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„Heute“, so hatte ich mir ganz fest vorgenommen, „gehst du mal wieder in die Kirche, schließlich ist es doch deine Konfirmation.“ Trotzdem kostete es mich viele Überwindung, denn ich gehe nur noch lustlos zur Messe, seitdem die neumodischen Pfarrer keine Opfertiere mehr auf dem Altar schlachten.

Pünktlich zur 10 Uhr-Vorstellung betrete ich das Gotteshaus und muß mit Entsetzen feststellen, daß die Veranstaltung fast ausverkauft ist – als ob es Freibier gäbe. Damit liege ich nicht ganz falsch, denn durch das Belauschen fremder Gespräche erfahre ich, daß heute im Rahmen des Abendmahls (und das am Morgen!) umsonst Wein gereicht wird. Durch meinen geschulten Blick erkenne ich sofort in den Reihen vor und hinter mir altbekannte Trinkergesichter aus ganz Bremen, die sich diese Gelegenheit natürlich nicht entgehen lassen.

Ich wähle einen strategisch günstigen Platz im Parkett, 1. Reihe inmitten mehrerer Jahresabonnenten im Alter 70 bis scheintot. Für mehrere Minuten kann man den Pastor nur schemenhaft erkennen, da die Kirche in ein wahres Blitzlichtgewitter begeistertet Hobbyfotografen getaucht wird. Dann aber kann endlich die Vorstellung beginnen. Enttäuscht muß ich feststellen, daß keine Vorgruppe eingeladen wurde. Statt dessen fängt der Pastor an zu predigen: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden…“ und die anderen zehn Gebote (oder waren es nur neun?).

Ich mache es mir gemütlich, doch da werde ich plötzlich durch die einsetzende Orgelmusik aus dem Halbschlaf gerissen. Wir Konfirmanden müssen uns erheben, um unseren Segen zu empfangen. Der wahre (Geld-)Segen folgt erst später. Unbemerkt versuchen wir, uns nach vorne zu schleichen, doch da werden wir gnadenlos von einer erneuten Welle von Blitzlichtern erfaßt. Überall sehe ich, wie Omas und Opas vergeblich versuchen, sich durch wilde, an den Wahnsinn grenzende Gestiken bei ihren Enkeln bemerkbar zu machen.

Nach der Prozedur können wir uns endlich wieder setzen. Da sehe ich auf einmal, wie sich eine Frau vor mir eine Zigarette anzündet! Vor Schreck fällt mir doch glatt die Bierflasche aus der Hand. Schließlich weiß ich aus dem Konfirmandenunterricht, wie man sich in der Kirche zu verhalten hat: Es ist nicht angebracht, nach jedem Beitrag seine Begeisterung durch lautes Klatschen kundzutun und Transparente zu enthüllen. Dieses sollte man sich – wie auch die Zugaberufe – bis zum Schluß der Vorstellung aufbewahren. Außerdem gilt es als Gotteslästerung, gegen den Rhythmus zu schunkeln.

Auf einmal fängt mein Nachbar ganz furchtbar an zu schnarchen. Das ist nun wirklich zu viel! Geistesgegenwärtig ersticke ich die Grunztöne mit einem mitgebrachten Kopfkissen, wobei mir fast meine Steppecke runterfällt. Dabei habe ich anscheinend zu viel Lärm gemacht, denn unversehens trifft mich ein strafender Blick des Pastors und ich erstarre zur Salzstange. Dem Gebot der Nächstenliebe folgend biete ich meinem Nachbarn meine delikaten Kartoffelchips an, die dieser unverschämterweise ablehnt. Durch Handzeichen macht er mir deutlich, daß er mit Popcorn bis zum Jüngsten Gericht eingedeckt ist.

Gott, ist das langweilig! Vergeblich versuche ich auf das zweite Programm umzuschalten, doch meine Fernbedienung wurde hinterhältigerweise durch ein Gesangbuch ersetzt, welches ich nun gekonnt aber letztendlich in Richtung Pastor schleudere. Schließlich versuche ich mitzusingen, doch mein Playback versagt. Schmerzlich vermisse ich nun die nette Frau, die so oft mit dem typischen Langnese-Lächeln fragt: „Möchte jemand ein Eis?“ Doch alles hat ein Ende, nur…: Durch laute Orgelmusik, die auch den letzten Schläfer aus dem Tiefschlaf holt, wird die Messe beendet und ich trete wieder ins himmlische Sonnenlicht nach draußen.

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