Print Friendly

Montag: Die „Süddeutsche Zeitung“ bestätigt meinen Nachsendeantrag nach Bremen und macht dabei einen entscheidenden Fehler: „Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Urlaub fern der Heimat“, heißt es in dem Schreiben. Fern der Heimat? Bremen ist meine Heimat! Hätte die „SZ“ ein funktionierendes CRM-System, wüsste sie, dass ich aus der Hansestadt komme. Schließlich habe ich dort schon als Schüler die „Süddeutsche“ bezogen. Andererseits bin ich auch froh, dass die Zeitung offensichtlich nicht allzu viel persönliche Daten über mich gespeichert hat.

Dienstag: Zugegeben, die Auktionsplattform Ebay ist ob der mäßigen Geschäftsentwicklung der letzten Zeit nicht mehr die Erfolgsgeschichte, die sie einmal war. Doch wenn es darum geht, gebrauchte Spielsachen zu finden, ist die Website immer noch unschlagbar. Wo sonst kann man so schnell und für so wenig Geld Ernie- und Bert-Puppen ersteigern? Ich verschenke diese an Kinder von Freunden und Verwandten, damit die Sprösslinge meinen Namen schnell lernen. So geschehen bei meiner Nichte: Deren Vater staunte nicht schlecht, als sie morgens lauthals den Namen ihres 600 Kilometer entfernten Onkels rief. Des Rätsels Lösung: Die Stoffpuppe Bert war aus dem Bett gefallen und sollte schnellstmöglich zurückgebracht werden. Was lernt der Marketer daraus? Richtig: Man kann mit der Markenbildung nicht früh genug anfangen!

Mittwoch: Ein negatives Beispiel für die Einführung einer Marke liefert die erst vor einem halben Jahr gegründete Online-Marketing-Messe DMEX: Da hat sich die Branche gerade an den neuen Namen gewöhnt, schon hängt die Messe Köln das mysteriöse Kürzel „co“ hintendran. Was soll das heißen? Hat Pepsico die DMEX gekauft? Nein! Die Veranstalter wollen damit unterstreichen, dass das Event auch einen Kongressteil hat. Der wahre Grund ist aber vermutlich die Namensähnlichkeit mit dem Männersender DMAX. Aber wusste man das nicht schon vorher? Und was kommt als Nächstes? Ein weiteres „co“, um den neuen Standort Köln (Cologne) zu betonen?

Donnerstag: Eigentlich – so dachte ich zumindest – sollte das vor Monaten bei Ebay ersteigerte Produktbündel von neun Ernies und sechs Berts lange Zeit reichen. Doch da hatte ich die Rechnung ohne meine Kolleginnen gemacht, bei denen meine Erzählungen von den Ebay-Auktionen neue Begehrlichkeiten weckten. O-Ton: „Ich will auch einen Ernie!“ In der Folge fragte eine Kollegin wenige Tage später erstaunt: „Warum stehen hier eigentlich überall Ernies?“ Wie gut, dass der Paketbote heute eine neue Ladung gebracht hat.

Freitag: Das Problem bei gebrauchten Stoffpuppen: Man weiß nicht, wer sie schon vorher alles in der Hand gehabt hat. Also, ab in die Waschmaschine damit! So bietet sich mir abends zur Primetime ein seltenes Schauspiel, das im wahrsten Sinne des Wortes jeder Reality- und Promi-Show das Wasser reichen kann: Ich verfolge hautnah, wie acht Ernies und elf Berts bei 60 Grad gegen das tosende Spülwasser ankämpfen, wacker dem Schleudergang trotzen und am Ende mit einem Lächeln auf den Lippen aus der Maschine kommen. Das soll Stefan Raab erst einmal nachmachen!

Samstag: Ich schaue mir auf Premiere das Bundesligaspiel Bremen gegen Frankfurt an. Dabei stelle ich schnell fest, dass den Programm-Machern der Kauf der Übertragungsrechte offensichtlich wichtiger ist als die aktuelle Partie. Schließlich wiederholt der Moderator gebetsmühlenartig, dass sich der Bezahlsender die Übertragungsrechte bis 2013 gesichert hat. Zudem verkündet der Kanal stolz oben links im Bild: „Live – Bundesliga bis 2013“.

