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Der MDR hat den TW-Redakteur Bert Rösch zum Thema Retouren im Modehandel befragt. Den Beitrag können Sie sich hier anhören. In der ARD-Mediathek ist er nicht mehr abrufbar, weil die Beiträge nur eine Woche lang bereitgestellt werden dürfen.

 

 
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bert2016klein2Aufgewachsen bin ich in Bremen, aber geboren bin ich als Witze-Erzähler. Eine Kollegin sagte mal, dass 40 Prozent meines Gehirns für Witze reserviert wären. Das ist natürlich glatt gelogen. Es sind mindestens 60 Prozent!

Und das Schöne ist: Ich kann die Witze und Sprüche tagtäglich testen, da ich ständig neue Kollegen bekomme. Am besten sind Praktikanten. Zum einen, weil sie die Witze garantiert noch nicht von mir gehört haben. Zum anderen, weil sie in der Regel noch nicht geboren waren, als meine Witze erfunden wurden. Überhaupt besteht der große Vorteil meiner Witze darin, dass sie nicht alt werden können. Weil sie schon alt sind! Haha!

Vermutlich wurde mir der Schalk in die Wiege gelegt, als meine Eltern entschieden, mich Bert zu nennen. Da musste ich zwangsweise ein großes Maß an Selbstironie entwickeln! Ich muss meine Eltern aber in Schutz nehmen. Sie wussten nicht, was sie taten. Denn als ich auf die Welt kam, gab es die Sesamstraße noch nicht in Deutschland. Sie feierte erst drei Jahre später, 1973, ihre Deutschlandpremiere. Das heißt: Ich war zuerst da! Meine Eltern dachten beim Namen Bert noch an Bert Brecht und nicht an Bert aus der Sesamstraße.

Naja, so wirklich gelitten habe ich unter dem Namen – ehrlich gesagt – nur während der Kindergarten- und der Bundeswehr-Zeit. Davor, dazwischen und danach sind meine Mitmenschen mit meinem Namen mehr oder weniger reif umgegangen. Trotzdem bekomme ich die Frage: „Wo hast Du Ernie gelassen?“ einfach nicht aus meinem Kopf.

Inzwischen gehe ich offensiv mit der Ungnade meiner Geburt um: Immer wenn Freunde oder Verwandte Nachwuchs bekommen, erhält dieser Ernie- und Bert-Puppen geschenkt. So lernen sie sehr früh meinen Namen und freuen sich immer unbändig, wenn sie mich – nach der Beförderung zum Kleinkind (ab einem Jahr) und dem Erlangen des Sprachvermögens – das erste Mal sehen. „Du bist Bert?!“, fragen sie stets ungläubig. Einmal rief ich eine Freundin an. Ihr Freund war am Telefon und rief laut: „Uta! Bert ist am Telefon!“ Ihr Sohn konnte es gar nicht fassen. „Was? Bert ist am Telefon?“ Und wollte mich natürlich unbedingt sprechen. Und ein Kollege erntete großes Erstaunen, als er seinem Sohn erzählte, dass er am nächsten Tag mit Bert nach Düsseldorf fahren würde. Natürlich wurde der Spross für seine Begeisterung mit einem Stoff-Bert belohnt.

2016-08-04-17-59-56Ein weiteres Kuriosum meines Lebens ist, dass ich – obwohl ich Geschichte und Politik studiert habe – als Moderedakteur arbeite. Ich tröste mich damit, dass bestimmt gerade vor dem Weißen Haus ein Reporter steht, der eigentlich unbedingt Modejournalist werden wollte. Schließlich muss das Universum immer ausgeglichen sein.

