store. Die Gesamtzahl aller Filialen erhöht sich dadurch auf 22.000.

2. Mai
Rocket Internet-Chef Oliver Samwer startet in der Antarktis den zweihundertsten Ableger seines Online-Modeshops Zalando. Name: Icelando. Gleichzeitig vermeldet die Zalando-Holding in Berlin einen Rekordumsatz von 120 Milliarden an den chinesischen Yuan gekoppelte Nord-Euro (Neuro). Über das Ergebnis werden keine Angaben gemacht. Experten schätzen den Verlust auf mindestens 50 Milliarden Neuro. Dem Vernehmen nach ist nur die Konzerntochter Otto Group profitabel. Samwer muss sich trotzdem keine Sorgen machen. Schließlich hat er mit dem internationalen Konzern GaszpromEssoShell einen weiteren Großinvestor gewonnen.

28. Mai
Amazon erwirbt für 10 Billionen US-Yuan alle Markenrechte der USA, die künftig unter dem Namen United States of Amazon firmieren. Die regierende Militär-Junta unter Generalin Jenna Bush kann somit die Staatsverschuldung auf 300 Prozent des Bruttosozialprodukts senken. Daraufhin gibt Weltbank-Präsident Huang das lang versprochene Hilfspaket in Höhe von 400 Milliarden US-Yuan frei.

15. Juni
Die spanische Modemarke Desigual eröffnet in der Kathedrale Sagrada Familia Antoni Gaudi in Barcelona seinen bislang größten Flagship-Store.

2. August
Der Sportartikelkonzern NikeAdidasPuma (NAP) wird offizieller Ausrüster der Olympischen Winterspiele 2036 in Katar. Unterdessen weist IOC-Präsident Sepp Blatter Korruptionsvorwürfe strikt zurück. Katar habe sich aufgrund der eindeutig besseren Bewerbung gegen die bayerische Hauptstadt München durchgesetzt, die trotz des engagierten Einsatzes von Florinda Bogner zum fünften Mal mit ihrer Bewerbung gescheitert ist.

4. Oktober
Bundeskanzler Prof. h.c. (Hewlett-Packard Canon) Karl-Theodor usw. zu Guttenberg wird zum bestangezogenen Regierungschef der Welt gekürt. An der Umfrage der Electronic Ink-Zeitung Textile Business International nahmen weltweit drei Millionen Leser teil. Zara-Chef Santiago Fernandez kritisiert die Entscheidung, weil der Bundesvorsitzende der Piraten-Partei nur kopierte Zara-Anzüge trage.

20. November
Der Shopping-Center-Betreiber CentrO Management weiht pünktlich zum Weihnachtsgeschäft den voraussichtlich letzten Erweiterungsbau von Deutschlands größtem Einkaufszentrum CentrO ein. Damit ist die Integration von Oberhausen in das Shopping-Center abgeschlossen.

11. Dezember
Der Textil-Discounter-Konzern PrimarkTakkoKik wird offizieller Ausrüster des Orchesters der Hamburger Elbphilharmonie. Wann die Abendgarderobe erstmals öffentlich zu sehen ist, steht noch nicht fest. Die Eröffnung der Elbphilharmonie wurde auf den 8. Oktober 2033 verschoben. Experten bezweifeln aber, dass der Termin eingehalten wird.

Den kompletten Artikel finden Sie in der TextilWirtschaft 52/2012 oder auf der iPad App der TW

 
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„Wo sind bloß die Euros hin? Wo sind sie geblieben?“, frage ich mich jedes Mal, wenn ich neue Hiobsbotschaften aus Griechenland höre oder lese. Die Zeitschrift „Wired“ hat eine Antwort parat: Die finanziell sonst so siechen Griechen stecken einen Großteil Ihres Einkommens in Schönheitsoperationen. Wie das Magazin für den aufgeklärten Nerd ermittelte, liegen die Hellenen in acht von 14 Schönheits-OP-Disziplinen vorn: Ohrenkorrektur, Facelift, Augenlid-Korrektur, Bruststraffung, Oberarmstraffung und Vaginalverjüngung. Das gleiche gilt für die unrühmlichste Verbesserung des äußeren Erscheinungsbilds: die Penisvergrößerung. Wir Deutschen sollten uns aber nicht zu früh freuen: Schließlich rangieren wir in dieser Kategorie auf dem fünften Platz. Platz zwei erfüllt dagegen alle Klischees: Dort liegen – oder besser gesagt – stehen die Italiener.

