Print Friendly

Auf meinem Bahnbonus-Konto haben sich 3500 Punkte angesammelt. Damit sie nicht verfallen, stöbere ich nach Prämien. Ich entscheide mich gegen sinnfreie bzw. unnütze Angebote wie „Reise-Ordnungsset“, „Brottasche sand-weiß“, „Linien-Laser“ und eine Armbanduhr mit DB-Logo. Und wähle sechs Upgrade-Gutscheine für die erste Klasse. Da werde ich bestimmt von vorne bis hinten verwöhnt – vom kostenlosen Kaffee über die Nackenmassage bis hin zur Pediküre.

Doch die Bahnwirklichkeig sieht anders aus: Zunächst suche ich als gelernter Printredakteur nach Tageszeitungen. Vergeblich. Okay, am zweiten Weihnachtstag erscheinen keine Zeitungen. Aber ist es denn wirklich zu viel verlangt, ein paar Exemplare vom Vortag auf Halde zu legen? Die Bahnkioske sind doch auch voll mit Sonntags- und Wochenendausgaben diverser Titel.

Danach strömt leckere Kaffeegeruch durch den Waggon. Da der Bahnangestellte, der ein Tablett mit verschiedenen Kaffeesorten unterwegs ist, keine Geldbörse dabei hat, gehe ich davon aus, dass die Getränke kostenlos sind. Zumindest eines pro Person. So wie im Flugzeug. Doch als der Bahner dem Nachbarn 3,80 Euro abknöpft, werde ich eines Bessere belehrt.

„Egal“, denke ich, „dafür gibt es Bahn-TV“. Doch wider Erwarten sind in keinem Erste-Klasse-Waggons Bildschirme in den Vordersitzen installiert. Nolens volens grade ich mich selbst herunter – vom audivisuellen zum reinen Hörvergnügen. „Doch wo zum Teufel sind die Buchsen für die Kopfhörer? Sie sind doch sonst immer in den Armlehnen versteckt! Selbst in der zweiten Klasse!“

„Na gut. Mal schauen, wie gut die WLAN-Verbindung ist.“ Doch obwohl der Zug auf einer ausgewiesenen WLAN-Strecke fährt, findet mein iPhone kein Signal. „Das funktioniert hier nicht“, belehrt mich der Schaffner. Und wenn wir es hätten, würde es 4 Euro die Stunde kosten. Auch in der ersten Klasse.“ Ja, Herrschaftszeiten! Gibt es denn hier überhaupt irgendwas umsonst? Die Frage verhallt in den Weiten des nur zu einem Viertel gefüllten Waggons.

Zumindest habe ich hier schön viel Platz und muss mich nicht mit anderen Reisenden um Sitzplätze prügeln. Schadenfroh suche ich einen Waggon der zweiten Klasse auf und muss erschreckt feststellen, dass dieser gar nicht überfüllt ist. Enttäuscht lehne ich mich in meinem Sessel zurück, über dessen komfortable Breite ich mich vor meiner Diät bestimmt noch gefreut hätte.

Kurz vor der Ankunft in Frankfurt macht der Schaffner uns ein Friedensangebot. Insbesondere der jungen Dame vor mir, die sich zuvor lautstark darüber beschwert hatte, dass es im Zug kein Internet gibt. „In London hat das jeder Bus!“ Der Bahnmitarbeiter reicht jedem Gast ein kleines Täfelchen Schokolade. Ich lasse mir das Incentive genussvoll auf der Zunge zergehen. „Wie gut, dass ich erste Klasse gebucht habe!“ Aber mal im Ernst: Das nächste Mal fahre ich wieder zweiter Klasse. Da weiß ich wenigstens, was ich nicht habe.

 
Print Friendly

Dass die langjährige Beschäftigung mit dem Thema Dialogmarketing mitunter schwer wiegende Auswirkungen auf die private Kommunikation haben kann, zeigte sich bei einem Besuch im heimatlichen Bremen. Auf die Frage, was denn in der Post gewesen sei, antwortete mein Vater nur unwirsch: „Nichts! Nur Reklame!“ Nachdem ich den Posteingang kurz gemustert hatte, konnte ich mir eine besserwisserische Bemerkung nicht verkneifen: „Das ist keine Reklame, Papi“, belehrte ich meinen alten Herrn. „Das ist eine teiladressierte Postwurfsendung!“ Die Weisheit, dass in der Werbewelt kein Mensch mehr den antiquierten Begriff „Reklame“ benutzt (Experten nutzen Fachbegriffe wie Marketing, One-to-One-Kommunikation, integrierte Kommunikation oder 360-Grad-Kommunikation), behielt ich für mich. Man muss ja nicht gleich übertreiben. Außerdem war ich gerade auf dem Sprung. Zu einer Party. Zur Adressgenerierung. Mittels One-to-One-Kommunikation natürlich.