Zudem ist das Leben in der Modewelt für jemanden wie mich stets ein reicher Fundus an Kuriositäten: Als mein Wechsel von der Marketingfachzeitung HORIZONT zum B-to-B-Titel TextilWirtschaft feststand, luden mich drei künftige Kolleginnen zum Essen ein. Von dem Erlebnis erzählte ich sofort stolz einer Horizont-Kollegin. Doch anstatt etwas zu sagen wie „Super! Erzähl doch mal! Sind die nett?“ erntete ich ungläubiges Staunen: „Was?! Die haben was gegessen?! Ich dachte immer, die drücken sich nur an der Salatbar ‚rum.“

Und als ich nach dem Wechsel einer neuen Kollegin erzählte, dass ich gerade eine Diät mache, klagte sie leicht genervt: „Ach, irgendwie macht hier jeder immer mehr oder weniger eine Diät.“ Ich selbst mache übrigens gleich zwei Diäten. Schließlich wird man von einer allein nicht satt. Und mein Lieblingssport zum Abnehmen ist Gewichtheben. Immer, wenn ich aufstehe …

To be continued

Alle Rechte dieser Story sind natürlich vorbehalten – einschließlich Übersetzung und Verfilmung.

 
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Nach Julien Assange, Edward Snowden und dem International Consortium of Investigative Journalism (Luxembourg Leaks) ist jetzt auch der TextilWirtschaft ein Daten-Scoop gelungen: Der Redaktion wurde eine CD mit brisanten Inhalten zugespielt – den Buch-Neuerscheinungen des Jahres 2015. Die Highlights daraus veröffentlicht die TW vorab und exklusiv. Sehr exklusiv!

Belletristik
Nicolas Berggruen: Ich bin dann mal weg. Aus dem Deutsch-Amerikanischen von Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. Schnäppchenverlag, Essen. Preis: 1 Euro.

Albert Eickhoff: Adieu auf der Kö – wie ich mit Prada, Gucci und Dior die Geduld verlor. Ein lyrischer Abgesang auf das hohe Genre. Früher-hätt’s-das-nich-gegeben-Verlag, Lippstadt.

Steve Jobs: 1000 ganz legale Steuertricks. Mit einem Vorwort von Jean-Claude Juncker. Bayern-Hoeneß-Verlag, Luxemburg. Wegen akuter Leak-Gefahr nicht als E-Book erhältlich.

Thomas Middelhoff: Der 60-Jährige, der aus dem Fenster stieg und mit dem Taxi verschwand. Aus dem Ostwestfälischen von U.E. Behr-Setzer. Abbau Verlag, Bielefeld/Saint-Tropez. Preis: 39,99 Euro.

Dr. Gerd Müller: Alles Müller oder wir basteln uns ein Texilsiegel. Inklusive Strickanleitung und einem Knäuel grüner Wolle. Einsturz-Verlag Dhaka/Berlin. Preis: Verhandlungssache.

David Schneider/Robert Gentz/Rubin Ritter: Liebling, ich habe die Kinder skaliert. Eine Anleitung, etwas ganz Großes zu schaffen. Pure Play Medien Umspannwerk Prenzelberg. Nur als E-Book erhältlich. Preis: 29,90 Euro.

Gerhard Weber: Niemals geht man so ganz. Mein Leben. CenterCourt-Verlag, Halle/Westfalen.

Ratgeber
Anonymus: Ich war eine PET-Flasche. Leitfaden für die Fertigung täuschend echt aussehender Kunstfell-Bommel. Beim Kauf von zwei Büchern gibt es einen Shitstorm gratis. Acht-Füßler-Verlag, Buxtehude. Preis: 14,50 Euro.

B. Hersfeld: Wir streiken! Wie man den Weltkonzern Amazon lahmlegt. Werdi-Verlag, Berlin, 8,49 Euro

Karl-Heinz Müller: Die schönsten Messe-Standorte der Welt. Brot und Butter-Verlag, Berlin/Barcelona/Seoul, 2500 Seiten. Inklusive ausklappbarer Weltkarte.

Oliver Samwer: 100 markets you have to enter before you die. Auflage: 33 Millionen. Bulle_Bär-Verlag, Frankfurt. Ausgabepreis: 42,50 Euro.

Eva Lotta Sjöstedt: Zehn Fragen, die Du Dir vor dem Jobwechsel stellen solltest. Billy-Verlag Stockholm. Preis: 19,99 Euro, jetzt nur 7,99 Euro.