Auch Platz zwei im Gesamt-Ranking überrascht nicht wirklich: Dort finden sich die Brasilianer und Brasilianerinnen wieder, die für ihren Körperkult berühmt sind. Sie geben – in Relation zur Gesamtbevölkerung – am meisten für Kinnvergrößerung, Fettabsaugen und Gesäßvergrößerung (!) aus. Dazu kommen fünf zweite Plätze im Facelifting, der Brustvergrößerung, der Oberarmstraffung, der Vaginalverjüngung und der Oberschenkelstraffung.

Auf zwei Spitzenplätze kommen die Südkoreaner, und zwar bei  Laser-Haar-Entferngungen und bei den Nasenkorrekturen, wo die meisten eigentlich die Griechen erwartet hätten. Sie tauchen hier erstaunlicherweise nicht in den Top Five auf. Offenbar haben sie sich mit ihren häufig überdimensionierten Gesichtserkern angefreundet.

Und was kostet der Spaß? Auch hierüber gibt „Wired“ bereitwillig Auskunft: Am teuersten sind Faceliftings mit 5526 Dollar. Es folgen Bauchstraffung mit 4150 sowie Brustvergrößerung (3450 Dollar), Nasenkorrektur (2609 Dollar) und Ohrenkorrekturen (2039 Dollar).

Quelle: Wired 02/12, Brey Graphic Arts

 
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Otto-Personalchefin Sandra Widmaier

Sandra Widmaier leitet schon seit sieben Jahren das Personalwesen der Otto Group. Doch so viel Aufmerksamkeit wie in der vergangenen Woche hat sie sicherlich noch nie erregt. Tagelang wurde sie in zahlreichen Zeitungen zitiert. Sie gehört zu den wenigen Personalern, die es auf die Titelseite der Bild-Zeitung geschafft haben.

Ihre Idee ist ebenso simpel wie genial: Die Verwaltungswissenschaftlerin holt bei personellen Engpässen pensionierte Versandhandelsmanager aus dem Ruhestand zurück und beschäftigt sie in der Neugründung Otto Group Senior Expert Consultancy. Die Heimkehrer sollen hauptsächlich als Berater eingesetzt werden, insbesondere in der IT.

Die Space Cowboys lassen grüßen

Widmaier ist damit ein PR-Coup erster Güte gelungen. Es ist also ihr Verdienst, dass die Otto Group in den kommenden Wochen und Monaten voraussichtlich weniger mit imageschädigenden Begriffen wie „Stellenabbau“ und „Universalversand in der Krise“ in Verbindung gebracht wird. Sondern vielmehr mit Kino- und TV-Klassikern wie „Space Cowboys“ und „Der große Bellheim“. In den Streifen werden Rentner reaktiviert, um in Zeiten der Not Heldenhaftes zu vollbringen. Die einen müssen die Erde vor einem abstürzenden Satellit, die anderen einen Warenhauskonzern vor dem Ruin retten.

Dass es Widmaiers alten Distanzhandels-Haudegen gelingt, den kriselnden Handelskonzern endgültig in das von Twentysomething-Managern geprägte E-Commerce-Zeitalter zu führen, ist zwar relativ unwahrscheinlich. Doch das macht auch nichts. Dafür ist die Story einfach zu gut. So gut, dass es nur wenigen Lesern noch gelingen dürfte, das Bild von den opferbereiten Otto-Oldies wieder aus dem Kopf zu bekommen. Auch dann, wenn die Otto Group im Herbst ihr Sanierungskonzept vorstellt, das aller Voraussicht nach Stellenkürzungen vorsieht.

 
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Im Taxi nachts durch Frankfurt. Foto: Axel Duerheimer/Pixelio.de

Frankfurt, 23 Uhr. Es hat sich leider mal wieder jemand vor die S-Bahn geworfen. Nichts geht mehr an der Station Hauptwache. Ich nehme kurzerhand ein Taxi und krame sofort mein iPhone heraus, um meine E-Mails zu checken. Sofort poppt ein Fenster mit den verfügbaren WLAN-Hotspots auf. Doch statt „Netgear“, „Alice“, „Telekom“ oder „Stefan online“ lese ich mit großem Erstaunen den WLAN-Namen „Polizei“! „Polizei?“, frage ich mich laut. „Wo ist denn hier eine Polizeistation?“ Ich sehe mich um und erkenne keine Polizeiwache. Der Taxifahrer hört mich und lacht laut. „Ne, ne, das ist nicht die Polizei. Das ist das WLAN meines Taxis. Damit sich keiner einhackt, habe ich es einfach Polizei genannt.“ „Nicht schlecht“, denke ich anerkennend. Denn wer ist schon so blöd, sich illegal bei der Polizei einzuloggen, nur um etwas schneller im Internet zu surfen!

