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Otto-Personalchefin Sandra Widmaier

Sandra Widmaier leitet schon seit sieben Jahren das Personalwesen der Otto Group. Doch so viel Aufmerksamkeit wie in der vergangenen Woche hat sie sicherlich noch nie erregt. Tagelang wurde sie in zahlreichen Zeitungen zitiert. Sie gehört zu den wenigen Personalern, die es auf die Titelseite der Bild-Zeitung geschafft haben.

Ihre Idee ist ebenso simpel wie genial: Die Verwaltungswissenschaftlerin holt bei personellen Engpässen pensionierte Versandhandelsmanager aus dem Ruhestand zurück und beschäftigt sie in der Neugründung Otto Group Senior Expert Consultancy. Die Heimkehrer sollen hauptsächlich als Berater eingesetzt werden, insbesondere in der IT.

Die Space Cowboys lassen grüßen

Widmaier ist damit ein PR-Coup erster Güte gelungen. Es ist also ihr Verdienst, dass die Otto Group in den kommenden Wochen und Monaten voraussichtlich weniger mit imageschädigenden Begriffen wie „Stellenabbau“ und „Universalversand in der Krise“ in Verbindung gebracht wird. Sondern vielmehr mit Kino- und TV-Klassikern wie „Space Cowboys“ und „Der große Bellheim“. In den Streifen werden Rentner reaktiviert, um in Zeiten der Not Heldenhaftes zu vollbringen. Die einen müssen die Erde vor einem abstürzenden Satellit, die anderen einen Warenhauskonzern vor dem Ruin retten.

Dass es Widmaiers alten Distanzhandels-Haudegen gelingt, den kriselnden Handelskonzern endgültig in das von Twentysomething-Managern geprägte E-Commerce-Zeitalter zu führen, ist zwar relativ unwahrscheinlich. Doch das macht auch nichts. Dafür ist die Story einfach zu gut. So gut, dass es nur wenigen Lesern noch gelingen dürfte, das Bild von den opferbereiten Otto-Oldies wieder aus dem Kopf zu bekommen. Auch dann, wenn die Otto Group im Herbst ihr Sanierungskonzept vorstellt, das aller Voraussicht nach Stellenkürzungen vorsieht.

 
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Im Taxi nachts durch Frankfurt. Foto: Axel Duerheimer/Pixelio.de

Frankfurt, 23 Uhr. Es hat sich leider mal wieder jemand vor die S-Bahn geworfen. Nichts geht mehr an der Station Hauptwache. Ich nehme kurzerhand ein Taxi und krame sofort mein iPhone heraus, um meine E-Mails zu checken. Sofort poppt ein Fenster mit den verfügbaren WLAN-Hotspots auf. Doch statt „Netgear“, „Alice“, „Telekom“ oder „Stefan online“ lese ich mit großem Erstaunen den WLAN-Namen „Polizei“! „Polizei?“, frage ich mich laut. „Wo ist denn hier eine Polizeistation?“ Ich sehe mich um und erkenne keine Polizeiwache. Der Taxifahrer hört mich und lacht laut. „Ne, ne, das ist nicht die Polizei. Das ist das WLAN meines Taxis. Damit sich keiner einhackt, habe ich es einfach Polizei genannt.“ „Nicht schlecht“, denke ich anerkennend. Denn wer ist schon so blöd, sich illegal bei der Polizei einzuloggen, nur um etwas schneller im Internet zu surfen!

Während ich die irritierende WLAN-Erkennung ausschalte, legt der Taxifahrer nach: „Neulich hatte ich eine Frau im Taxi, und die war genauso erstaunt über den WLAN-Namen wie Sie. Und hat sich noch mehr gewundert, als sie merkte, dass der Name während der gesamten Fahrt auf dem Handy zu lesen war.“ „Vermutlich hat sie gedacht, sie wird von der Polizei verfolgt“, füge ich an.