O. O. Stock: Daunenjacken im Juni. Oder: Was der Kunde wirklich will. Loseblattsammlung, Grotesk-Verlag, Frankfurt, 17,99 Euro.

Enthüllt von Bert Rösch, Mitarbeit AH, SL, UB

Entnommen aus: TextilWirtschaft 52 vom 25.12.2014, Seite 50

 
 
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Der etwas andere Jahresausblick von Bert Rösch in der TextilWirtschaft 52/2012

Bei der Recherche zum Virtual Dressing probierte die TextilWirtschaft-Redaktion im Januar einen Körper-Scanner. Aufgrund eines Blitzeinschlags in das Gerät wurde eine Schülerpraktikantin 30 Jahre in die Zukunft transportiert. Sie brauchte ein Jahr, um in die Gegenwart zurückzukehren. In der Zeit hat sie natürlich fleißig alles notiert, was im Jahre 2032 in der Modebranche passiert ist. Eine Auswahl:

18. Januar 2032
Karl-Heinz Müller eröffnet in den Abfertigungshallen des stillgelegten Hauptstadt-Flughafens Willy Brandschutz die erste von sechs Bread & Butter-Messen des Jahres. Die Eröffnungsrede hält Wirtschaftsminister RöslerBot, der erste Politik-Androide Deutschlands, benannt nach dem ehemaligen Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler, der Anfang der Zehnerjahre von der Opposition gerne als „Sprachroboter“ verspottet wurde.

 20. Januar
Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin löst turnusgemäß Dmitri Medwedew als Präsident ab. Bei der Inauguration trägt er einen Anzug des Labels Gazprom by Gucci.

5. Februar
In der texanischen Wüste öffnet das bislang größte Einkaufszentrum der Welt seine Pforten. Ankermieter aus dem Modebereich sind Ebay Fashion und Google Streetwear. Der Gebäudekomplex hat eine Verkaufsfläche von zwei Million Quadratmetern. Das entspricht 300 Fußballfeldern. Damit ist das Großprojekt – neben Fifa-Präsident Rainer Calmund – das einzige von Menschenhand geschaffene Werk, das vom Weltraum aus zu sehen ist. In der nächsten Baustufe soll ein internationaler Flughafen in die Mall integriert werden. Die Stromversorgung wird über einen eigenen Kernfusionsreaktor gewährleistet.

28. Februar
Der Modefilialist C & A stellt am Düsseldorfer Nordseestrand seine aktuelle Bademode-Kollektion vor.

29. März
Harald Glööckler präsentiert auf Deutschlands größtem Teleshopping-Kanal, dem ZDF, seine Couture-Kollektion für die Saison Frühjahr/Herbst.

20. April
Der schwedische Filialist H & M eröffnet in Pjöngjang seinen ersten nordkoreanischen Store. Die Gesamtzahl aller Filialen erhöht sich dadurch auf 22.000.

2. Mai
Rocket Internet-Chef Oliver Samwer startet in der Antarktis den zweihundertsten Ableger seines Online-Modeshops Zalando. Name: Icelando. Gleichzeitig vermeldet die Zalando-Holding in Berlin einen Rekordumsatz von 120 Milliarden an den chinesischen Yuan gekoppelte Nord-Euro (Neuro). Über das Ergebnis werden keine Angaben gemacht. Experten schätzen den Verlust auf mindestens 50 Milliarden Neuro. Dem Vernehmen nach ist nur die Konzerntochter Otto Group profitabel. Samwer muss sich trotzdem keine Sorgen machen. Schließlich hat er mit dem internationalen Konzern GaszpromEssoShell einen weiteren Großinvestor gewonnen.

28. Mai
Amazon erwirbt für 10 Billionen US-Yuan alle Markenrechte der USA, die künftig unter dem Namen United States of Amazon firmieren. Die regierende Militär-Junta unter Generalin Jenna Bush kann somit die Staatsverschuldung auf 300 Prozent des Bruttosozialprodukts senken. Daraufhin gibt Weltbank-Präsident Huang das lang versprochene Hilfspaket in Höhe von 400 Milliarden US-Yuan frei.