 
Print Friendly

Die Tatsache, dass die Zeitschrift, für die ich arbeite, nicht nur über nackte Geschäftszahlen sowie Fusionen und Übernahmen schreibt, sondern auch über Modetrends, übt eine enorme Anziehungskraft auf Modestudenten (Modedesign etc.) aus. Ich nenne sie liebevoll „Fashion Victims“. Sie bewerben sich scharenweise bei dem Blatt und weisen häufig mehr Modewissen auf als ich.

Das führt mitunter zu bizarren Situationen. Zum Beispiel, als ich eine Praktikantin beauftragte, eine Meldung über den Tod des britischen Musik- und Mode-Managers Malcom McLaren zu schreiben. Dieser war Zeit seines Leben mit der Designern Vivien Westwood verheiratet, was auf der Gegenseite sofort einen Schrei der Entzückung auslöste: „Ooooooooooooooh, die macht sooooo tolle Sachen!“ Da dies für die Meldung unerheblich war und mich – ehrlich gesagt – auch nicht sonderlich interessierte, antwortete ich nur unwirsch: „Schreib einfach die Meldung! Und produziere nicht wieder so viele Nebensätze und Passivformen!“

 
Print Friendly

Juni 2010

Während meines Urlaubs in der Türkei treffe ich eine Direktorin einer slowenischen Online-Marketing-Agentur. Ihr Name: Barbara. Doch damit nicht genug: Es ist noch eine Barbara vor Ort, und auch sie kommt aus Ljubljana. Wir haben also zwei Barbaras. „Nein“, belehrt mich Barbara Nummer zwei. „Im Slowenischen heißt es ‚Barbari'“, sagt sie und fügt zur meiner bereits bestehenden Verwirrung noch eine weitere hinzu: „Und wenn es mehr als zwei Barbaras sind“, sagen wir Slowenen ‚Barbare‘.

Ganz abgesehen davon, dass in vorliegenden Fall durch Multiplizierung aus einem schönen weiblichen Vornamen eine Assoziation mit etwas Grausamem, nämlich dem Wort „Barbar“ wird: Warum in Gottes Namen braucht man ein Wort für drei Barbaras und mehr? Gibt es etwa in Slowenien regelmäßig Treffen von Frauen, die zufällig alle Barbara heißen und die bei der Begrüßung mit dem richtigen Anrede (Liebe Barbare!“) angesprochen werden wollen?

Barbara II weiß leider keine Antwort. Daher schiebe ich eine zweite Frage nach: „Wie lauten die Pluralformen von Bert?“ Die Lösung folgt prompt: „Zwei Berta, drei Berti“. Berta? Ändert sich etwa das Geschlecht, wenn zwei Berts aufeinander treffen? Und welche Gemeinheit steckt hinter dem Plural Berti? Viele Freunde, Arbeitskollegen und Familienmitglieder nennen mich so seit Jahren! War das etwa stets eine Anspielung auf mein Gewicht? Dass ich mit meinen einst 107 Kilos gut und gerne zwei magersüchtige Berts – Verzeihung: Berta – aufgewogen hätte, muss ich zähneknirschend zugeben. Aber drei Berts und mehr? Das nehme ich als Beleidigung auf! Wirklich unerhört!