„Hoffentlich war sie keine ausländische Touristin. Denn dann wären all die Bemühungen, das deutsche Image nach dem Krieg wieder aufzupolieren, vergebens gewesen. Zumindest bei dieser Frau und ihren Freunden und Bekannten, denen sich nach ihrer Rückkehr vom vermeintlichen Polizeistaat Deutschland erzählt. In dem die Polizei offenbar überall ist. Auch im Taxi.

 

 
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Infos per Fingerzeig: Auch die Weinheimer Online Software AG hat ein Tool zur Gestensteuerung im Handel entwickelt. Dieses kam aber bislang nicht über die Testphase hinaus.

Wir erinnern uns: Als wir noch nicht fähig oder willens waren, unsere Wünsche in Worten auszudrücken, bedienten wir uns der beliebten Fingerzeigmethode. Wir deuteten mit dem rechten Zeigefinger auf das Objekt der Begierde und stießen dabei Laute aus wie „Da da“ oder aber ein lang gezogenes „Ääääääääääääääääääääääh!“ Fortgeschrittene unter uns unterstrichen ihre Forderung mit einem lauten „Will haben!“, das den Eltern in der Regel wenig Entscheidungsspielraum bot. Jedenfalls dann, wenn sie ihre Zöglinge nicht vor den Blicken der andern Supermarktkunden öffentlich züchtigen wollten.

Erst im zarten Kindergartenalter waren wir in der Lage, in ähnlichen Situationen vollständige Bestellformeln auszusprechen, zum Beispiel „Ich hätte gerne 100 Gramm Mortadella“. Einen Kneifer oder Fußtritt der Erziehungsberechtigten später fügten wir noch rasch ein „Bitte, liebe Frau Fleischfachverkäuferin“ hinzu.

Neue Technik macht Höflichkeitsformeln obsolet

Das alles gehört der Vergangenheit an. Nicht nur, weil die sorglosen Kindheitstage ohne Existenzängste, trübe Rentenaussichten und „Deutschland sucht den Superstar“ unwiederbringlich vorbei sind. Sondern auch, weil wir erkennen müssen, dass die mühsam erlernten Höflichkeitsformeln am Supermarkt-Tresen inzwischen obsolet sind. Jedenfalls dann, wenn man bei der Kaufhauskette Globus einkauft. Der Schweizer Konzern hat nämlich ein Verfahren entwickelt, das den Kunden die Wünsche im wahrsten Sinne des Wortes von den Fingern abliest. Es ähnelt der Techik, die bereits bei Spielekonsolen wie „Wii“ und „X-Box“ im Einsatz ist. Dort können die TV-Sportler beispielsweise virtuelle Fußbälle per Körperbewegung ins Tor schießen.

Das Globus-System hingegen erkennt mittels 3-D-Kamera, worauf der Kunde deutet und liefert ihm anschließend Informationen zum Produkt aus. Zu sehen auf einem Bildschirm oder dem Display der Ladenwaage, sodass die Verkäuferin sofort weiß, was der Kunde will. Ein „Darf es sonst noch etwas sein?“ und ein Köpfschütteln später befindet sich die gewünschte Ware im Einkaufswagen. Wirklich kinderleicht. Das hätte ich auch im Alter von zwei Jahren hinbekommen.
 
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Mal Hand aufs Herz: Würden Sie Ihr Kind Aldi nennen? Oder Rewe? Oder gar Karstadt, damit Ihr Sprössling in ein paar Jahren nicht auf dem Schulhof abgezockt wird? Denn wer so heißt, vermittelt nicht gerade den Eindruck, dass er Geld oder Güter besitzt.