15. Juni
Die spanische Modemarke Desigual eröffnet in der Kathedrale Sagrada Familia Antoni Gaudi in Barcelona seinen bislang größten Flagship-Store.

2. August
Der Sportartikelkonzern NikeAdidasPuma (NAP) wird offizieller Ausrüster der Olympischen Winterspiele 2036 in Katar. Unterdessen weist IOC-Präsident Sepp Blatter Korruptionsvorwürfe strikt zurück. Katar habe sich aufgrund der eindeutig besseren Bewerbung gegen die bayerische Hauptstadt München durchgesetzt, die trotz des engagierten Einsatzes von Florinda Bogner zum fünften Mal mit ihrer Bewerbung gescheitert ist.

4. Oktober
Bundeskanzler Prof. h.c. (Hewlett-Packard Canon) Karl-Theodor usw. zu Guttenberg wird zum bestangezogenen Regierungschef der Welt gekürt. An der Umfrage der Electronic Ink-Zeitung Textile Business International nahmen weltweit drei Millionen Leser teil. Zara-Chef Santiago Fernandez kritisiert die Entscheidung, weil der Bundesvorsitzende der Piraten-Partei nur kopierte Zara-Anzüge trage.

20. November
Der Shopping-Center-Betreiber CentrO Management weiht pünktlich zum Weihnachtsgeschäft den voraussichtlich letzten Erweiterungsbau von Deutschlands größtem Einkaufszentrum CentrO ein. Damit ist die Integration von Oberhausen in das Shopping-Center abgeschlossen.

11. Dezember
Der Textil-Discounter-Konzern PrimarkTakkoKik wird offizieller Ausrüster des Orchesters der Hamburger Elbphilharmonie. Wann die Abendgarderobe erstmals öffentlich zu sehen ist, steht noch nicht fest. Die Eröffnung der Elbphilharmonie wurde auf den 8. Oktober 2033 verschoben. Experten bezweifeln aber, dass der Termin eingehalten wird.

Den kompletten Artikel finden Sie in der TextilWirtschaft 52/2012 oder auf der iPad App der TW

 
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„Wo sind bloß die Euros hin? Wo sind sie geblieben?“, frage ich mich jedes Mal, wenn ich neue Hiobsbotschaften aus Griechenland höre oder lese. Die Zeitschrift „Wired“ hat eine Antwort parat: Die finanziell sonst so siechen Griechen stecken einen Großteil Ihres Einkommens in Schönheitsoperationen. Wie das Magazin für den aufgeklärten Nerd ermittelte, liegen die Hellenen in acht von 14 Schönheits-OP-Disziplinen vorn: Ohrenkorrektur, Facelift, Augenlid-Korrektur, Bruststraffung, Oberarmstraffung und Vaginalverjüngung. Das gleiche gilt für die unrühmlichste Verbesserung des äußeren Erscheinungsbilds: die Penisvergrößerung. Wir Deutschen sollten uns aber nicht zu früh freuen: Schließlich rangieren wir in dieser Kategorie auf dem fünften Platz. Platz zwei erfüllt dagegen alle Klischees: Dort liegen – oder besser gesagt – stehen die Italiener.

Auch Platz zwei im Gesamt-Ranking überrascht nicht wirklich: Dort finden sich die Brasilianer und Brasilianerinnen wieder, die für ihren Körperkult berühmt sind. Sie geben – in Relation zur Gesamtbevölkerung – am meisten für Kinnvergrößerung, Fettabsaugen und Gesäßvergrößerung (!) aus. Dazu kommen fünf zweite Plätze im Facelifting, der Brustvergrößerung, der Oberarmstraffung, der Vaginalverjüngung und der Oberschenkelstraffung.

Auf zwei Spitzenplätze kommen die Südkoreaner, und zwar bei  Laser-Haar-Entferngungen und bei den Nasenkorrekturen, wo die meisten eigentlich die Griechen erwartet hätten. Sie tauchen hier erstaunlicherweise nicht in den Top Five auf. Offenbar haben sie sich mit ihren häufig überdimensionierten Gesichtserkern angefreundet.