Sonntag: Meine Ernie-und-Bert-Armee ist inzwischen trocken hinter den Ohren und wartet nun auf den Transport in ihre neue – meine alte – Heimat. BERT RÖSCH

 
Print Friendly
Octocopter von Amazon

Octocopter von Amazon

Die Nachricht schlug wie eine Bombe ein. Oder besser gesagt wie eine Drohnenbombe. Denn um genau um diese unbemannten Flugkörper ging es in einem Fernsehinterview, das Amazon-Chef Jeff Bezos dem US-Sender CBS Anfang Dezember gab. Der E-Commerce-Pionier will in vier bis fünf Jahren den Service Prime Air starten. Dieser bietet Amazon-Kunden die Möglichkeit, sich ihre Bestellungen von kleinen achtmotorigen Drohnen liefern zu lassen. Sie müssen dazu allerdings im Umkreis von 16 km eines Amazon-Logistikzentrums wohnen. Und die Sendung darf nicht schwerer als 2,5 Kilogramm sein.

Das klingt erst einmal toll. Das Problem ist nur, dass noch viele Fragen offen sind. Zum Beispiel, ob die unter chronischen Terrorangst leidende US-Flugsicherheitsbehörde diese Transportart genehmigt. Und wie verhindert man, dass unter den arabischstämnugen US- Bürgern eine Massenpanik ausbricht, wenn sich ein sogenannter Octocopter nähert. Schließlich haben ihre Verwandten und Bekannten in der Heimat bislang eher negative Erfahrungen mit Drohnen gemacht. TV-Serien wie „Homeland“ und „24“ nähren diese Befürchtungen kontinuierlich.

Und: Wie bitte klingelt eine Drohne an der Haustür des Kunden? Oder macht sie es wie viele ihrer Kollegen aus Fleisch und Blut – und steckt einfach nur eine Abholkarte in den Briefkasten? Außerdem: Wie reagiert eine Drohne, wenn der Besteller eines Modeartikels bei der Übergabe des Pakets aus alter Gewohnheit vor Glück schreit? Spielt die Drohne dann einen noch schrilleren Schrei-Sound ab? Oder stürzt sie vor Schreck ab? Woher weiß die Drohne, ob der Kunde zu Hause ist? Fragt er vor dem Start einen großen Bruder im All, der über eine Wärmekamera verfügt? Und was macht eine Drohne, wenn sie von einer nur mit einem Morgenmantel bekleidete grüne Witwe  – ebenfalls aus alter Gewohnheit – auf einen Kaffee hereingebeten wird? Folgt sie der Einladung oder schlägt sie der einsamen Frau ein technisches Gerät aus dem Amazon-Sortiment vor? Nach dem Motto: „Kundinnen, die …., haben … gekauft.“ Kurzum: Die Octocopter-Entwickler müssen noch viel Programmierarbeit leisten. Ein Vorteil lässt sich aber nicht wegdiskutieren: Drohnen können – anders als ihre menschlichen Kollegen in Bad Hersfeld und Leipzig – nicht streiken. Jedenfalls nicht bewusst, sondern lediglich bei technischen Mängeln.

Octocopter von Amazon

Schwebt über dem Verkehr: Die Paketdrohne von Amazon

Übrigens: Nach dem Bezos-Interview wurde bekannt, dass auch DHL und UPS am Thema Paketzustellung per Drohne arbeiten. Das heißt: Es zeichnet sich hierzulande ein Kampf um die Lufthoheit in der Paketzustellung ab. Es ist nur zu hoffen, dass das Verteidigungsministerium nicht am DHL-Projekt beteiligt ist. Sonst wird das nämlich nichts.

 
Print Friendly

„Guckst Du eigentlich noch fern“, frage ich die neue Praktikantin, um die Medienberichte zu verifizieren, wonach sich die Digital Natives Bewegtbilder fast nur noch im Internet und so gut wie gar nicht mehr auf der guten alten Glotze ansehen. „Kaum“, antwortet die 21-Jährige. „Eigentlich nur Nachrichten und ‚Switch’.“ „Moment mal“, schießt es mir durch den Kopf. Wenn die junge Dame die Wahrheit sagt, dann kennt sie ja gar nicht Originalsendungen, die das „Switch“-Team regelmäßig aufs Korn nimmt. Somit assoziiert sie mit den Namen Günther Jauch, Sonya Kraus, Stefan Raab und Markus Lanz nur die überzeichneten Doppelgänger auf Pro Sieben.