Diesen Verteidigungseffekt kann der Name des großen Karstadt-Konkurrenten Galeria Kaufhof nicht bieten. Trotzdem entschieden sich vor zehn Jahren zwei Leipziger Elternpaare dazu, ihre jeweiligen Töchter auf den Namen „Galeria“ zu taufen. Anlass war die Eröffnung einer Galeria-Kaufhof-Filiale am Leipziger Neumarkt. „Eltern, deren Kinder ebenfalls am 20. September 2011 das Licht der Welt erblickten, konnten sich melden und erhielten eine Überraschung, heißt es in der aktuellen Ausgabe des Mitarbeitermagazins der Warenhauskette. „Dem Aufruf folgten 14 Eltern, von denen zwei ihre Kinder sogar auf den Zweitnamen Galeria tauften.“

Die Galeria Kaufhof sei jetzt Patin der beiden Mädchen. Außerdem wird für die Namensträgerinnen und alle anderen am 20. September 2001 geborenen Kinder jedes Jahr eine Geburtstagsfeier ausgerichtet. Über die Ausgestaltung der Patenschaft und Geburtstagsfeiern möchte sich Galeria Kaufhof mit Hinweis die Privatsphäre der Kinder nicht äußern.

Mit Galeria zur Galeria Kaufhof am Neumarkt - Leipzigs Standesämter machen es möglich

Wir erinnern uns: Als in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Elternpaar seinem Kind den Namen „Pumuckl“ geben wollte, reagierte das zuständige Standesamt so, wie es dessen Name vermuten lässt: Es weigerte sich standhaft. Pumuckls Vater (nein, nicht Meister Eder) musste erst vor Gericht ziehen, um seinen Willen durchzusetzen.

„Hast Du Karstadt gesehen?“

Den Namen seines Kindes zu vermarkten, ist dagegen offensichtlich erlaubt. Gut möglich, dass sich schon in ein paar Jahren auf deutschen Schulhöfen Gespräche wie dieses entwickeln: „Hast Du Karstadt gesehen? Ne, der ist gerade mit Lidl bei Aldi. Danach wollen sie noch zu Ikea.“ „Wer ist denn Ikea? Ist die neu auf der Schule?“ „Nein! Die gehen zum Einrichtungshaus Ikea! Wer das meistgedruckte Buch der Welt, den Ikea-Katalog, herausbringt, muss sich keine Vornamen sponsern. Außerdem benennen viele Ikea-Kunden ihre Kinder nach den Möbeln auf denen sie ihren Nachwuchs gezeugt haben. Das ist Werbung genug!“

Ein kleiner Trost für Frauke Galeria und Vivian Galeria: Es hätte auch schlimmer kommen können. Laut den Websites Rankoholics.de und Haus-der-Namen.de sind folgende Mädchennamen erstaunlicherweise zulässig: Bavaria, Momo, Pepsi-Carola, Rapunzel, Windsbraut, Blücherine, Gneisenauette und Katzbachine. Männliche Babys dürfen Namen tragen wie Leonardo da Vinci Franz, Rasputin, Samandu, Timpe, Winnetou, Napoleon, Solarfried und Waterloo.

Nicht erlaubt sind hingegen Borussia (Begründung: Assoziation zu Fußballvereinen), Che (Idolname), Jan-Marius-Severin (mehr als Bindestrich ist nicht zulässig), Moewe (Tiername mit negativen Assoziationen), Najvajo (indianische Stammesbezeichnung), Tom Tom (unzulässige Namensverdoppelung) und Woodstock (Orts- und Idolname). Das eng die Auswahl natürlich stark ein.

Ein Name sollte sich künftig von selbst verbieten: Kevin. Er wurde von Unterschichten-Familien in den vergangenen Jahrzehnten derart inflationär genutzt, dass man ihn heute automatisch mit einem Problemkind assoziiert. „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“, sagte der Fernseh-Privatdedektiv Wilsberg am Samstag in der gleichnamigen ZDF-Serie treffend.