Und was kostet der Spaß? Auch hierüber gibt „Wired“ bereitwillig Auskunft: Am teuersten sind Faceliftings mit 5526 Dollar. Es folgen Bauchstraffung mit 4150 sowie Brustvergrößerung (3450 Dollar), Nasenkorrektur (2609 Dollar) und Ohrenkorrekturen (2039 Dollar).

Quelle: Wired 02/12, Brey Graphic Arts

 
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Otto-Personalchefin Sandra Widmaier

Sandra Widmaier leitet schon seit sieben Jahren das Personalwesen der Otto Group. Doch so viel Aufmerksamkeit wie in der vergangenen Woche hat sie sicherlich noch nie erregt. Tagelang wurde sie in zahlreichen Zeitungen zitiert. Sie gehört zu den wenigen Personalern, die es auf die Titelseite der Bild-Zeitung geschafft haben.

Ihre Idee ist ebenso simpel wie genial: Die Verwaltungswissenschaftlerin holt bei personellen Engpässen pensionierte Versandhandelsmanager aus dem Ruhestand zurück und beschäftigt sie in der Neugründung Otto Group Senior Expert Consultancy. Die Heimkehrer sollen hauptsächlich als Berater eingesetzt werden, insbesondere in der IT.

Die Space Cowboys lassen grüßen

Widmaier ist damit ein PR-Coup erster Güte gelungen. Es ist also ihr Verdienst, dass die Otto Group in den kommenden Wochen und Monaten voraussichtlich weniger mit imageschädigenden Begriffen wie „Stellenabbau“ und „Universalversand in der Krise“ in Verbindung gebracht wird. Sondern vielmehr mit Kino- und TV-Klassikern wie „Space Cowboys“ und „Der große Bellheim“. In den Streifen werden Rentner reaktiviert, um in Zeiten der Not Heldenhaftes zu vollbringen. Die einen müssen die Erde vor einem abstürzenden Satellit, die anderen einen Warenhauskonzern vor dem Ruin retten.

Dass es Widmaiers alten Distanzhandels-Haudegen gelingt, den kriselnden Handelskonzern endgültig in das von Twentysomething-Managern geprägte E-Commerce-Zeitalter zu führen, ist zwar relativ unwahrscheinlich. Doch das macht auch nichts. Dafür ist die Story einfach zu gut. So gut, dass es nur wenigen Lesern noch gelingen dürfte, das Bild von den opferbereiten Otto-Oldies wieder aus dem Kopf zu bekommen. Auch dann, wenn die Otto Group im Herbst ihr Sanierungskonzept vorstellt, das aller Voraussicht nach Stellenkürzungen vorsieht.

 
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Im Taxi nachts durch Frankfurt. Foto: Axel Duerheimer/Pixelio.de

Frankfurt, 23 Uhr. Es hat sich leider mal wieder jemand vor die S-Bahn geworfen. Nichts geht mehr an der Station Hauptwache. Ich nehme kurzerhand ein Taxi und krame sofort mein iPhone heraus, um meine E-Mails zu checken. Sofort poppt ein Fenster mit den verfügbaren WLAN-Hotspots auf. Doch statt „Netgear“, „Alice“, „Telekom“ oder „Stefan online“ lese ich mit großem Erstaunen den WLAN-Namen „Polizei“! „Polizei?“, frage ich mich laut. „Wo ist denn hier eine Polizeistation?“ Ich sehe mich um und erkenne keine Polizeiwache. Der Taxifahrer hört mich und lacht laut. „Ne, ne, das ist nicht die Polizei. Das ist das WLAN meines Taxis. Damit sich keiner einhackt, habe ich es einfach Polizei genannt.“ „Nicht schlecht“, denke ich anerkennend. Denn wer ist schon so blöd, sich illegal bei der Polizei einzuloggen, nur um etwas schneller im Internet zu surfen!