Als alter Humanist kommt mir natürlich sofort das „Höhlengleichnis“ des griechischen Philosophen Platon in den Sinn. In der Geschichte sind mehrere Menschen von Kindheit an in einer Höhle eingeschlossen, wo sie nur Schattenbilder sehen können. In der Folge sind die Schatten für sie die wahre Welt. Obwohl ich ein Vielseher bin, ist es mir schon mehrfach passiert, dass ich erst die Parodie in „Switch“ und dann das Original gesehen habe. Und musste immer wieder erschrocken feststellen, dass die Fälschung verdammt nah am Original dran war.

Kopien sind teilweise besser als das Original

Okay, die Handlung ist in „Switch“ im Sinne einer Satire natürlich herrlich überzogen. Aber Gestik, Mimik und Sprache sind fast identisch. Nach Ansicht des Magazins „Der Spiegel“ sind die Kopien teilweise sogar besser als die echten Moderatoren. Zu Recht: Als vor einigen Monaten „Switch“-Comedian und Stefan-Raab-Imitator Max Giermann die Show „Stefan Raab“ anmoderierte (Foto), brauchten die Zuschauer mehrere Minuten um festzustellen, dass der echte Stefan Raab noch hinter der Bühne war. Und Stefan Raab selbst gibt zu, dass er sich manchmal dabei ertappt, wie er seinen Doppelgänger imitiert. Was ist da noch Realität, was Fiktion?

Aber vielleicht sollten wir nicht zu laut über dieses Problem nachdenken. Sonst kommen die anderen Fernsehsender womöglich auf die Idee, eigene TV-Parodie-Formate zu entwickeln. Mit dem perfiden Hintergedanken, Schauspieler auszubilden, die irgendwann besser sind als die Originale. So können diese schrittweise ersetzt werden und die Sender die Millionen-Gagen von Thomas Gottschalk & Co einsparen.

Den älteren Zuschauern mag diese Täuschung vielleicht auffallen. Aber spätestens nach dem nächsten Mittagsschlaf haben sie es wieder vergessen, zumindest das Stammpublikum von ARD und ZDF. Und die jungen Leute merken es erst gar nicht. Schließlich gucken sie nur Nachrichten sowie Switch & Co.

 

 

 

 

 
Print Friendly

Messie-Wohnung auf Kabel 1

Messies, Messies, Messies – egal auf welchen Senderman schaltet, überall kommt früher oder später eine Reportage, Dokumentation oder Doku-Soap über chaotische Mitmenschen. Sie laufen unter Titeln wie “Aus dem Messie-Chaos – rein ins Leben” (Foto), “Morgen räum ich auf” und “Alles in Ordnung? Das neue Leben von Messie Martina”. Und das schon seit mindestens zehn Jahren. Fällt den Fernsehmachern denn gar nichts mehr ein?

Okay. Ab und zu gibt es Dokus über Gerichtsvollzieher. Allerdings besteht deren bevorzugte Klientel aus – richtig – Messies. Im Fachjargon spricht man von einem Crossover. So wie der US-Regisseur Paul W. S. Anderson 2004 aus den Science-Fiction-Erfolgen „Predator“ und „Alien“ das Crossover „Alien versus Predator“ schuf. Es ist zu befürchten, dass noch viele weiter Crossover nachdem „Messie versus Gerichtsvollzieher“-Prinzip entstehen. Denkbar wären etwa Casting-Shows mit den Namen „Deutschland sucht den Super-Messie“ oder „Germany’s next TopMessie“. Oder wie wäre es mit „Ein perfektes Messie-Dinner“ oder „How I met your messie mother“?

Apropos Messie-Mutter. Mein Lieblings-TV-Beitrag über Messies lief vor kurzem auf Sat.1. In der Doku-Soap „Messie-Alarm“ verfolgte ein Fernsehteam eine psychisch kranke Frau auf Schritt und Tritt – von der Familientherapie über die Zwangsräumung bis hin zur wundersamen Heilung in der Psychiatriemit anschließendem Happy End, bei dem die Töchter, die zwei Jahre zuvor aus der zugemüllten Wohnung geflüchtet waren, die genesene Mutter besuchen. Sat.1 sei dank!