 
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Startseite von Vente-Privee.com

„Hey, Bert! How are the nephews of Donald Duck called in your country?” „Tick, Trick and Track”, sagte ich blitzschnell. „Wie denn sonst?” Die Antworten kommen sofort aus allen Richtungen geschossen: „Huey, Dewey and Louie”, ruft eine englische Studentin drei Busreihen weiter. „Qui, Quo et Qua“, ergänzt ein Italiener. „Riri, Fifi et Loulou“, ein Franzose und „Kwik, Kwek en Kwak“, die Holländerin, die das lustige Fragespiel überhaupt in Gang gesetzt hatte.

Weitere Namensnennungen sind unter anderem „Rip, Rap og Rup“ (Dänisch), „Ole, Dole og Doffen“ (Norwegisch), „Knatte, Fnatte och Tjatte“ (Schwedisch) und „Tupu, Hupu ja Lupu“ (Finnisch). Mein persönlicher Favorit ist die spanische Version „Jorgito, Juanito y Jaimito“.

Aber das mag auch daran liegen, dass ich mich gerade in Spanien befinde, genauer gesagt in einem Überlandbus, der eine bunt zusammengewürfelte Gruppe europäischer Studenten im Rahmen eines Sprach- und Kulturkurses der Studentenorganisation AEGEE von der nordspanischen Stadt Vigo zu einer benachbarten Bucht bringt. Dank des gleichermaßen amüsanten wie lehrreichen Fragespiels vergeht die Zeit trotz Staus wie im Fluge.

Das war 1997. Lange bevor das Internet alle Facetten unseres Lebens durchdrungen hat. Unter anderem die Schnäppchenjagd. So ist es gut denkbar, dass sich im kommenden Sommer AEGEE-Mitglieder ihre Reise- oder Wartezeit mit folgendem Spielchen vertreiben. „Hey, you! How is the sender of the shopping club Vente Privée called in your Country?“ „Nina von Winterfeld”, wird der Deutsche sagen. „Mais non”, wird die Französin sagen. „C’est Cécile de Rostand“. Die spanische Fraktion wird von einer gewissen „Paloma de la Vega“ berichten, die italianische von „Sofia Dell‘ Ambra“ und die englische von „Victoria Scott-Richards“.

Ist das Nina von Winterfeld? Nein, nur ein Model von Vente Privee.


Jung, weiblich und modeinteressiert

Doch wie kommt Vente Privee auf diese Namen? „Nina von Winterfeld und ihre Kolleginnen in anderen Vente-Privee-Ländern verkörpern viele Mitglieder des Shopping-Clubs: weiblich, 30 Jahre aufwärts und modeinteressiert“, erklärt eine Firmensprecherin. Und warum schreibt man nicht einfach den Unternehmensnahmen die Absenderzeile, so wie jede andere Internetfirma auch? Auf diese Frage hat das französische E-Commerce-Unternehmen, das das Geschäftsmodell der Online-Shopping-Clubs 2001 erfunden hat, ebenfalls eine Antwort parat: „Die Idee ist, Vente Privee ein Gesicht zu geben. Unsere Mitglieder sollen sich persönlich angesprochen fühlen.“ Dies sei Teil des „qualitativen Mitgliederservices“, der inhouse von Länderteams in der jeweiligen Landessprache erfolge.

Das ist interessant, heißt aber auch, dass ich die junge adelige Dame, die mir andauernd verführerische E-Mails schreibt, niemals kennenlernen werde. Sie ist nur virtuell. Aber das sind Tick, Trick und Track ehrlich gesagt auch. Und als sie erfunden wurden, konnte sich kaum jemand etwas Konkretes unter dem Begriff „Virtuell“ vorstellen.

 
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Auf meinem Bahnbonus-Konto haben sich 3500 Punkte angesammelt. Damit sie nicht verfallen, stöbere ich nach Prämien. Ich entscheide mich gegen sinnfreie bzw. unnütze Angebote wie „Reise-Ordnungsset“, „Brottasche sand-weiß“, „Linien-Laser“ und eine Armbanduhr mit DB-Logo. Und wähle sechs Upgrade-Gutscheine für die erste Klasse. Da werde ich bestimmt von vorne bis hinten verwöhnt – vom kostenlosen Kaffee über die Nackenmassage bis hin zur Pediküre.

