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Dienstag: Ich breche zu einer viertägigen Dienstreise nach Berlin auf. Dort werde ich zahlreiche Medien-Events besuchen. Sprich: Ich nähre das Klischee, ein Jetset-Journalist zu sein. Chefredakteur Volker Schütz hatte mir diesen Stempel scherzhaft aufgedrückt, nachdem er mich zur Jurysitzung des Deutschen Dialogmarketing Preises (DDP) nach Mallorca geschickt hatte. Diesmal reise ich nicht mit dem Flugzeug, sondern mit der Deutschen Bahn. Naja, wenigstens bekomme ich davon keinen Jet-(set)lag …

Mittwochabend: Aufatmen. Ich habe die Moderation des Kongresses „Campus Dialogmarketing“ unfallfrei überstanden. Ich unterhalte mich anschließend mit einem DDV-Mitglied, das beruflich von Hamburg nach Frankfurt gewechselt ist. So wie ich. Mit dem Unterschied, dass mein Gegenüber weiterhin in Hamburg wohnt. „Aber kostet diese Pendelei nicht wahnsinnig viel Zeit und Lebensqualität?“, frage ich. Der CRM-Profi rechnet mir vor, dass er wöchentlich nur sechs Stunden für seinen Arbeitsweg brauche, also weniger als viele Frankfurter Kollegen. Die Erklärung: Sein Frankfurter Appartment liegt nur wenige Minuten von der Arbeit entfernt. Und wenn er donnerstags nach Hamburg reist, nimmt er ein Taxi zum Flughafen, checkt ohne Gepäck ein, und da er stets in einer der ersten Reihen sitzt, muss er erst kurz vor dem Start an Bord gehen. Und in Hamburg wartet wieder ein Taxi auf ihn. Das ist wahrer Jetset!

Donnerstagmorgen: Die Mitgliederversammlung des DDV geht erstaunlich geräuschlos über die Bühne. Das einzig Spannende ist daher für mich die Frage, ob ich zum anschließenden exklusiven Jubiläumsdinner kommen darf. Verbandssprecherin Nanah Schulze verspricht, sich für mich einzusetzen, will sofort anrufen, sobald sie Näheres weiß. Doch das Handy bleibt stumm. So viel zum Thema Jetset-Journalist …

Donnerstagabend: Statt mit Promis aus Wirtschaft und Politik zu tafeln, schaue ich das Uefa-Pokalspiel FC Getafe gegen FC Bayern München. Ich stelle mir lebhaft vor, wie zur selben Zeit Defacto-Kreativchef Jan Möllendorf beim Jubiläumsdinner unruhig auf dem Stuhl herumrutscht, da der Bayern-Fan das Spiel nicht live verfolgen kann.

Freitagmorgen: Ich lausche dem Strategie-Forum „Freiheit der Kommunikation“. In der Kaffeepause berichtet ein Münchner Agenturchef stolz, er kenne den wahren Grund für Stoibers Entscheidung, nicht Bundeswirtschaftsminister zu werden. Ein Kollege aus Erlangen legt nach: Er verrät, wer seinen Informationen zufolge der wahre Vater von Heidi Klums unehelichem Kind ist. Okay, das sind alles nur unbestätigte Gerüchte aus dritter oder vierter Hand. Aber ich fühle mich der feinen Gesellschaft ein bisschen näher.

Freitagnachmittag: Endlich bekomme ich einen Prominenten zu Gesicht: Der ehemalige Kanzleramtschef Bodo Hombach sitzt bei einer Podiumsdiskussion wie ein Budda im bequemen Ledersessel und reißt einen lustigen Spruch nach dem anderen. Die Debatte über „Kommunikation versus Freiheit“ plätschert dagegen nur vor sich hin. Daran ändert auch die Anwesenheit der Fernsehmoderatorin Anja Kohl nichts. Sie ist auch eher eine B- oder C-Prominente. Von der High Society weit entfernt. Vielmehr ein Fall fürs Dschungelcamp von RTL.

Freitagabend: Ich überreiche bei der DDP-Gala drei Trophäen und lerne dabei eine Prominente hautnah kennen: Bärbel Schäfer. Die Moderatorin des Abends ist nicht nur aus dem Fernsehen bekannt, sie ist zudem mit Michel Friedmann verheiratet, der 2003 als Vize des Zentralrats der Juden zurücktreten musste, weil er Koks und ukrainische Prostituierte orderte. Na, wenn das kein Jetset ist! Bert Rösch

Aus: HORIZONT 16 vom 17.04.2008, Seite 016

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