 
Print Friendly

Zeit Online hat sich mit dem Engagement der großen Modemarken im Social Web beschäftigt – und dabei auch Modemarketing-Redakteur Bert Rösch befragt. Aber lesen Sie am besten selbst:
http://www.zeit.de/lebensart/mode/2010-01/mode-social-networks

 
Print Friendly

Dienstag: Ich breche zu einer viertägigen Dienstreise nach Berlin auf. Dort werde ich zahlreiche Medien-Events besuchen. Sprich: Ich nähre das Klischee, ein Jetset-Journalist zu sein. Chefredakteur Volker Schütz hatte mir diesen Stempel scherzhaft aufgedrückt, nachdem er mich zur Jurysitzung des Deutschen Dialogmarketing Preises (DDP) nach Mallorca geschickt hatte. Diesmal reise ich nicht mit dem Flugzeug, sondern mit der Deutschen Bahn. Naja, wenigstens bekomme ich davon keinen Jet-(set)lag …

Mittwochabend: Aufatmen. Ich habe die Moderation des Kongresses „Campus Dialogmarketing“ unfallfrei überstanden. Ich unterhalte mich anschließend mit einem DDV-Mitglied, das beruflich von Hamburg nach Frankfurt gewechselt ist. So wie ich. Mit dem Unterschied, dass mein Gegenüber weiterhin in Hamburg wohnt. „Aber kostet diese Pendelei nicht wahnsinnig viel Zeit und Lebensqualität?“, frage ich. Der CRM-Profi rechnet mir vor, dass er wöchentlich nur sechs Stunden für seinen Arbeitsweg brauche, also weniger als viele Frankfurter Kollegen. Die Erklärung: Sein Frankfurter Appartment liegt nur wenige Minuten von der Arbeit entfernt. Und wenn er donnerstags nach Hamburg reist, nimmt er ein Taxi zum Flughafen, checkt ohne Gepäck ein, und da er stets in einer der ersten Reihen sitzt, muss er erst kurz vor dem Start an Bord gehen. Und in Hamburg wartet wieder ein Taxi auf ihn. Das ist wahrer Jetset!

Donnerstagmorgen: Die Mitgliederversammlung des DDV geht erstaunlich geräuschlos über die Bühne. Das einzig Spannende ist daher für mich die Frage, ob ich zum anschließenden exklusiven Jubiläumsdinner kommen darf. Verbandssprecherin Nanah Schulze verspricht, sich für mich einzusetzen, will sofort anrufen, sobald sie Näheres weiß. Doch das Handy bleibt stumm. So viel zum Thema Jetset-Journalist …

Donnerstagabend: Statt mit Promis aus Wirtschaft und Politik zu tafeln, schaue ich das Uefa-Pokalspiel FC Getafe gegen FC Bayern München. Ich stelle mir lebhaft vor, wie zur selben Zeit Defacto-Kreativchef Jan Möllendorf beim Jubiläumsdinner unruhig auf dem Stuhl herumrutscht, da der Bayern-Fan das Spiel nicht live verfolgen kann.

Freitagmorgen: Ich lausche dem Strategie-Forum „Freiheit der Kommunikation“. In der Kaffeepause berichtet ein Münchner Agenturchef stolz, er kenne den wahren Grund für Stoibers Entscheidung, nicht Bundeswirtschaftsminister zu werden. Ein Kollege aus Erlangen legt nach: Er verrät, wer seinen Informationen zufolge der wahre Vater von Heidi Klums unehelichem Kind ist. Okay, das sind alles nur unbestätigte Gerüchte aus dritter oder vierter Hand. Aber ich fühle mich der feinen Gesellschaft ein bisschen näher.

Freitagnachmittag: Endlich bekomme ich einen Prominenten zu Gesicht: Der ehemalige Kanzleramtschef Bodo Hombach sitzt bei einer Podiumsdiskussion wie ein Budda im bequemen Ledersessel und reißt einen lustigen Spruch nach dem anderen. Die Debatte über „Kommunikation versus Freiheit“ plätschert dagegen nur vor sich hin. Daran ändert auch die Anwesenheit der Fernsehmoderatorin Anja Kohl nichts. Sie ist auch eher eine B- oder C-Prominente. Von der High Society weit entfernt. Vielmehr ein Fall fürs Dschungelcamp von RTL.

Freitagabend: Ich überreiche bei der DDP-Gala drei Trophäen und lerne dabei eine Prominente hautnah kennen: Bärbel Schäfer. Die Moderatorin des Abends ist nicht nur aus dem Fernsehen bekannt, sie ist zudem mit Michel Friedmann verheiratet, der 2003 als Vize des Zentralrats der Juden zurücktreten musste, weil er Koks und ukrainische Prostituierte orderte. Na, wenn das kein Jetset ist! Bert Rösch

Aus: HORIZONT 16 vom 17.04.2008, Seite 016

 
Print Friendly

Auszug aus: „Hamburger Abendblatt“, 12.3.1995:

Millionen-Skandal aufgedeckt: Die STABI hat gar keine Bücher!