Während ich die irritierende WLAN-Erkennung ausschalte, legt der Taxifahrer nach: „Neulich hatte ich eine Frau im Taxi, und die war genauso erstaunt über den WLAN-Namen wie Sie. Und hat sich noch mehr gewundert, als sie merkte, dass der Name während der gesamten Fahrt auf dem Handy zu lesen war.“ „Vermutlich hat sie gedacht, sie wird von der Polizei verfolgt“, füge ich an.

„Hoffentlich war sie keine ausländische Touristin. Denn dann wären all die Bemühungen, das deutsche Image nach dem Krieg wieder aufzupolieren, vergebens gewesen. Zumindest bei dieser Frau und ihren Freunden und Bekannten, denen sich nach ihrer Rückkehr vom vermeintlichen Polizeistaat Deutschland erzählt. In dem die Polizei offenbar überall ist. Auch im Taxi.

 

 
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Infos per Fingerzeig: Auch die Weinheimer Online Software AG hat ein Tool zur Gestensteuerung im Handel entwickelt. Dieses kam aber bislang nicht über die Testphase hinaus.

Wir erinnern uns: Als wir noch nicht fähig oder willens waren, unsere Wünsche in Worten auszudrücken, bedienten wir uns der beliebten Fingerzeigmethode. Wir deuteten mit dem rechten Zeigefinger auf das Objekt der Begierde und stießen dabei Laute aus wie „Da da“ oder aber ein lang gezogenes „Ääääääääääääääääääääääh!“ Fortgeschrittene unter uns unterstrichen ihre Forderung mit einem lauten „Will haben!“, das den Eltern in der Regel wenig Entscheidungsspielraum bot. Jedenfalls dann, wenn sie ihre Zöglinge nicht vor den Blicken der andern Supermarktkunden öffentlich züchtigen wollten.

Erst im zarten Kindergartenalter waren wir in der Lage, in ähnlichen Situationen vollständige Bestellformeln auszusprechen, zum Beispiel „Ich hätte gerne 100 Gramm Mortadella“. Einen Kneifer oder Fußtritt der Erziehungsberechtigten später fügten wir noch rasch ein „Bitte, liebe Frau Fleischfachverkäuferin“ hinzu.

Neue Technik macht Höflichkeitsformeln obsolet

Das alles gehört der Vergangenheit an. Nicht nur, weil die sorglosen Kindheitstage ohne Existenzängste, trübe Rentenaussichten und „Deutschland sucht den Superstar“ unwiederbringlich vorbei sind. Sondern auch, weil wir erkennen müssen, dass die mühsam erlernten Höflichkeitsformeln am Supermarkt-Tresen inzwischen obsolet sind. Jedenfalls dann, wenn man bei der Kaufhauskette Globus einkauft. Der Schweizer Konzern hat nämlich ein Verfahren entwickelt, das den Kunden die Wünsche im wahrsten Sinne des Wortes von den Fingern abliest. Es ähnelt der Techik, die bereits bei Spielekonsolen wie „Wii“ und „X-Box“ im Einsatz ist. Dort können die TV-Sportler beispielsweise virtuelle Fußbälle per Körperbewegung ins Tor schießen.

Das Globus-System hingegen erkennt mittels 3-D-Kamera, worauf der Kunde deutet und liefert ihm anschließend Informationen zum Produkt aus. Zu sehen auf einem Bildschirm oder dem Display der Ladenwaage, sodass die Verkäuferin sofort weiß, was der Kunde will. Ein „Darf es sonst noch etwas sein?“ und ein Köpfschütteln später befindet sich die gewünschte Ware im Einkaufswagen. Wirklich kinderleicht. Das hätte ich auch im Alter von zwei Jahren hinbekommen.
 
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Mal Hand aufs Herz: Würden Sie Ihr Kind Aldi nennen? Oder Rewe? Oder gar Karstadt, damit Ihr Sprössling in ein paar Jahren nicht auf dem Schulhof abgezockt wird? Denn wer so heißt, vermittelt nicht gerade den Eindruck, dass er Geld oder Güter besitzt.