„Ihre Haare sind fettiger als meine Friteuse!“

Das Beste war der Dialog zwischen der Messie-Mummy und einem Imbisswirt, bei dem sich die Dame um einen Job bewarb. MAZ ab! „Warum sollte ich Sie einstellen? Gucken Sie sich doch mal an! Ihre Haare sind fettiger als meine Friteuse!“ „Das kann den Gästen doch egal sein, wie ich aussehe.“ „Im Prinzip ja, aber wenn Sie hier arbeiten, habe ich bald keine Gäste mehr.“ Herrlich! Als wären die Sätze direkt der Feder des Imbiss-Philosophen Dittsche entsprungen.

Aber auch extrem unglaubwürdig. Denn normalerweise bekommt man in deutschen Imbissbuden nur Gespräche zu hören, die ungefähr so lauten: „Bist Du das Schaschlik?“ „Ne, ich bin die Pommes, er ist das Schaschlik.“ „Aber Pils seid Ihr beide, oder?“ Wer Kommunikationsfachtitel wie HORIZONT aufmerksam liest, weiß, dass es sich bei „Messie-Alarm“ um ein Scripted-Reality-Format handelt, bei dem die Darsteller nur so tun, als ob sie sich selbst spielen würden, im Grunde aber das tun, was die Drehbuchautoren ihnen vorher aufgeschrieben haben. Alles klar?

Das liegt die Vermutung nah, dass die meisten TV-Messies nicht echt sind. „Denk doch mal nach?“, würde mich der HORIZONT-Redakteur Santiago Campillo-Lundbeck rhetorisch fragen. Den Messie-Hype gibt es schon derart lange im deutschen Fernsehen, dass jede Person, die zu Hause im Müll versinkt, schon mindestens dreimal bei RTL, ProSieben & Co aufgetreten sein muss. In Fachkreisen ist es längst kein Geheimnis mehr, dass die Nachmittags-Talk-Shows immer mehr mit sogenannten Talk-Show-Touristen bestückt werden, die montags einen Sexsüchtigen, mittwochs einen mobbenden Chef und freitags einen gehörnten Ehemann spielen.

Honorar für Trash-Junkies höher als für Trash-Talker

Der „Spiegel“ berichtet von einem 25-Jährigen, der bereits in 20 Reality- und Talk-Shows aufgetreten ist! Zudem dürfte das Honorar für Trash-Junkies deutlich höher ausfallen als für Trash-Talker. Schließlich geben die TV-Messies deutlich mehr Intimes preis, insbesondere dann, wenn sie die Kameramänner in ihre zugemüllten Wohnungen lassen – wenn es denn wirklich ihre eigenen vier Wände sind…

Unbestätigten Berichten zufolge gibt es am TV-Produktionsstandort Köln-Hürth bereits Messie-Akademien, in denen Hartz IV-Empfänger, auch Hartzer genannt, die Kunst des Vermüllens lernen können. Anschließend haben sie die Möglichkeit, sich in Aufbaustudiengängen auf Fachgebiete wie Tier-Messie, Elektronik-Messie oder Junk-Mail-Messie zu spezialisieren. Denn wenn die TV-Macher etwas gelernt haben, dann das, dass sie die Formate variieren müssen.

Bleibt die Frage, warum Messies die Massen derart begeistern. Eine mögliche Antwort liefert John Cleesse in der legendären Comedy-Serie „Monthy Python’s Flying Circus“: In der ersten Staffel spielt der Engländer einen Dorfdeppen, der sein Dasein damit begründet, dass die Menschen jemanden brauchen, auf den sie herabschauen können, um sich besser zu fühlen. Insofern fördern die Messie-Shows streng genommen die Volksgesundheit – auch wenn man das angesichts der ekligen und verschimmelten Messie-Wohnungen kaum glauben mag.