Hamburg – Die Hamburger Polizei ist an der Hamburger Universität einem Betrug auf die Schliche gekommen, dessen Schaden in die Millionen geht. Die Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek (STABI), die jährlich von über hundertausenden Lesern aus Hamburg und dem Umland der Hansestadt frequentiert wird, hat – wie sich jetzt herausstellte – gar keinen Verleihbestand.

Auf den Hinweis einer Studentin hin durchsuchte die Polizei gestern die Magazine der STABI und fand dort fast nur leere Regale vor. Lediglich ein paar Dutzend veralteter
Physik-, Informatik- und Biologie-Bücher konnten die Beamten sicherstellen.

Ausgeklüngeltes Verhinderungssystem

Bei ihren weiteren Ermittlungen, in deren Zuge auch die Verwaltungsräume durchsucht wurden, stieß man auf ein ausgeklüngeltes System, die die Bibliotheksbenutzer daran hinderte, ihre Bücher wie gewünscht zu bestellen. Diese Verhinderungstaktik fing laut Polizeisprecher Peter Goboleit schon damit an, dass die Literaturrecherche dadurch erschwert wurde, dass man die längst überfällige Umstellung auf Computer lange Zeit verschleppte. So mussten die Studenten ihre Buchsignaturen mühsam aus Schlagwortkatalogen und Mikrofichen heraussuchen. Wenn der Benutzer dann die Signaturen nach langer Wartezeit vor den Bestell-Computern erfolgreich eingegeben hatte, musste er je nach Signatur entweder ein paar Stunden oder über einen Tag auf die begehrte Literatur warten.

Danach erfuhr er dann, dass das Buch nicht im Lager zu finden sei oder gerade umgestellt werde, weshalb man es nach zwei Tagen noch einmal versuchen möge. Nach einer erneuten Bestellung erhielt so mancher STABI-Benutzer aufschlussreiche Buchtitel wie „Das Leben der bolivianischen Liebesschnecke“ oder „Computertomographie gestern und heute“, die man gar nicht bestellt hatte und daher auch sofort wieder abgab.

Noch tragischer waren die Mißerfolge bei der Buchbestellung, wenn das Buch angeblich bereits ausgeliehen war: Man mußte es dann per Computer vormerken lassen und bekam dann Wochen oder Monate später eine Postkarte, auf der lediglich die Signatur eingetragen, d.h. der Leser wusste in der Regel gar nicht, was er vor Ewigkeiten mal hatte lesen wollen. Nachdem er auf diese Bestellkarte Wertmarken im Werte von 1,50 Mark geklebt hatte, bekam er dann ebenfalls ungewünschte Bücher in die Hand gedrückt. „Kein Wunder“, so Goboleit, „daß viele Studenten aufgrund dieser Widrigkeiten auf weitere Bestellungsversuche verzichteten und auf die Bibliotheken der Fachbereiche, Institute und der Bundeswehr-Universität auswichen.

Ein Bibliotheksangestellter, der kurz nach der Durchsuchung festgenommen worden war, hat bereits gestanden, mehrere Blockieraktionen organisiert zu haben, um die Geduld der Besucher zusätzlich zu zermürben. Er heuerte schwungweise Schüler an, deren Aufgabe darin bestand, sich entweder in die Warteschlagen vor den Bestell-Computern einzureihen und deren Benutzung durch möglichst ungeschickte Benutzung so lange wie möglich zu blockieren oder die ohnehin raren Kleiderschränke in Beschlag zu nehmen. Nach der Verhaftung dieser „kleinen Nummer“ fahndet die Polizei laut Goboleit jetzt nach fünf Hauptverdächtigen, deren Namen er aber noch nicht nennen wollte.

Die Angestellten schöpften keinen Verdacht

Den STABI-Angestellten an der Buchausgabe will nichts aufgefallen sein: „Sicherlich haben wir uns manchmal darüber gewundert, daß so viele Studenten naturwissenschaftlich interessiert sind, aber wir haben die Bücher immer ordnungsgemäß ausgegeben“, verteidigt sich die langjährige Bibliothekarin Ute S. Sie konnte ja auch nicht wissen, daß die gelegentlich korrekt ausgehändigten Bücher aus den Lesesälen stammten. Dieser Bestand wurde von Zeit zu Zeit angerührt, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, daß gar kein Verleihbestand vorhanden war. Als aber die Lücken in den Lesesälen zu gross wurden, entschloss sich die STABI-Verwaltung, einen Großteil der Bücher mit x- und y-Signaturen zu versehen. Deren Ausleihzeit beträgt nämlich nur noch zwei anstatt vier Wochen.

