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Messie-Wohnung auf Kabel 1

Messies, Messies, Messies – egal auf welchen Senderman schaltet, überall kommt früher oder später eine Reportage, Dokumentation oder Doku-Soap über chaotische Mitmenschen. Sie laufen unter Titeln wie “Aus dem Messie-Chaos – rein ins Leben” (Foto), “Morgen räum ich auf” und “Alles in Ordnung? Das neue Leben von Messie Martina”. Und das schon seit mindestens zehn Jahren. Fällt den Fernsehmachern denn gar nichts mehr ein?

Okay. Ab und zu gibt es Dokus über Gerichtsvollzieher. Allerdings besteht deren bevorzugte Klientel aus – richtig – Messies. Im Fachjargon spricht man von einem Crossover. So wie der US-Regisseur Paul W. S. Anderson 2004 aus den Science-Fiction-Erfolgen „Predator“ und „Alien“ das Crossover „Alien versus Predator“ schuf. Es ist zu befürchten, dass noch viele weiter Crossover nachdem „Messie versus Gerichtsvollzieher“-Prinzip entstehen. Denkbar wären etwa Casting-Shows mit den Namen „Deutschland sucht den Super-Messie“ oder „Germany’s next TopMessie“. Oder wie wäre es mit „Ein perfektes Messie-Dinner“ oder „How I met your messie mother“?

Apropos Messie-Mutter. Mein Lieblings-TV-Beitrag über Messies lief vor kurzem auf Sat.1. In der Doku-Soap „Messie-Alarm“ verfolgte ein Fernsehteam eine psychisch kranke Frau auf Schritt und Tritt – von der Familientherapie über die Zwangsräumung bis hin zur wundersamen Heilung in der Psychiatriemit anschließendem Happy End, bei dem die Töchter, die zwei Jahre zuvor aus der zugemüllten Wohnung geflüchtet waren, die genesene Mutter besuchen. Sat.1 sei dank!

„Ihre Haare sind fettiger als meine Friteuse!“

Das Beste war der Dialog zwischen der Messie-Mummy und einem Imbisswirt, bei dem sich die Dame um einen Job bewarb. MAZ ab! „Warum sollte ich Sie einstellen? Gucken Sie sich doch mal an! Ihre Haare sind fettiger als meine Friteuse!“ „Das kann den Gästen doch egal sein, wie ich aussehe.“ „Im Prinzip ja, aber wenn Sie hier arbeiten, habe ich bald keine Gäste mehr.“ Herrlich! Als wären die Sätze direkt der Feder des Imbiss-Philosophen Dittsche entsprungen.

Aber auch extrem unglaubwürdig. Denn normalerweise bekommt man in deutschen Imbissbuden nur Gespräche zu hören, die ungefähr so lauten: „Bist Du das Schaschlik?“ „Ne, ich bin die Pommes, er ist das Schaschlik.“ „Aber Pils seid Ihr beide, oder?“ Wer Kommunikationsfachtitel wie HORIZONT aufmerksam liest, weiß, dass es sich bei „Messie-Alarm“ um ein Scripted-Reality-Format handelt, bei dem die Darsteller nur so tun, als ob sie sich selbst spielen würden, im Grunde aber das tun, was die Drehbuchautoren ihnen vorher aufgeschrieben haben. Alles klar?

Das liegt die Vermutung nah, dass die meisten TV-Messies nicht echt sind. „Denk doch mal nach?“, würde mich der HORIZONT-Redakteur Santiago Campillo-Lundbeck rhetorisch fragen. Den Messie-Hype gibt es schon derart lange im deutschen Fernsehen, dass jede Person, die zu Hause im Müll versinkt, schon mindestens dreimal bei RTL, ProSieben & Co aufgetreten sein muss. In Fachkreisen ist es längst kein Geheimnis mehr, dass die Nachmittags-Talk-Shows immer mehr mit sogenannten Talk-Show-Touristen bestückt werden, die montags einen Sexsüchtigen, mittwochs einen mobbenden Chef und freitags einen gehörnten Ehemann spielen.

Honorar für Trash-Junkies höher als für Trash-Talker

Der „Spiegel“ berichtet von einem 25-Jährigen, der bereits in 20 Reality- und Talk-Shows aufgetreten ist! Zudem dürfte das Honorar für Trash-Junkies deutlich höher ausfallen als für Trash-Talker. Schließlich geben die TV-Messies deutlich mehr Intimes preis, insbesondere dann, wenn sie die Kameramänner in ihre zugemüllten Wohnungen lassen – wenn es denn wirklich ihre eigenen vier Wände sind…

Unbestätigten Berichten zufolge gibt es am TV-Produktionsstandort Köln-Hürth bereits Messie-Akademien, in denen Hartz IV-Empfänger, auch Hartzer genannt, die Kunst des Vermüllens lernen können. Anschließend haben sie die Möglichkeit, sich in Aufbaustudiengängen auf Fachgebiete wie Tier-Messie, Elektronik-Messie oder Junk-Mail-Messie zu spezialisieren. Denn wenn die TV-Macher etwas gelernt haben, dann das, dass sie die Formate variieren müssen.

Bleibt die Frage, warum Messies die Massen derart begeistern. Eine mögliche Antwort liefert John Cleesse in der legendären Comedy-Serie „Monthy Python’s Flying Circus“: In der ersten Staffel spielt der Engländer einen Dorfdeppen, der sein Dasein damit begründet, dass die Menschen jemanden brauchen, auf den sie herabschauen können, um sich besser zu fühlen. Insofern fördern die Messie-Shows streng genommen die Volksgesundheit – auch wenn man das angesichts der ekligen und verschimmelten Messie-Wohnungen kaum glauben mag.

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