 
Print Friendly

Ich schaue mir mit befreundeten Journalisten den Hollywood-Film „The Moon“ an, in dem ein Arbeiter auf dem Erdtrabanten zufällig herausfindet, dass er in Wirklichkeit einer von vielen Klonen ist. Diese sterben nach spätestens drei Jahren und werden dann von einem neuen Klon ersetzt, der im Keller automatisch zum Leben erweckt wird. Dolly im All quasi. Mit dem Unterschied, dass das schottische Klonschaf Dolly sechseinhalb Jahre alt wurde.

Die sonst rein männliche Filmrunde wird bereichert durch eine Praktikantin, die gerade in der Redaktion meiner Kollegen angefangen hat. Um sie in die anschließende Diskussion über den Streifen einzubinden, formuliere ich eine gewagte These: Sie möge sich doch bitte nicht über den Klon lustig machen, sie sei doch selbst einer.

Denn weil immer mehr Redaktionen aus Kostengründen Praktikanten einsetzen, sind diese inzwischen sehr rar auf dem Markt. Drum hat man sich welche geklont, die die besten Eigenschaften aufweisen: Online-Meldungen schreiben, Fotos bestellen, über die Witze der Redakteure lachen – und Kaffee holen natürlich.

Es gibt zwei Modelle: die mit zweimonatiger und die mit dreimonatiger Laufzeit. „Aber im Gegensatz zum Mondmann weiß ich noch, wie ich hier hergekommen bin“, pariert die Praktikantin geschickt. „Tja“, sagt der technisch versierte Filmfreund zur Rechten. „Anders als die NASA-Kollegen haben wir den Memory-Stick nicht mit Microsoft programmiert.“ „Aber, aber“, sagt die junge Dame, jetzt schon leicht irritiert. „Die Praktikanten sehen hier doch alle unterschiedlich aus!“ Darauf hat zweite Filmfreund auch eine Antwort parat: „Das denkst Du!“, sagt er mit einem schelmischen Lächeln auf den Lippen.

 
Print Friendly
„Jetzt wird in Europa Deutsch gesprochen“, sagte Unionsfraktionschef Volker Kauder 2001 im Rahmen der Euro-Rettungsmaßnahmen der deutschen Bundesregierung und löste damit eine Welle der Empörung aus. Die ARD hat diese umstrittene Äußerung offenbar wörtlich genommen. Schließlich sprechen in den Zweiteiler „Russisch Roulette“ fast alle Russen die deutsche Sprache oder verstehen sie zumindest. So sehr, dass sich in einer Szene groteskerweise ein russischer Oligarch und eine russische Polizeikommissar auf Deutsch unterhalten. Zwar hört man das für die Russen typische rollende R, aber die Grammatik ist tadellos. In einer anderen Szene bestellt ein Chefredakteur in einem St. Petersburger Restaurant ganz selbstverständlich „eine heiße Schokolade“.

Katharina Böhm und Heinz Hönig. Foto: ARD

Zugegeben: Lange Dialoge auf Russisch mit Untertiteln können für den Zuschauer auf Dauer ermüdend sein. Aber es macht die Sendung auch authentischer. Der Mehrteiler „Im Angesicht des Verbrechen“, übrigens auch von der ARD, hatte ganze Szene in der slawischen Sprache gedreht, ohne dass dabei die Spannung verloren ging. Und dass in dem preisgekrönten Krimi viele Russen Deutsch sprachen, war durchaus logisch. Schließlich lebten sie in Berlin.

Zudem dürfte es nicht zu viel verlangt sein, wenn sich das Publikum ab und zu russische Kurzeinlagen anhören muss. Zum Beispiel Übersetzungen der im Film deutsch gesprochenen Sätze „Haben Sie meinen Sohn gesehen?“ oder „Sie ist auch Journalistin!“.

Das Publikum der ARD mag zwar – ob ihres hohen Durchschnittsalters – teilweise schon etwas senil sein. Aber blöd ist es bestimmt nicht. Jedenfalls nicht so blöd, dass es denkt, dass der Russlandfeldzug und die Belagerung des damaligen Leningrads und heutigen St. Petersburg erfolgreich war und in der Folge alle St. Petersburger Deutsch sprechen oder verstehen. Wie sagte doch die Comedy-Legende Otto Walkes so schön „Wozu bezahle ich eigentlich keine Fernsehgebühren?!“

Foto: Katharina Böhm und Heinz Hönig (ARD)

 
Print Friendly

Damals, als es in Deutschland nur drei Fernsehsender gab,bezeichnete man den Flimmerkasten noch ehrfürchtig als „das Lagerfeuer derNation“. Schließlich versammelten sich jeden Abend Millionen von Menschen –mangels Alternativen – vor ein und demselben Fernsehprogramm, über das sie sich am nächsten Tag in der Schule, in der Uni oder am Arbeitsplatz trefflich unterhalten konnten. Als hätten sie gemeinsam etwas unternommen.