Der Bücher-Schwindel war aufgeflogen, als die Lehramtsstudentin Julia A. nach Wochen vergeblicher Bücherbestellung „die Nase gestrichen voll“ hatte und sich deshalb persönlich bei der STABI-Verwaltung beschweren wollte. Auf dem Weg dorthin stieß sie zufällig auf eine unverschlossene Tür mit der Aufschrift „Magazin“. In den Räumen dahinter machte sie den erstaunlichen Fund und alarmierte sofort die Polizei.

Ungeklärt ist nach wie vor, wohin die Gelder, die eigentlich für die Beschaffung der Bücher bestimmt waren, geflossen sind, und wie dieser Betrug so lange geheim gehalten werden konnte. Die Polizei vermutet, dass hohe Schmiergelder an Aufsichtsbeamte und Bibliotheksangestellte geflossen sind.

Der Verleihbetrieb wurde bis zur endgültigen Klärung des Falles geschlossen. Der Lesesaal kann aber weiterhin genutzt werden. In der nächsten Woche will die Bildungsbehörde darüber entscheiden, ob die Magazine mit neuen Büchern aufgefüllt oder die STABI offiziell in eine Präsenzbibliothek umgewandelt wird.

 
Print Friendly

„Eins, zwei, drei! Im Sauseschritt
Läuft die Zeit; wir laufen mit“
(Wilhelm Busch)

Zeitbewußt wie ich nun mal bin, wollte ich mir eigentlich nur die geistigen Ergüsse der humanistischen Redner in Form von geschliffenen Vorträgen anläßlich der diesjährigen Abiturfeier anhören. Doch da hatte ich die Rechnung ohne die Buffet-Organisator gemacht: „Hey, du“! „Ich?!“ „Ja, genau du!“ Und ehe ich mich versehe werde ich dazu verdonnert, Tische für das Buffet herbeizutragen, damit die Abiturienten für den Sprung ins nackte Leben besser gerüstet sind.

Während ich nun dementsprechend motiviert mit einem auf ähnliche Weise rekrutierten Zeitgenossen den ersten Tisch an der Festhalle vorbeischleppe, vernehme ich wie der Redner auf geschickte und rhetorisch perfekte Weise direkt und ohne große Umschweife auf die Probleme und Nöte unserer Tage zu sprechen kommt: „Vor 2500 Jahren, als die Römer….“ Ich hatte also wahrlich genug Zeit, die lukullische Mahlzeit anzurichten. Wenige Tische später werde ich Ohrenzeuge, wie der Redner über sich hinaus wächst und das gespannte Publikum in einem historischen Wahnsinnsakt in die Zeit der Germanenkämpfe zurückversetzt. „Auf in den Kampf!“, rufe ich euphorisch, „alle Tische an die Buffetfront!“

Während der Redner mit verblüffender Selbstverständlichkeit auf scheinbar übermenschliche Weise zwei Jahrhunderte überspringt, gelingt es mir nur unter Aufwendung all meiner sterblichen Kräfte, einem plötzlich herannahenden Tisch mit einem Riesensatz auszuweichen.

Gnadenlos wird der Eilgang durch die Jahrhunderte beschleunigt, während ich wie von der Tarantel gestochen (siehe 1345 v. Chr.) zu einer Tür renne, die gerade mit einem gewaltigen Knall zuzuschlagen droht. „Nur keinen Lärm machen“, beschwört mich der Mitschüler von der anderen Seite des Tisches, „das könnte unseren Historiker um Jahre zurückwerfen!“ Wie wahr! Und da ich die Zeitgeschichte nicht durcheinanderbringen will, entschließe ich mich, auf leisen Sohlen durch den Korridor der Geschichte schreiten, vorbei an historischen Schlachtfeldern, ritterlichen Burgen, königlichen Schlössern und verbeulten Cola-Dosen. Ich begegne Griechen, Hebräern, Römern, Hunnen, Finnen, Spinnen, Germanen, Germanisten, Ehemaligen und anderen bereits Totgeglaubten.