Doch die Bahnwirklichkeig sieht anders aus: Zunächst suche ich als gelernter Printredakteur nach Tageszeitungen. Vergeblich. Okay, am zweiten Weihnachtstag erscheinen keine Zeitungen. Aber ist es denn wirklich zu viel verlangt, ein paar Exemplare vom Vortag auf Halde zu legen? Die Bahnkioske sind doch auch voll mit Sonntags- und Wochenendausgaben diverser Titel.

Danach strömt leckere Kaffeegeruch durch den Waggon. Da der Bahnangestellte, der ein Tablett mit verschiedenen Kaffeesorten unterwegs ist, keine Geldbörse dabei hat, gehe ich davon aus, dass die Getränke kostenlos sind. Zumindest eines pro Person. So wie im Flugzeug. Doch als der Bahner dem Nachbarn 3,80 Euro abknöpft, werde ich eines Bessere belehrt.

„Egal“, denke ich, „dafür gibt es Bahn-TV“. Doch wider Erwarten sind in keinem Erste-Klasse-Waggons Bildschirme in den Vordersitzen installiert. Nolens volens grade ich mich selbst herunter – vom audivisuellen zum reinen Hörvergnügen. „Doch wo zum Teufel sind die Buchsen für die Kopfhörer? Sie sind doch sonst immer in den Armlehnen versteckt! Selbst in der zweiten Klasse!“

„Na gut. Mal schauen, wie gut die WLAN-Verbindung ist.“ Doch obwohl der Zug auf einer ausgewiesenen WLAN-Strecke fährt, findet mein iPhone kein Signal. „Das funktioniert hier nicht“, belehrt mich der Schaffner. Und wenn wir es hätten, würde es 4 Euro die Stunde kosten. Auch in der ersten Klasse.“ Ja, Herrschaftszeiten! Gibt es denn hier überhaupt irgendwas umsonst? Die Frage verhallt in den Weiten des nur zu einem Viertel gefüllten Waggons.

Zumindest habe ich hier schön viel Platz und muss mich nicht mit anderen Reisenden um Sitzplätze prügeln. Schadenfroh suche ich einen Waggon der zweiten Klasse auf und muss erschreckt feststellen, dass dieser gar nicht überfüllt ist. Enttäuscht lehne ich mich in meinem Sessel zurück, über dessen komfortable Breite ich mich vor meiner Diät bestimmt noch gefreut hätte.

Kurz vor der Ankunft in Frankfurt macht der Schaffner uns ein Friedensangebot. Insbesondere der jungen Dame vor mir, die sich zuvor lautstark darüber beschwert hatte, dass es im Zug kein Internet gibt. „In London hat das jeder Bus!“ Der Bahnmitarbeiter reicht jedem Gast ein kleines Täfelchen Schokolade. Ich lasse mir das Incentive genussvoll auf der Zunge zergehen. „Wie gut, dass ich erste Klasse gebucht habe!“ Aber mal im Ernst: Das nächste Mal fahre ich wieder zweiter Klasse. Da weiß ich wenigstens, was ich nicht habe.

 
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Dass die langjährige Beschäftigung mit dem Thema Dialogmarketing mitunter schwer wiegende Auswirkungen auf die private Kommunikation haben kann, zeigte sich bei einem Besuch im heimatlichen Bremen. Auf die Frage, was denn in der Post gewesen sei, antwortete mein Vater nur unwirsch: „Nichts! Nur Reklame!“ Nachdem ich den Posteingang kurz gemustert hatte, konnte ich mir eine besserwisserische Bemerkung nicht verkneifen: „Das ist keine Reklame, Papi“, belehrte ich meinen alten Herrn. „Das ist eine teiladressierte Postwurfsendung!“ Die Weisheit, dass in der Werbewelt kein Mensch mehr den antiquierten Begriff „Reklame“ benutzt (Experten nutzen Fachbegriffe wie Marketing, One-to-One-Kommunikation, integrierte Kommunikation oder 360-Grad-Kommunikation), behielt ich für mich. Man muss ja nicht gleich übertreiben. Außerdem war ich gerade auf dem Sprung. Zu einer Party. Zur Adressgenerierung. Mittels One-to-One-Kommunikation natürlich.