Doch seit der Inflation der privaten Fernsehkanäle und spätestens seit dem Siegeszug des Internets wird die Lagerfeuerrunde immer kleiner. Nur noch selten gelingt es einer Fernsehsendung, ein ähnlich großes Publikum zu erreichen wie es in den goldenen Zeiten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gang und gäbe war. Die Samstagabend-Show „Wetten, dass..“ gehörte bis vor kurzem noch zu den wenigen Ausnahmen. Doch das dürfte mit dem Abgang von Thomas Gottschalk bald der Vergangenheit angehören. Sonstige Gassenhauerwie „Tatort“ werden dank neuer Techniken häufig zeitversetzt geguckt.Herkömmliche Video-Rekorder und deutlich einfacher zu bedienende Festplattenrekorder sowie zahlreiche Mediatheken im Internet machen es möglich.

„Ist das Spiel bei Dir auch schon vorbei?“
Was bleibt sind Fußball-Live-Übertragungen. Schließlich ergibt es wenig Sinn, ein Spiel zeitversetzt zu gucken, wenn Nachbarn Tore und Großchancen gut hörbarmit Jubel- oder Schmerzensschreien begleiten oder Autokorsos das Ergebnisverkünden. So dachte ich jedenfalls, bis ich eines Abends einen HORIZONT-Kollegen anrief, um mich live mit ihm über das Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft zu unterhalten, dass wir eigentlich zusammen in der Kneipe gucken wollten. Doch nach wenigen Minuten mussten wir feststellen, dass wir unterschiedliche Spiele sahen. Brandheiß fiel mir ein, dass ich vor ein paar Minuten meinen Festplattenrekorder angehalten hatte, um eine Szene ein zweites Mal zu sehen. Sofort spulte ich vor. Vergeblich. Diesmal war mein Kollege neun Sekunden in Verzug, da er das Spiel über eine Internetverbindung sah, ich dagegen über Kabel.

„Gut“, dachte ich mir. „Dann kann ich ja nach dem Spieleinen Witz reißen, den ich schon seit langem einsetzen wollte: Ich rief den Fußballfreund zehn Minuten nach Spielschluss an und fragte in Anspielung auf die Langsamkeit seiner TV-Übertragung: „Und? Ist das Spiel bei Dir inzwischen auchvorbei?“ Statt des erwarteten Lachers hörte ich zu meinem Erstaunen das Wort Nein. Der Grund: Der Kollege hatte das Spiel wegen eines Telefonats angehalten und war somit noch zehn Minuten hinterher. Ach, wie schön waren doch die 80er!

Lesen Sie dazu auch:
Die Inflation der Kanäle und Kaffees

 

 
Print Friendly
Nach dem Sturz von Thomas Gottschalk: Wer regiert jetzt eigentlich die ZDF-Unterhaltung bis zu den ersten freien Moderatorenwahlen im deutschen Fernsehen? Das Militär unter der Führung von Karl Theodor Xerox Canon zu Guttenberg, seines Zeichens Träger des Ordens Wider den tierischen Ernst? Das mit der Moderatorenwahl ist übrigens kein Scherz. Das ZDF erwägt wirklich eine Art Casting-Wettbewerb:
http://www.digitalfernsehen.de/ZDF-Gottschalk-Nachfolger-per-Casting-Show.50127.0.html
 
Print Friendly

Januar 2010

Zugegeben: Nicht alles, was auf Medienkongressen erzählt wird, stellt sich im Nachhinein als richtig heraus. Doch in der Regel sind die Aussagen oder Prognosen so geschickt gewählt oder formuliert, dass sie eine Halbwertzeit von mehreren Monaten haben. Nicht so beim 2. Deutschen Medienkongress von HORIZONT am 19. und 20. Januar in Frankfurt. Dort überdauerte eine Kernaussage eines so genannten Impulsreferats nicht einmal die darauf folgende Pause.