Doch die Zeit drängt: „Nur noch 200 Jahre!“, ruft mir die aufpeitschende Masse zu. Die Lage wird immer dramatischer. Der Countdown läuft. Mit der „Welle“ im Nacken laufe ich zur letzten Höchstform auf. Noch 150 Jahre, noch 100, noch 50, 25, 10, 9, 8…. . Ein tosender Applaus kündigt das Ende der Geschichte bzw. des Vortrages an. „Puh! Gerade noch rechtzeitig geschafft.“ Mir fällt nicht nur ein Stein der Erleichterung sondern meinem Mithelfer auch ein Tisch des Schmerzes auf den Fuß. Egal, Hauptsache pünktlich! Doch ich kann mir nicht helfen. Ich werde das ungute Gefühl nicht los, daß ich um Jahrhunderte zu spät gekommen bin.

 
Print Friendly

„Bist du denn auch schon 18?“ Verschreckt zucke ich zusammen. Verdammt, ich hatte doch so unauffällig wie nur irgendwie möglich versucht, unbemerkt am Spielothek- Tresen zu schleichen. Doch nach einer kurzen Weile der Blutdrucknormalisierung bin ich in der Lage, der Sittenwächterin selbstbewußt und couragiert zu antworten: „Äh, ja…ich habe..äh, das ist so….Natürlich bin ich 18!“

Irgend etwas muß ich falsch gemacht haben, denn ich vernehme prompt die barsche Aufforderung „Deinen Ausweis, bitte!“ Natürlich bin ich noch keine 18 und ehe ich mich versehe, kann ich die neuzeitliche Spielhölle nur noch von außen bewundern. Ich schwöre mir, mich eines Tages zu rächen.

„Du bist ja wirklich schon 18!“

Endlich ist der große Augenblick da: Nachdem ich die inquisatorische Frage vernommen habe, schnippe ich lässig und mit einem eiskalten Gesichtsausdruck, wie es Sylvester Stallone mit seiner Gesichtslähmung nicht besser hätte machen können, meinen maschinenlesbaren Personalausweis knapp an der Kaffeetasse vorbei auf die Theke. Der Karte kann man – vorausgesetzt man ist im stolzen Besitz eines des öfteren den Gefrierpunkt überschreitenden IQs – entnehmen, daß ich tags zuvor das 18. Lebensjahr vollendet habe, also sozusagen oder auch volljährig bin. „Stimmt“, kommt es trocken von der anderen Seite der Theke, „du bist wirklich schon 18. Aber noch nicht lange!“

Na und? Mit einer volljährig anmutenden Gelassenheit nehme ich souverän meine Karte zurück, wobei ich meine überschäumende Freude nur mit Mühe verbergen kann. Endlich bin ich ins heilige Spielerparadies vorgedrungen!
Doch schlagartig werde ich auf den Spielo-Boden der Tatsachen zurückgeholt, denn neben mir verlangt plötzlich eine Schülerin, die gerade mal über die Theke gucken kann und von der ich genau weiß, daß sie erst seit kurzem 16 ist und somit gerade mal in der Öffentlichkeit rauchen darf, mit einer erschreckenden Selbstverständlichkeit „Eine Tasse Kaffee, bitte“ ruft.

Fassungslos starre ich auf meine Identitätskarte, die auf einmal für mich nicht mehr wert ist, als einer der Erdnußflips, die sich der junge Hüpfer aus dem Korb an der Theke nimmt und gen Spielautomat hoppelt. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie komme ich mir ziemlich verarscht vor!

Der Spielo-Schock war kein Einzelfall

Wie war das doch gleich? Mit 18 wird alles anders? Mit 18 fängt das Leben erst richtig an? Mit 18 ist man erst ein richtiger Mensch? Ich komme so langsam aber sicher ins Grübeln, denn der Spielo-Schock stellt leider keinen Einzelfall dar:

Mit 18 – so heißt es im Schulgesetzbuch, darf man in der Schule seine Entschuldigungen selbst schreiben. Doch wenn man bedenkt, daß sich heutzutage schon Neunklässlerinnen ihre Entschuldigungen selbst ausstellen und die eigenen Entschuldigungen sowieso keiner glaubt, auch wenn man mal nicht Übelkeit oder Schnupfen als Grund fürs Fehlen angibt, wird die voreilige Euphorie doch arg gebremst.