 
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Die Tatsache, dass die Zeitschrift, für die ich arbeite, nicht nur über nackte Geschäftszahlen sowie Fusionen und Übernahmen schreibt, sondern auch über Modetrends, übt eine enorme Anziehungskraft auf Modestudenten (Modedesign etc.) aus. Ich nenne sie liebevoll „Fashion Victims“. Sie bewerben sich scharenweise bei dem Blatt und weisen häufig mehr Modewissen auf als ich.

Das führt mitunter zu bizarren Situationen. Zum Beispiel, als ich eine Praktikantin beauftragte, eine Meldung über den Tod des britischen Musik- und Mode-Managers Malcom McLaren zu schreiben. Dieser war Zeit seines Leben mit der Designern Vivien Westwood verheiratet, was auf der Gegenseite sofort einen Schrei der Entzückung auslöste: „Ooooooooooooooh, die macht sooooo tolle Sachen!“ Da dies für die Meldung unerheblich war und mich – ehrlich gesagt – auch nicht sonderlich interessierte, antwortete ich nur unwirsch: „Schreib einfach die Meldung! Und produziere nicht wieder so viele Nebensätze und Passivformen!“

 
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Juni 2010

Während meines Urlaubs in der Türkei treffe ich eine Direktorin einer slowenischen Online-Marketing-Agentur. Ihr Name: Barbara. Doch damit nicht genug: Es ist noch eine Barbara vor Ort, und auch sie kommt aus Ljubljana. Wir haben also zwei Barbaras. „Nein“, belehrt mich Barbara Nummer zwei. „Im Slowenischen heißt es ‚Barbari'“, sagt sie und fügt zur meiner bereits bestehenden Verwirrung noch eine weitere hinzu: „Und wenn es mehr als zwei Barbaras sind“, sagen wir Slowenen ‚Barbare‘.

Ganz abgesehen davon, dass in vorliegenden Fall durch Multiplizierung aus einem schönen weiblichen Vornamen eine Assoziation mit etwas Grausamem, nämlich dem Wort „Barbar“ wird: Warum in Gottes Namen braucht man ein Wort für drei Barbaras und mehr? Gibt es etwa in Slowenien regelmäßig Treffen von Frauen, die zufällig alle Barbara heißen und die bei der Begrüßung mit dem richtigen Anrede (Liebe Barbare!“) angesprochen werden wollen?

Barbara II weiß leider keine Antwort. Daher schiebe ich eine zweite Frage nach: „Wie lauten die Pluralformen von Bert?“ Die Lösung folgt prompt: „Zwei Berta, drei Berti“. Berta? Ändert sich etwa das Geschlecht, wenn zwei Berts aufeinander treffen? Und welche Gemeinheit steckt hinter dem Plural Berti? Viele Freunde, Arbeitskollegen und Familienmitglieder nennen mich so seit Jahren! War das etwa stets eine Anspielung auf mein Gewicht? Dass ich mit meinen einst 107 Kilos gut und gerne zwei magersüchtige Berts – Verzeihung: Berta – aufgewogen hätte, muss ich zähneknirschend zugeben. Aber drei Berts und mehr? Das nehme ich als Beleidigung auf! Wirklich unerhört!

 
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Zeit Online hat sich mit dem Engagement der großen Modemarken im Social Web beschäftigt – und dabei auch Modemarketing-Redakteur Bert Rösch befragt. Aber lesen Sie am besten selbst:
http://www.zeit.de/lebensart/mode/2010-01/mode-social-networks

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