Während ich die irritierende WLAN-Erkennung ausschalte, legt der Taxifahrer nach: „Neulich hatte ich eine Frau im Taxi, und die war genauso erstaunt über den WLAN-Namen wie Sie. Und hat sich noch mehr gewundert, als sie merkte, dass der Name während der gesamten Fahrt auf dem Handy zu lesen war.“ „Vermutlich hat sie gedacht, sie wird von der Polizei verfolgt“, füge ich an.

„Hoffentlich war sie keine ausländische Touristin. Denn dann wären all die Bemühungen, das deutsche Image nach dem Krieg wieder aufzupolieren, vergebens gewesen. Zumindest bei dieser Frau und ihren Freunden und Bekannten, denen sich nach ihrer Rückkehr vom vermeintlichen Polizeistaat Deutschland erzählt. In dem die Polizei offenbar überall ist. Auch im Taxi.

 

 
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Ein paar Klicks und eine digitale Unterschrift per Maus genügen, um eine Selbstauskunft zu beantragen.

Nachdem ich auf der Website Selbstauskunft.net alle von Werbungtreibenden gespeicherten Daten angefragt habe, bekomme ich fast wöchentlich Schreiben von sogenannten Listbrokern. Zu meiner Beruhigung erfahre ich, dass die Unternehmen in der Regel nur banale Daten wie Name, Postadresse, E-Mail-Adresse und Geburtsdatum gespeichert haben. Kein Wunder. Schließlich gebe ich diese Informationen freizügig an, wenn ich mich für kostenlose Services im Netz anmelde. Das ist halt der Deal: Dienstleistung gegen Adressen.

Bei den ersten Schreiben war ich jedes Mal erleichtert, dass die Datensammler nicht – wie befürchtet – über mein gesamtes Surf- und Kaufverhalten im Netz Bescheid wissen. Auch haben offenbar all die Firmen dicht gehalten, von denen ich Bonuskarten besitze. So wissen die Listbroker glücklicherweise nicht, was ich so alles in meinem Einkaufswagen im Supermarkt oder in der Drogerie packe.

Seltsamerweise teilen mir fast alle Listbroker mit, dass sie mich aus ihren Adresslisten genommen haben. Das war eigentlich gar nicht beabsichtigt. Ich wollte nur wissen, was die von mir wissen. Das heißt aber nicht, dass ich gar nichts mehr von ihnen wissen will. Sei’s drum. Dann muss ich wohl auf all die interessanten Kreditkarten- und Handyvertrag-Mailings nolens volens verzichten. Das gleiche gilt für die vielen angeblichen Gewinnbenachrichtigungen von Gewinnspielen, an denen ich nie teilgenommen habe – und hinter denen sich stets nur Neppangebote verbergen.

Gut geraten!

Das Informationsschreiben der Bertelsmann-Tochter Arvato überrascht mich dann aber doch. Denn neben den üblichen Basisinformationen gibt das Blatt auch über mein Alter Auskunft, dass anhand meines Vornamens geschätzt wurde. Arvato tippt, dass ich zwischen 1970 und 1974 geboren wurde. Nicht schlecht! 1970 wäre richtig gewesen. Andererseits: Dass nach 1974 kein Kind mehr Bert genannt wurde, war auch nicht besonders schwer zu erraten. Schließlich wurde 1973 die US-Kinderserie „Sesamstraße“ mit den Stoffpuppen Ernie und Bert in den Hauptrollen in Deutschland gestartet – mit fatalen Folgen für alle, die damals bereits Bert hießen.

Das ist der Beweis: Ich bin nicht tot!

Völlig perplex bin ich aber, als ich die Zeile „Verstorben“ lese. Zur Wahl stehen zwei Kennzeichnungen: 1 für „Person ist verstorben“ und 0 für „Sonstiges“. Glücklicherweise steht in meinem Schreiben eine nackte 0. Was ungefähr so viel bedeutet wie: „Wenn Sie diesen Brief lesen, sind Sie noch am Leben!“ Gut, dass wir nachgefragt haben!

 

 

 
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Ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie. Und nochmal: Ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie.