Mit 18 – so heißt es im Jugendschutzgesetz, darf man sich nach 24 Uhr in Diskotheken aufhalten, wo man sich aber in Wirklichkeit sowieso vor Mitternacht gar nicht hinwagt, da man Angst hat, auf die Köpfe der in Schulausflugstärke versammelten Unterstufler zu treten, die auch nach der vorgeschriebenen Zeit nicht im geringsten daran denken, zu Mami und Papi nach Hause zu fahren.

Mit 18 darf man seinen Führerschein machen – oder es wenigstens versuchen. Juhu, endlich Autofahren! Nie wieder im Regen nachts mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren! Denkste! Nachdem die Ersparnisse, die bis zur Grundschulzeit zurückreichen, aufgebraucht sind, und die einst so kleine und unscheinbare Fahrschule dank der freundlichen Unterstützung des Fahrschülers zu einem konkurrenzfähigen Großunternehmen aufgestiegen ist, und man schließlich freudestrahlend mit dem rosa Lappen nach Hause komme, winkt der leibliche Vater nur verächtlich ab: Natürlich sei man alt genug, nur das Auto halt leider noch nicht.

Mit 18 wird man in Kinovorstellungen ab 18 gelassen, um dort inmitten von popcornessenden Teenagern die Filme zu sehen, die man bereits mit 10 auf Papas Videorecorder geguckt hat, als Mami und Papi auf Ibiza waren.

Außerdem ist es volljährigen Bürgern erlaubt, Sex-Shops zu besuchen, um dort die lederne Peitsche zu kaufen, die sich die 12jährige Schwester schon immer gewünscht hat. Und wer glaubt, mit 18 bereits alles erreicht zu haben, täuscht sich ebenfalls ganz gewaltig: Erst mit 25 darf man seinen Ödipus-Komplex überwinden und seine Mutter adoptieren und mit 40 wird man erst zur Kandidatur zum Bundespräsidenten zugelassen. Roman Herzog kann also auch weiterhin ruhig schlafen.

Was bleibt ist neben meinem Personalausweis lediglich die alte Weisheit, mal wieder ein Jahr älter geworden zu sein.

 
Print Friendly

Wir haben Kabelfernsehen! Kabelfernsehen haben wir! Meine Familie hat jetzt… . Ich kann es noch gar nicht fassen. Nachdem bei uns in der Straße fließend Wasser eingeführt und unsere Schwarz-Weiß-Ampel durch eine Farbige ersetzt worden war, machte der Fortschritt auch in unseren vier Wänden nicht halt: Wir wurden ans Kabelnetz angeschlossen! 17 Jahre der Isolation sind nun passé. Kein Freund kann nun mehr ankommen und spöttisch fragen: „Na, hast du gestern auch auf SAT.1 den tollen Spielfilm gesehen?“ Totenstille. „Oh, ich vergaß, ihr habt ja gar kein Kabel!“ Ich konnte zwar stets verkünden, stolzer Besitzer sowohl eines Kabels als auch eines Fernsehers zu sein, doch mit Kabelfernsehen konnte ich leider nicht dienen.

Das ist alles jetzt vorbei! Vorbei sind auch die Zeiten, wo ich aus Angst vor Alltagsgefahren wie Autos und Verbrechern aller Gewichtsklassen mich kaum traute, das traute Heim zu verlassen. Wozu sich jetzt noch in die unheilvolle Welt begeben? Ich kann mir die Welt doch jetzt auf 30 Kanälen direkt ins Wohnzimmer holen. Eine tägliche Weltreise per Knopfdruck – und wenn mir etwas nicht gefällt, mache ich einfach „Klick“.

Dieses so harmlose aus der Wand schauende Kabel bescherte uns so einige Lebensveränderungen. So fragte meine Schwester am Tag der Befreiung bestürzt, warum wir unseren Fernseher nicht eingeschaltet hätten. „Schließlich haben wir doch jetzt Kabelfernsehen!“ Beschämt legten wir unser gleich nach unserem Zweitauto und unserer Zweitwohnung angeschafftes Zweitbuch zur Seite und starteten das Sendersuchlaufspiel. Dabei ist dem Vater als Familienoberhaupt die Position des Programmrichters beschieden. Der Häufigkeit und Stärke, der ihm an den Kopf geschleuderten Gegenstände kann er dann entnehmen, wann es angebracht ist, das ständige Umschalten für wenige Sekunden zu unterbrechen, um die Sendung einer Qualitätskontrolle zu unterziehen. Nach objektiven Gesichtspunkten wie „Das Gesicht gefällt mir nicht“ entscheidet das Gremium, ob die Sendung würdig genug ist, um gesehen zu werden.