Aber der Reihe nach: Der Chef eines Radiodienstleisters will anhand zweier plastischer Beispiele die Inflation der Medienkanäle illustrieren: „Wie viele verschiedene Kaffees gab es vor 40 Jahren?“, fragt er in die Runde. „Richtig: EINEN, und nur EINE Größe.“ Heute seien es dank amerikanischer Großketten über hundert. Das Gleiche passierte im Fernsehbereich, in dem aus einst zwei Sendern (ARD und ZDF) mehrere Hundert geworden sind.

Vergleichbares sei bei den Werbekanälen geschehen, die vor ein paar Jahrzenten nur aus Zeitungen und Zeitschriften sowie dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen bestanden hätten. Inzwischen gebe es Dutzende von Kanälen: vom Privatfernsehen über Handy bis hin zu verschiedenen Social-Media-Kanälen wie YouTube, Twitter und Facebook.

So weit, so gut. Die Fernseh-These kann ich als bekennender TV-Junkie nur bestätigen, ebenso die Aussagen über die Inflation der Werbekanäle – wozu bin ich schließlich seit fast neun Jahren Medien- und Marketingredakteur?

Doch wie sieht es beim Thema Kaffee aus? Ich mache in der nächsten Pause die Probe aufs Exempel und fange ganz bescheiden an: Ich bestelle weder einen „Strawberries & Cream Frappuccino® Blended Cream“, noch einen „Sumatra Lake Toba“, sondern ganz simpel einen Capuccino. „Hamwa nicht“, heißt es auf der anderen Seite der Theke. „Wir haben nur Kaffee!“, sagt die Bedienung. „Okay, haben Sie wenigstens einen großen Kaffee?“, frage ich, um dem Kellner und dem Referenten eine zweite Chance zu geben. „Nein! Nur DIESE Tassen!“, sagt er und zeigt dabei auf ganz gewöhnliche weiße Tassen.

 
Print Friendly

Wir haben Kabelfernsehen! Kabelfernsehen haben wir! Meine Familie hat jetzt… . Ich kann es noch gar nicht fassen. Nachdem bei uns in der Straße fließend Wasser eingeführt und unsere Schwarz-Weiß-Ampel durch eine Farbige ersetzt worden war, machte der Fortschritt auch in unseren vier Wänden nicht halt: Wir wurden ans Kabelnetz angeschlossen! 17 Jahre der Isolation sind nun passé. Kein Freund kann nun mehr ankommen und spöttisch fragen: „Na, hast du gestern auch auf SAT.1 den tollen Spielfilm gesehen?“ Totenstille. „Oh, ich vergaß, ihr habt ja gar kein Kabel!“ Ich konnte zwar stets verkünden, stolzer Besitzer sowohl eines Kabels als auch eines Fernsehers zu sein, doch mit Kabelfernsehen konnte ich leider nicht dienen.

Das ist alles jetzt vorbei! Vorbei sind auch die Zeiten, wo ich aus Angst vor Alltagsgefahren wie Autos und Verbrechern aller Gewichtsklassen mich kaum traute, das traute Heim zu verlassen. Wozu sich jetzt noch in die unheilvolle Welt begeben? Ich kann mir die Welt doch jetzt auf 30 Kanälen direkt ins Wohnzimmer holen. Eine tägliche Weltreise per Knopfdruck – und wenn mir etwas nicht gefällt, mache ich einfach „Klick“.

Dieses so harmlose aus der Wand schauende Kabel bescherte uns so einige Lebensveränderungen. So fragte meine Schwester am Tag der Befreiung bestürzt, warum wir unseren Fernseher nicht eingeschaltet hätten. „Schließlich haben wir doch jetzt Kabelfernsehen!“ Beschämt legten wir unser gleich nach unserem Zweitauto und unserer Zweitwohnung angeschafftes Zweitbuch zur Seite und starteten das Sendersuchlaufspiel. Dabei ist dem Vater als Familienoberhaupt die Position des Programmrichters beschieden. Der Häufigkeit und Stärke, der ihm an den Kopf geschleuderten Gegenstände kann er dann entnehmen, wann es angebracht ist, das ständige Umschalten für wenige Sekunden zu unterbrechen, um die Sendung einer Qualitätskontrolle zu unterziehen. Nach objektiven Gesichtspunkten wie „Das Gesicht gefällt mir nicht“ entscheidet das Gremium, ob die Sendung würdig genug ist, um gesehen zu werden.