Was für jeden Normalbürger wie eine gewöhnliche Grammatikübung aussieht, ist für Amerikas Geheimdienste vor allen Dingen eines: verdächtig. Denn wie die „Süddeutsche Zeitung“ in dem äußerst aufschlussreichen Artikel „Schnüffel in den Tweets“ berichtet, durchforsten CIA, FBI & Co das Social Web nicht nur nach Schlüsselworten, die eine gewisse Gewaltbereitschaft vermuten lassen, zum Beispiel das berühmte B-Wort.

Sie untersuchen auch die Syntax der Sätze, und zwar nach der erstaunlichen Anzahl von 262 Merkmalen, darunter Anzahl und Anordnung der sogenannten Funktionswörter. Dazu zählen Pronomen, Präpositionen, Artikel und Hilfsverben. Diese erlauben nach Ansicht der Schlapphüte Rückschlüsse auf die Denkweise der Verfasser. Gewaltbereite Terroristen nutzten beispielsweise doppelt so häufig Personalpronomen wie harmlose Autoren. Vermutlich weil sie häufig Sätze formulieren wie „Wir müssen gegen sie kämpfen“!

Auch Liebespaare benutzen viele Personalpronomen

Das Problem ist nur, dass auch Liebespaare, die ob weiter Entfernungen hauptsächlich per E-Mail kommunizieren, viele Personalpronomen einsetzen, zum Beispiel „Ich vermisse Dich“, „Du fehlst mir“ oder das ganz klassische „Ich liebe Dich“. Um nicht ins Fadenkreutz der Online-Fahnder zu geraten, müssten sie sich genau genommen künftig Zeilen schicken, die ungefähr so lauten: „Es steht unbestritten fest, dass der Empfänger dieser Mail vom Verfasser geliebt wird.“

Für Beamte dürfte das kein Problem sein. Schließlich produzieren sie von Berufs wegen tagtäglich einen mit Substantiva und Passiva durchtränkten Kauderwelsch, der Sprachpäpste wie Rolf Schneider („Deutsch für Profis“) stets zur Raserei bringt. Und vermutlich stellen sie ihre Heiratsanträge DIN A 4 gelocht mit Durchschlagpapier. Schließlich benutzen die meisten Staatsdiener immer dreilagiges Klopapier, weil sie für jeden Scheiß zwei Durchschläge brauchen.

Doch jeder, der auch nur ein klitzekleines Gespür für Romantik hat, dürfte einen großen Bogen um behördenähnliche Sprachverrenkungen machen. Er oder sie muss somit auf die gute alte Schneckenpost zurückgreifen, die ausgedruckte oder handgeschriebene Briefe transportiert. Denn diese entziehen sich noch Datenkranken wie Google und Facebook, bei denen sich die Geheimdieste eifrigst bedienen. Betonung auf „noch“. Denn irgendwann hat Google im Rahmen des Projektes Google Books alle Bücher der Welt eingescannt. Ein Achtel der Menge, sprich 15 Millionen Bücher, hat der Suchmaschinenbetreiber schon geschafft. Dann dürfte das nächste Großprojekt nicht lange auf sich warten lassen: Google Letters. Die Begründung dürfte die gleiche sein wie bei Google Books: „Wir wollen das Wissen der Welt allen Nutzern verfügbar machen.“

 
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„Guckst Du eigentlich noch fern“, frage ich die neue Praktikantin, um die Medienberichte zu verifizieren, wonach sich die Digital Natives Bewegtbilder fast nur noch im Internet und so gut wie gar nicht mehr auf der guten alten Glotze ansehen. „Kaum“, antwortet die 21-Jährige. „Eigentlich nur Nachrichten und ‚Switch’.“ „Moment mal“, schießt es mir durch den Kopf. Wenn die junge Dame die Wahrheit sagt, dann kennt sie ja gar nicht Originalsendungen, die das „Switch“-Team regelmäßig aufs Korn nimmt. Somit assoziiert sie mit den Namen Günther Jauch, Sonya Kraus, Stefan Raab und Markus Lanz nur die überzeichneten Doppelgänger auf Pro Sieben.

Als alter Humanist kommt mir natürlich sofort das „Höhlengleichnis“ des griechischen Philosophen Platon in den Sinn. In der Geschichte sind mehrere Menschen von Kindheit an in einer Höhle eingeschlossen, wo sie nur Schattenbilder sehen können. In der Folge sind die Schatten für sie die wahre Welt. Obwohl ich ein Vielseher bin, ist es mir schon mehrfach passiert, dass ich erst die Parodie in „Switch“ und dann das Original gesehen habe. Und musste immer wieder erschrocken feststellen, dass die Fälschung verdammt nah am Original dran war.