Diesen Verteidigungseffekt kann der Name des großen Karstadt-Konkurrenten Galeria Kaufhof nicht bieten. Trotzdem entschieden sich vor zehn Jahren zwei Leipziger Elternpaare dazu, ihre jeweiligen Töchter auf den Namen „Galeria“ zu taufen. Anlass war die Eröffnung einer Galeria-Kaufhof-Filiale am Leipziger Neumarkt. „Eltern, deren Kinder ebenfalls am 20. September 2011 das Licht der Welt erblickten, konnten sich melden und erhielten eine Überraschung, heißt es in der aktuellen Ausgabe des Mitarbeitermagazins der Warenhauskette. „Dem Aufruf folgten 14 Eltern, von denen zwei ihre Kinder sogar auf den Zweitnamen Galeria tauften.“

Die Galeria Kaufhof sei jetzt Patin der beiden Mädchen. Außerdem wird für die Namensträgerinnen und alle anderen am 20. September 2001 geborenen Kinder jedes Jahr eine Geburtstagsfeier ausgerichtet. Über die Ausgestaltung der Patenschaft und Geburtstagsfeiern möchte sich Galeria Kaufhof mit Hinweis die Privatsphäre der Kinder nicht äußern.

Mit Galeria zur Galeria Kaufhof am Neumarkt - Leipzigs Standesämter machen es möglich

Wir erinnern uns: Als in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Elternpaar seinem Kind den Namen „Pumuckl“ geben wollte, reagierte das zuständige Standesamt so, wie es dessen Name vermuten lässt: Es weigerte sich standhaft. Pumuckls Vater (nein, nicht Meister Eder) musste erst vor Gericht ziehen, um seinen Willen durchzusetzen.

„Hast Du Karstadt gesehen?“

Den Namen seines Kindes zu vermarkten, ist dagegen offensichtlich erlaubt. Gut möglich, dass sich schon in ein paar Jahren auf deutschen Schulhöfen Gespräche wie dieses entwickeln: „Hast Du Karstadt gesehen? Ne, der ist gerade mit Lidl bei Aldi. Danach wollen sie noch zu Ikea.“ „Wer ist denn Ikea? Ist die neu auf der Schule?“ „Nein! Die gehen zum Einrichtungshaus Ikea! Wer das meistgedruckte Buch der Welt, den Ikea-Katalog, herausbringt, muss sich keine Vornamen sponsern. Außerdem benennen viele Ikea-Kunden ihre Kinder nach den Möbeln auf denen sie ihren Nachwuchs gezeugt haben. Das ist Werbung genug!“

Ein kleiner Trost für Frauke Galeria und Vivian Galeria: Es hätte auch schlimmer kommen können. Laut den Websites Rankoholics.de und Haus-der-Namen.de sind folgende Mädchennamen erstaunlicherweise zulässig: Bavaria, Momo, Pepsi-Carola, Rapunzel, Windsbraut, Blücherine, Gneisenauette und Katzbachine. Männliche Babys dürfen Namen tragen wie Leonardo da Vinci Franz, Rasputin, Samandu, Timpe, Winnetou, Napoleon, Solarfried und Waterloo.

Nicht erlaubt sind hingegen Borussia (Begründung: Assoziation zu Fußballvereinen), Che (Idolname), Jan-Marius-Severin (mehr als Bindestrich ist nicht zulässig), Moewe (Tiername mit negativen Assoziationen), Najvajo (indianische Stammesbezeichnung), Tom Tom (unzulässige Namensverdoppelung) und Woodstock (Orts- und Idolname). Das eng die Auswahl natürlich stark ein.

Ein Name sollte sich künftig von selbst verbieten: Kevin. Er wurde von Unterschichten-Familien in den vergangenen Jahrzehnten derart inflationär genutzt, dass man ihn heute automatisch mit einem Problemkind assoziiert. „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“, sagte der Fernseh-Privatdedektiv Wilsberg am Samstag in der gleichnamigen ZDF-Serie treffend.

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