Bange Minuten bis zur Wiederholung

Die Zeit des Nicht-Umschaltens darf aber niemals die Fünf-Minuten-Marke überschreiten, da man sonst ständig das ungute Gefühl hat, auf anderen Kanälen etwas Gutes zu verpassen. So kommt es, daß wir keine Sendung mehr von Anfang bis Ende sehen, und wenn wir mal kurz umschalten, weil in der augenblicklichen Szene weder eine Vergewaltigung noch eine Verfolgungsjagd gezeigt wird, müssen wir später entsetzt feststellen, daß wir die Schlüsselszene verpaßt haben. Das bedeutet, bittere acht Stunden bis zur Wiederholung zu warten, um das Verpaßte nachzuholen.

Als nach dem 25. Schnelldurchlauf immer noch keine Übereinkunft über die Programmwahl erzielt werden konnte, begann ich zaghaft zu mutmaßen, daß unser Fernseher wohl eine direkte Verbindung zum Klo habe, da wir wahrlich nur Sch… sahen. Doch mein Vater wies mich barsch zurecht. „Wenn etwas auserwählt wird, um im Fernsehen gesendet zu werden, dann muß es einfach gut sein!“ Das leuchtete mir ein, und da eh gerade nur Werbung gesendet wurde, bahnte ich mir meinen Weg durch die Erdnußschalen und Chipstüten der letzten drei Wochen, um in der Küche einen kleinen Imbiß zu mir zu nehmen.

Dieses fällt mir ehrlich gesagt von Tag zu Tag schwerer. Als Anhänger der Wegenerschen Kontinentalverschiebungstheorie warte ich bereits seit Wochen vergeblich darauf, daß unser Kühlschrank an meinem Fernsehsessel vorbeikommt.

Erste Nebenwirkungen

Nach einigen Wochen, in denen wir mehrmals den Weltrekord im Dauerfernsehen einstellten, machten sich die ersten Nebenwirkungen, die keiner Gebrauchsanweisung zu entnehmen sind, bemerkbar: Früher klagte mein Daddy noch über einen schmerzhaften Tennisarm, doch jetzt hat er ganz andere Probleme, denn er mußte bestürzt feststellen, daß die Fingerkuppe seines rechten Zeigefinders fast gänzlich durch den Gebrauch der Fernbedienung abgerieben war und sein Fingergelenk plötzlich stark schmerzte. Eine neue Krankheit war geboren: Der Kabelfinger.

Noch stolz darüber, daß er so in die Medizingeschichte eingehen würde, plante er bereits das Programm für den folgenden Tag: „Tom und Jerry“ um 7.30 Uhr, dann Nachrichten um 8 Uhr und so weiter. Dann der große Schock: So lange er auch in unseren zehn Programmzeitschriften auch suchte, er konnte zwischen 12 Uhr und 12.30 Uhr keine Sendung finden, die er nicht schon mindestens zehnmal gesehen hatte! Eine Welt brach für ihn zusammen! Wir alle hoffen, daß er sich recht bald von diesem Schock erholt, damit er im nächsten Monat wieder Flüssignahrung zu sich nehmen kann.

Auch ich blieb von den Nebenwirkungen nicht verschont: Eines Morgens, als ich nicht zur Schule gehen konnte, da meine Augen zu sehr flackerten, versuchte ich vergeblich, unsere graue Katze farbig zu stellen und meine Mutter, die gerade nervig wurde, auszuschalten. Glücklicherweise gelang es mir schnell festzustellen, woran es lag. Es konnte ja auch gar nicht klappen, denn ich hatte die Fernbedienung mit einem Taschenrechner verwechselt, während mein Bruder in der Schule vergeblich versuchte, mit unserer Fernbedienung die Wurzel aus fünf zu ziehen.

© 2012 Medienkracher.de Suffusion theme by Sayontan Sinha