Kopien sind teilweise besser als das Original

Okay, die Handlung ist in „Switch“ im Sinne einer Satire natürlich herrlich überzogen. Aber Gestik, Mimik und Sprache sind fast identisch. Nach Ansicht des Magazins „Der Spiegel“ sind die Kopien teilweise sogar besser als die echten Moderatoren. Zu Recht: Als vor einigen Monaten „Switch“-Comedian und Stefan-Raab-Imitator Max Giermann die Show „Stefan Raab“ anmoderierte (Foto), brauchten die Zuschauer mehrere Minuten um festzustellen, dass der echte Stefan Raab noch hinter der Bühne war. Und Stefan Raab selbst gibt zu, dass er sich manchmal dabei ertappt, wie er seinen Doppelgänger imitiert. Was ist da noch Realität, was Fiktion?

Aber vielleicht sollten wir nicht zu laut über dieses Problem nachdenken. Sonst kommen die anderen Fernsehsender womöglich auf die Idee, eigene TV-Parodie-Formate zu entwickeln. Mit dem perfiden Hintergedanken, Schauspieler auszubilden, die irgendwann besser sind als die Originale. So können diese schrittweise ersetzt werden und die Sender die Millionen-Gagen von Thomas Gottschalk & Co einsparen.

Den älteren Zuschauern mag diese Täuschung vielleicht auffallen. Aber spätestens nach dem nächsten Mittagsschlaf haben sie es wieder vergessen, zumindest das Stammpublikum von ARD und ZDF. Und die jungen Leute merken es erst gar nicht. Schließlich gucken sie nur Nachrichten sowie Switch & Co.

 

 

 

 

 
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Infos per Fingerzeig: Auch die Weinheimer Online Software AG hat ein Tool zur Gestensteuerung im Handel entwickelt. Dieses kam aber bislang nicht über die Testphase hinaus.

Wir erinnern uns: Als wir noch nicht fähig oder willens waren, unsere Wünsche in Worten auszudrücken, bedienten wir uns der beliebten Fingerzeigmethode. Wir deuteten mit dem rechten Zeigefinger auf das Objekt der Begierde und stießen dabei Laute aus wie „Da da“ oder aber ein lang gezogenes „Ääääääääääääääääääääääh!“ Fortgeschrittene unter uns unterstrichen ihre Forderung mit einem lauten „Will haben!“, das den Eltern in der Regel wenig Entscheidungsspielraum bot. Jedenfalls dann, wenn sie ihre Zöglinge nicht vor den Blicken der andern Supermarktkunden öffentlich züchtigen wollten.

Erst im zarten Kindergartenalter waren wir in der Lage, in ähnlichen Situationen vollständige Bestellformeln auszusprechen, zum Beispiel „Ich hätte gerne 100 Gramm Mortadella“. Einen Kneifer oder Fußtritt der Erziehungsberechtigten später fügten wir noch rasch ein „Bitte, liebe Frau Fleischfachverkäuferin“ hinzu.

Neue Technik macht Höflichkeitsformeln obsolet

Das alles gehört der Vergangenheit an. Nicht nur, weil die sorglosen Kindheitstage ohne Existenzängste, trübe Rentenaussichten und „Deutschland sucht den Superstar“ unwiederbringlich vorbei sind. Sondern auch, weil wir erkennen müssen, dass die mühsam erlernten Höflichkeitsformeln am Supermarkt-Tresen inzwischen obsolet sind. Jedenfalls dann, wenn man bei der Kaufhauskette Globus einkauft. Der Schweizer Konzern hat nämlich ein Verfahren entwickelt, das den Kunden die Wünsche im wahrsten Sinne des Wortes von den Fingern abliest. Es ähnelt der Techik, die bereits bei Spielekonsolen wie „Wii“ und „X-Box“ im Einsatz ist. Dort können die TV-Sportler beispielsweise virtuelle Fußbälle per Körperbewegung ins Tor schießen.

Das Globus-System hingegen erkennt mittels 3-D-Kamera, worauf der Kunde deutet und liefert ihm anschließend Informationen zum Produkt aus. Zu sehen auf einem Bildschirm oder dem Display der Ladenwaage, sodass die Verkäuferin sofort weiß, was der Kunde will. Ein „Darf es sonst noch etwas sein?“ und ein Köpfschütteln später befindet sich die gewünschte Ware im Einkaufswagen. Wirklich kinderleicht. Das hätte ich auch im Alter von zwei Jahren hinbekommen.
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