Bange Minuten bis zur Wiederholung

Die Zeit des Nicht-Umschaltens darf aber niemals die Fünf-Minuten-Marke überschreiten, da man sonst ständig das ungute Gefühl hat, auf anderen Kanälen etwas Gutes zu verpassen. So kommt es, daß wir keine Sendung mehr von Anfang bis Ende sehen, und wenn wir mal kurz umschalten, weil in der augenblicklichen Szene weder eine Vergewaltigung noch eine Verfolgungsjagd gezeigt wird, müssen wir später entsetzt feststellen, daß wir die Schlüsselszene verpaßt haben. Das bedeutet, bittere acht Stunden bis zur Wiederholung zu warten, um das Verpaßte nachzuholen.

Als nach dem 25. Schnelldurchlauf immer noch keine Übereinkunft über die Programmwahl erzielt werden konnte, begann ich zaghaft zu mutmaßen, daß unser Fernseher wohl eine direkte Verbindung zum Klo habe, da wir wahrlich nur Sch… sahen. Doch mein Vater wies mich barsch zurecht. „Wenn etwas auserwählt wird, um im Fernsehen gesendet zu werden, dann muß es einfach gut sein!“ Das leuchtete mir ein, und da eh gerade nur Werbung gesendet wurde, bahnte ich mir meinen Weg durch die Erdnußschalen und Chipstüten der letzten drei Wochen, um in der Küche einen kleinen Imbiß zu mir zu nehmen.

Dieses fällt mir ehrlich gesagt von Tag zu Tag schwerer. Als Anhänger der Wegenerschen Kontinentalverschiebungstheorie warte ich bereits seit Wochen vergeblich darauf, daß unser Kühlschrank an meinem Fernsehsessel vorbeikommt.

Erste Nebenwirkungen

Nach einigen Wochen, in denen wir mehrmals den Weltrekord im Dauerfernsehen einstellten, machten sich die ersten Nebenwirkungen, die keiner Gebrauchsanweisung zu entnehmen sind, bemerkbar: Früher klagte mein Daddy noch über einen schmerzhaften Tennisarm, doch jetzt hat er ganz andere Probleme, denn er mußte bestürzt feststellen, daß die Fingerkuppe seines rechten Zeigefinders fast gänzlich durch den Gebrauch der Fernbedienung abgerieben war und sein Fingergelenk plötzlich stark schmerzte. Eine neue Krankheit war geboren: Der Kabelfinger.

Noch stolz darüber, daß er so in die Medizingeschichte eingehen würde, plante er bereits das Programm für den folgenden Tag: „Tom und Jerry“ um 7.30 Uhr, dann Nachrichten um 8 Uhr und so weiter. Dann der große Schock: So lange er auch in unseren zehn Programmzeitschriften auch suchte, er konnte zwischen 12 Uhr und 12.30 Uhr keine Sendung finden, die er nicht schon mindestens zehnmal gesehen hatte! Eine Welt brach für ihn zusammen! Wir alle hoffen, daß er sich recht bald von diesem Schock erholt, damit er im nächsten Monat wieder Flüssignahrung zu sich nehmen kann.

Auch ich blieb von den Nebenwirkungen nicht verschont: Eines Morgens, als ich nicht zur Schule gehen konnte, da meine Augen zu sehr flackerten, versuchte ich vergeblich, unsere graue Katze farbig zu stellen und meine Mutter, die gerade nervig wurde, auszuschalten. Glücklicherweise gelang es mir schnell festzustellen, woran es lag. Es konnte ja auch gar nicht klappen, denn ich hatte die Fernbedienung mit einem Taschenrechner verwechselt, während mein Bruder in der Schule vergeblich versuchte, mit unserer Fernbedienung die Wurzel aus fünf zu ziehen.

© 2012 Medienkracher.de Suffusion theme by Sayontan Sinha